Leicht, kalt, liebenswürdig hatte sie das alles hingeworfen, jetzt erhob sie sich mit ihrer tadellosen Haltung, um dem Pastor einen Teller mit Kuchen und Früchten zu präsentieren. Sie war eine vollkommene Dame.
»Bitte, Herr Pastor – nicht ein Pfefferkuchen gefällig? – Nein? – Nun dann aber einen Apfel, – ich werde ihn gleich schälen – Sie erlauben.«
In der Gesellschaft war eine peinliche Stille entstanden. Selbst die Wangen der Kranken, die solange teilnahmslos in ihrem Stuhle gelegen hatte, färbten sich hektisch rot; mit heftigem, unvorsichtigem Tonfall flüsterte sie kurzatmig und gereizt:
»Einen Brief vom Herrn Grafen an dich? – Hedwig, das ist doch nur Scherz, nicht wahr? – Sag’ das doch den Herrschaften.«
Ja, sie waren alle sehr begierig, dies zu wissen. Die Försterin, deren tiefblaue Nixenaugen vor Neugier strahlten und leuchteten; die Pastorin, die wie ein Pfahl dasaß und alles in hohem Grade unmoralisch fand; und die dumme, kleine, dralle Paula, die es gar nicht erwarten konnte, in solche Heimlichkeiten einzudringen.
Ach, sie fand Hedwig »süß« und »wundervoll«.
Aber der junge Brachwitz ließ die Aufgerufene zu keiner Antwort kommen:
»Ein Scherz?« wiederholte er dringend, indem er Hedwig aufmerksam betrachtete. »Ja, leider wurde es von den jungen Damen nur als Scherz aufgefaßt, obgleich es mir verteufelt bittrer Ernst war. Warum übrigens nicht? – Ich war jung und hatte mich in ein paar von den allerliebsten Pensionärinnen wirklich verliebt. Wissen Sie noch, Fräulein Hedwig?«
Hedwig wurde plötzlich sehr blaß, der Pächter bemerkte, wie ihre Hand sich unwillkürlich öffnete und zuckend wieder schloß, aber äußerlich erwiderte sie gelassen, während sie den Hahn der Teemaschine drehte: »Gewiß – Sie machten es uns ja oft recht deutlich, Herr Graf« –
»Gleich in ein paar?« echote die Pastorin, die Worte des Grafen wiederholend, leise und entrüstet. Die Unterhaltung des jungen Herrn begann allen sichtlich zu mißfallen.