»Hedwig, ich kann’s nicht mehr mit ansehen, wenn andere sich freuen und ich allein davon ausgeschlossen sein soll. Laß mich lieber fort, mein Kind, ich will –«
Aber sie hielt ihn noch. Fest lag ihre Hand in der seinen.
»Dazu bist du ja viel zu gut,« sagte sie weich und mitleidig, wie selten ein Mensch zu dem Unglücklichen gesprochen. »Willst du mir denn auch die ganze Freude rauben?«
»Dir auch?«
»Ja natürlich – für dich haben wir doch den Baum geputzt.« Immer noch ruhte ihre Hand in der seinigen, jedoch mit der anderen riß sie jetzt hastig die Tür auf.
Ein breiter, strahlender Lichtschein fiel auf den dunklen Flur und übergoß das eng beieinanderstehende Paar mit seiner Helle.
Groß, dunkelgrün, mit weithin reichenden Zweigen stand der Tannenbaum mitten in der Stube, bunte Papierketten ringelten sich von Ast zu Ast, unzählige Wachskerzen flimmerten, und hinter ihm harrten die Leute des Gehöfts, Männer und Frauen, alle sonntäglich gekleidet, daß der Herr des Hauses das Fest mit ihnen begehen solle. Ganz vorn vor dem Baum aber hatte Hedwig zwei kleine Mädchen aufgestellt, Kinder, die Hofleuten gehörten. Sie hielten rote Papierrosen in den Händen und sangen mit schwachen Stimmen ein Liedchen, das mit den Worten schloß:
»Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.«
Als sie ausgesungen hatten und Wilms in den Lichterglanz hineinsah und in die erwartungsvoll-feierlichen Gesichter seiner Leute, da hielt er sich nicht länger, er legte langsam die Hand vor die Augen und weinte bitterlich.
Und die Hofleute nickten einander zu und stießen sich heimlich an, als wüßten sie, was ihren Herrn bedrücke.