Die Magd schrie auf. »Ne, ne, Fräulein, sie bewegt sich ja – heben Sie ihr den Kopf.«
»Ja, ja – sie lebt,« wiederholte Hedwig erwachend.
Gottlob, was eben vor ihren Ohren gesaust und gebraust hatte, war nicht wahr. – Sie hatte ihr wohl den Tod gewünscht, aber das war im Fiebertraum, in einer Vision geschehen. – Sie lebte ja – sie lebte – Gott sei Dank. Jetzt waren es nur Gedanken gewesen, schlimme Gedanken, aber kraftlos – großer Gott – sie lebte ja.
Mit starken Armen umfaßte sie den starren, zuckenden Leib und trug ihn, wankend und zitternd unter der Last, zum Erstaunen der Magd allein, ohne Hilfe in das große Zimmer. Dort entkleidete sie die Schwester und bettete sie auf das Lager, das die Hausherrin wieder aufnahm in seine weißen Kissen.
Ja, die Kranke kehrte zurück in die linnene Gruft.
Ob für immer?
»Nein, dann gab es ja noch die feuchte, die schwarze Ruhestätte, auf der Blumen blühen,« dachte Hedwig, die wie früher an dem Bett saß und auf die sich regenden Atemzüge der Kranken lauschte. Und diese Behausung hatte sie der Schwester gewünscht, grübelte sie weiter, um allein den Mann zu besitzen, dessen Herz ihr schon gehörte, den sie erzogen, gebildet, veredelt hatte, und der sich nach ihr sehnte, wie nach der Erlösung. Der morsche Körper dort sollte im Grabe liegen, und der junge blühende Leib bei dem geliebten Manne. Sie fuhr auf und blickte nach der Kranken hin. Inzwischen hatte sie ihre ganze Kraft und Besonnenheit zurückgewonnen. Sah das wächserne, bleiche Gesicht der Leidenden nicht schon aus, wie das einer Leiche? – Ja, Hedwig war sich jetzt völlig klar. Die Kranke unten – sie selbst oben. Das war das Rechte, keine Sünde, es zu wünschen, nur der Lauf der Natur.
Leise erhob sie sich, um durch das Fenster auf die Landstraße hinauszuspähen; ob Wilms und der Arzt noch nicht kämen, nach denen sie sofort geschickt hatte. Dabei mußte sie an dem langen Mahagonispiegel vorüber. Unwillkürlich blieb sie vor ihm stehen und zog sich die Taille zurecht.
Das Glas zeigte ein wunderschönes, zur Reife strebendes Weib, ganz dazu geboren, um zu wirken, zu schaffen und glücklich zu machen. Sie lächelte schwermütig, als sie sich musterte. Noch sah sie hinein, da befremdete sie etwas. Auch das Bett hinter ihr spiegelte sich in der Scheibe und jetzt – täuschte sie sich? nein, die Kissen bewegten sich, die magere Gestalt richtete sich auf, und ein paar umflorte, düster umschleierte Augen starrten nach ihr hin.
»Hed – wig,« stöhnte etwas.