»Schadet nicht – ich fahre allein – adieu!«

Sie hieb mit der Peitsche zu, der Braune, ein Renner mit halbenglischem Blut, machte einen Seitensprung und flog mit ihr vom Hofe herunter.

Windschnell ging es über die weiße Landstraße. Die kleinen Schlittenglocken klangen und klingelten, ringsum war keine Menschenseele zu erspähen, alle hatten die Kirche aufgesucht, nur sie, sie allein genoß jetzt die weiße, blitzende Landschaft.

Wie ihre Wangen sich röteten, wie die Augen vor Lust und Freude blitzten. Die letzten, dumpfen Wochen waren vergessen, das war wieder die Hedwig von ehemals.

Als sie bei der Kirche von Boltenhagen vorbeiglitt, kamen die Gläubigen gerade heraus, der ganze Platz wimmelte von festlich gekleideten Männern und Frauen. Ihr war es auch, als hätte sie auf der Portaltreppe ihren Schwager erkannt, der in seinem langen, schwarzen Rock und seinem wolligen Zylinder auf den Stufen stand und nach dem Gespann hinübersah.

Hui! Ein neuer Schlag traf den Braunen, so daß das kleine Gefährt wie ein Gedanke vorüberschoß. Sie wollte einmal allein sein, alles vergessen, alles abschütteln.

»War sie’s? – War sie’s nicht?« dachte Wilms und strengte seine Augen aufs äußerste an. »Nein, sie hat ja auch versprochen, mich zu erwarten,« beruhigte er sich dann. Die Sehnsucht von vorhin ergriff ihn immer heftiger. Mächtig schritt er aus, um heimzugelangen.

Währenddem war Hedwig auf freies Feld gelangt. Wie ein ungeheures, erstarrtes Meer dehnte es sich zu beiden Seiten der Chaussee, die Grenzbüsche und die kleinen eisbereiften Tannenschläge schienen enorme Sturzwellen, die in der Höhe festgebannt waren. Nur leichte Schaumflocken trieb der Wind manchmal ab.

Tief aufatmend fuhr Hedwig dahin und gönnte ihrem dampfenden Braunen jetzt größere Ruhe. Und Schritt vor Schritt, manchmal mit lautem Wiehern, zog das Tier den Schlitten durch den tiefen Schnee, wohl zwei Meilen Wegs, bis sie ein winziges an der Landstraße liegendes Gasthaus erreicht hatten, das man in dortiger Gegend »Krug« nennt.

Hier warf das Mädchen dem Braunen eine Decke über, stieg ab und betrat die niedrige weißgetünchte Gaststube. Ein kolossaler Kachelofen verbreitete hier eine enorme Hitze. Ein derber, weißgescheuerter Kieferntisch stand vor dem Fenster, ein paar ungefüge Stühle davor, sonst bildeten nur noch ein schwarzes, fettglänzendes Ledersofa und mehrere Öldruckbilder, welche glückliche Familienszenen darstellten, das Meublement der verlassenen Gaststube.