Pastor Schirmer, der gutmütige, greise Geistliche, hatte seinem Pfarrkind versprochen, bei ihm auszuhalten, und so fand das einströmende Tageslicht die blonde Frau in einem tiefen Schlaf, aus dem sie erquickt erwachte. Zu seinem Erstaunen erfuhr der Pastor, daß die Leidende sich wohler fühle. Nur das, was sie sprach, erschien ihm gereizt, wirr, unzusammenhängend, auch funkelten die Augen unruhig über alle Gegenstände im Zimmer umher. Ihre mageren Finger befanden sich in beständiger Bewegung und kratzten auf der Bettdecke auf und ab.
»Hedwig – soll kommen – und mich kämmen – und waschen,« verlangte die Kranke dann, »und soll – einen Spiegel mitbringen.«
Der Geistliche schüttelte besorgt das Haupt, aber er schickte doch nach dem Mädchen hinauf, um sich dann selbst mit herzlichen Worten zu verabschieden.
Wilms trat leise in das Wohnzimmer, jedoch sein Weib beachtete ihn gar nicht und erst, als er ihr scheu »Guten Morgen, Elsing« bot, lächelte sie sanft und sah vor sich nieder. Sie schien sich mit ihren Gedanken kurz nach ihrer Hochzeit zu befinden, denn sie flüsterte verschämt:
»Wenn ich – ein Kind bekomm’, – und es – wird ein Mädchen, dann – soll Hedwig – Pate stehen. – – Ist Hedwig noch nicht da?«
Und immer in tiefen Gedanken löste sie ihr Haar, nahm es nach vorn und wickelte eine Strähne um ihren Finger. Als Hedwig endlich erschien, blickten sich die beiden Schwestern einen Moment lang seltsam an. Else sanft und glückselig lächelnd, die Jüngere hingegen erschrak und konnte sich das Bild nicht erklären.
»Komm’, Heting,« flüsterte die Kranke, die von allen Schmerzen befreit schien, »waschen und – kämmen – das viele Haar drückt mich auf den Kopf – hast du auch so weiches Haar? – Sieh mal, ich kann mich ganz drin einwickeln – Wilms freute sich immer damit – – – Heting« – hier herzte sie die jüngere Schwester zärtlich und streichelte ihr die Wange, »wenn du seine Frau bist, mußt du es auch immer aufmachen. – Dann küßt er es. –« – Und während sie mit ihrem fahlen Gesicht in den Spiegel sah, summte sie:
»Ihr Schlafenden im Friedensreich
Gönnt allzugleich
Auch mir ein Räumlein neben euch.«
Aber es war eine Tanzmelodie, wonach sie sang, und sie machte ihrem Spiegelbild ein neckisches Gesicht, als ob sie sich sehr schön fände.
Kalt durchschauert blickten die beiden anderen auf sie hin. Dies war das Furchtbarste, was sie mit der Leidenden bis jetzt durchgemacht hatten.