»Ja, ja, ich schicke es Ihnen.«
Nur noch das Barett aufgesetzt, das sie abgelegt hatte, und sie konnte hinauseilen. Mit hastigen Fingern rückte sie es sich zurecht, da schallten Tritte den Flur entlang, und gleichzeitig sah Hedwig durch das Fenster, wie der Krugwirt ein gesatteltes Reitpferd dicht neben ihren Schlitten hinausführte.
Jetzt hoffte das Mädchen nur noch, daß der Mann, dem das Roß dort draußen gehörte, an der geschlossenen Tür der Gaststube vorübergehen würde. Aber das Schicksal wollte es anders. Die Tür wurde aufgemacht, ein schlanker Mann, in grauem Wams und Pelzmütze, guckte herein und rief gutmütig:
»Sie, Frau Wirtin, ich hab’ doch noch die paar Taler zugelegt – wir sind jetzt einig. Aber wehe Ihnen, wenn’s nicht wirklich eine Whalebonestute ist. – Na, guten – – –«
»Morgen,« wollte er sagen, indessen mitten im Wort fiel sein Blick auf die Dame, die ihm zuvor den Rücken wandte, deren Gestalt ihm aber so einzig vorkam, daß er sie sofort erkannte. Da erblaßte auch er und verlor die Herrschaft über sich. Allerlei Entschlüsse fuhren ihm wild durcheinander. Sollte er nicht lieber einfach aufbrechen? Oder wollte er es doch noch einmal wagen, vor das schöne Mädchen, das er so beleidigt hatte, hinzutreten?
Wenn sie ihm nun vor der Krugwirtin die Tür wies?
Er starrte ungewiß auf sie hin und merkte, daß über ihre abgewandte Figur ein Zittern lief, als wenn sie ebenfalls mit sich kämpfe. Plötzlich kehrte sie sich hastig um. »Wie gesagt, ich habe das Geld vergessen – ja, ich – ich schicke es Ihnen aber, liebe Frau,« brachte sie verworren hervor, um nur irgend etwas zu äußern, und schritt rasch auf die Tür zu, auf deren Schwelle ihr Bedränger von ehemals noch immer verharrte.
Sie blickte nicht auf. Jedoch in ihrer ganzen Art drückte sich soviel Trotz, Kraft und Selbstbewußtsein aus, sie war in ihrer Verwirrung so eigenartig schön, daß Brachwitz vollkommen überwältigt zurücktrat und die Mütze vom Kopf riß.
»Guten Morgen,« murmelte er mit einer respektvollen Verbeugung, während sie an ihm vorüberschritt.
Sie neigte unmerklich das Haupt, und flog dann auf die Landstraße hinaus. Dort hatte der Krugwirt ihrem Braunen einen Futtertrog umgehängt, und hielt nun den Rappen seines vornehmen Gastes, so daß er dem Mädchen nicht behilflich sein konnte, ihr Tier von der umgehängten Blechbüchse wieder zu befreien.