Die Gerufene flog zu Else hin und ergriff ihre Hand, die Kranke schaute sie gläsern an, als suche sie sich zu besinnen.

»Wie komm’ ich hierher?« flüsterte sie und befühlte angsterfüllt die Kissen des Bettes.

Plötzlich schob sie sich an Hedwigs Brust, stieß jedoch plötzlich die Schwester mit heftigstem Abscheu von sich.

»Else, ich bin es ja,« rief Hedwig befremdet, »erkennst du mich denn nicht?«

Allein die Bedauernswerte schien schon zu phantasieren. Sie wälzte sich stöhnend herum und bedeckte ihre Augen mit einem Kissen, wie wenn sie dem Anblick der Schwester entfliehen wollte.

»Ja, ich erkenne dich,« wimmerte sie mit so schriller Stimme, daß es die Jüngere wie mit spitzen Nadeln durchdrang. »Du hast dich hier eingeschlichen, um mir mein Glück zu stehlen. – Du wartest nur auf meinen Tod! – – Aber ich sterbe noch nicht – ich mache dir nicht Platz – ich will leben – hörst du, ich will leben!«

Hedwig verstand, um was es sich handelte. Kalt rann es ihr über den Rücken hinab. Immer den Blick auf das schluchzende, schmerzzerwühlte Weib gerichtet, tastete sie sich rückwärts zum Tisch und umklammerte dort fest die Kante. Auch sie mußte sich halten. Alles schwankte und fiel in ihr, aber während des Hinstarrens biß sie noch immer die Zähne trotzig zusammen.

Nie war sie so schön, wie in diesem stummen Ringen mit der Sterbenden.

Da raffte sich die Fiebernde nochmals auf und krallte beide Fäuste nach der Schwester. Der höchste Paroxysmus war erreicht. Hedwig grauste. Gespenstisch sah die Verfallene mit dem schwarzen Schatten im Gesicht bereits aus, als ob eine Tote noch die Fäuste schüttele.

»Geh’ mir aus den Augen,« kreischte das arme Weib – »fort – fort – ich will dich nicht sehen – du willst mich vergiften –! – Meinen Mann hast du auch verführt, – heut nacht warst du bei ihm – ich weiß alles – Jesus Christus, Ehebrecherin du! – Jesus – Erbarmen.« Dann ein langes Röcheln, und sie fiel ohnmächtig auf ihr Lager zurück.