»Je, mit dem stand das anders. Als der arme Jung so mit ansehn mußte, wie die Dirn zu Pasters lief, und was sie da alles hörte, und wie sie immer feiner wurde und beinah ein Fräulein, da setzte er sich das in den Kopf, Pastor Witt müßt ihm auch helfen. Dadurch betrieb er die Fischerei leider man recht nachlässig, saß ganze Nächt' in dem Boot wie im Traum da und hat von Siebenbrod, der allmählich ein recht geiziger Filz geworden ist, und der immer nur das Wort im Mund führt »sparen, sparen«, manchmal erbärmliche Hiebe mit dem Tauende bekommen. Aber glaubst du wohl, daß das was nützte? Nicht einen Happen. Der Jung wurd' bloß immer stiller und in sich gekehrter, und eines Sonntags, als er in der Kirche die Predigt mit angehört hatte und sie zu Ende war und der muntere Pastor Witt in die Sakristei ging, wo Küster Bollentin immer mit einem Glas Wein auf ihn warten muß, da ging er ihm nach. Und da stand er nun vor ihm und drehte an seiner Mütze und sagte endlich: >Herr Paster,< fragte er, >is es wahr, was Line sagt, daß sich die Erde dreht?<
»>Ja,< meinte Pastor Witt ein bißchen verwundert, >das hat sie so an sich.<
»Da fragte Hann weiter: >Herr Paster, wie muß ich das anstellen, daß ich von dem Drehen auch was merken tu'?<
»Da hat nun Pastor Witt recht laut und herzlich aufgelacht, was ich sehr unrecht von ihm find', und hat zu Küster Bollentin gesagt: >Kuck Er sich eins den Jungen an. Das ist ein Philosoph.< Und nachher hat er ihm so behaglich auf dem Kopf herumgetätschelt und hinzugefügt: >Hör eins, mein Jünging, ich will dir was sagen, das Drehen kannst du auf dreierlei Arten merken. Erstens, wenn du später auf einen Tanzboden gehst. Oder zweitens, wenn du mir mal helfen wolltest, wenn ich grad meinen Malagawein abzieh' — was? Küster Bollentin, dann merkt man's. — Und am allerbesten, sobald du dich mal in ein recht gelehrtes, unverständliches Buch vertiefst. Sieh, wenn du da nicht die Drähnung kriegst, dann hast du keine Anlage dazu. Aber laß man, ich mach bloß Spaß.<
»>Herr Paster,< hat nun Hann gerufen, und die Tränen traten dem Lümmel in die Augen, und er hielt den geistlichen Herrn ordentlich an seinem Talar fest, >darf ich nicht auch mal mitkommen, wenn Sie Line solche Bücher zeigen?<
»>Ja, warum nicht?< meinte Pastor Witt und kratzte sich ein bißchen verlegen im Haar. >Aber wozu willst du das?<
»>Oh, Herr Paster,< schluchzte Hann, >damit Line nicht so stolz wird, und damit ich wieder mit ihr sprechen kann, so wie früher.< Und dabei schüttelte es ihn durch alle Glieder.
»Sieh, da wurd' der dicke kleine Herr Pastor ganz stutzig und trat zurück und kuckte sich den heulenden Jungen aufmerksam von allen Seiten an und sagte endlich zu dem Küster, aber ganz leise: >Bollentin, weiß Er, was ein Roman is? — Ja? — Na also, hier steckt einer.< Und dann gab er Hann kurz die Erlaubnis und schob ihn sacht zur Sakristei hinaus.«
Hier machte der Mistkutscher eine Pause und horchte über das knackende Feld, über das ein merkwürdig hallender Ton hinwegzog. »Hörst du?« keuchte er und schlug, lang ausholend, auf seine beiden Schimmel ein. »Dort drüben meldet sich all die Dorfuhr. Es ist dreiviertel auf zwölf, und Silvester muß ich an Ort und Stelle sein, — hüh.«
Mit einem Ruck zogen die beiden Gäule stärker an, und der Dampf, der aus ihren Nüstern quoll, umlagerte uns wie eine schwebende Wolke. Rechts und links tauchten jetzt große Schneemassen auf, aus denen Lichter blickten. Das waren aber nur versunkene Häuschen, die aus ihrem Daunenbett herauslugten.