»Ja — aber woher weißt du denn den Inhalt?« fragte Hann ganz betroffen.

Line zuckte zusammen, blickte sich blitzschnell nach der Tür um und atmete endlich tief auf. Und während ihr das Blut die Wangen glühend färbte, bezwang sie sich und versuchte zu lachen: »Mußt es nicht weitersagen, Hann,« stotterte sie, — »ich — war so neugierig — du weißt ja — und da hab' ich den Brief in der Küche über dem Wasserdampf ein bißchen geöffnet — bloß ein bißchen. Dabei is doch nichts? Was? — Aber nicht weitersagen! — Hörst du?«

Allein Hann stand ganz niedergedonnert vor der lieblichen Verbrecherin. Er schämte sich derartig, daß er zitterte, als hätte er selbst das Unerhörte begangen.

»Aber Lining,« murmelte er, »wie konntest du das bloß — — wie —«

»O, das war doch nur Spaß.«

»Ja, aber wenn nu einer aus Spaß stehlen wollte?« sprach er in seiner philosophischen Methode weiter.

Jedoch Line war bereits wieder ganz getröstet. Sie versetzte ihm mit ihrer kleinen Faust einen neckischen Puff in die Seite, und während sie ihn lachend zur Tür hinausschob, rief sie ihm in ihrer gedämpften, kaum hörbaren Art über die Treppe nach: »I, du bist nicht klug, du dummer Junge. — Und nun grüß alle zu Haus. Auch Klara Toll. Und bring uns bald wieder was Gutes zu essen. Hörst du?«

»Ja, gern, Lining,« sprach der Schiffer vor sich hin, während er noch halb befangen die Treppen hinuntertappte. »Und wenn du mir's erlaubst, dann komm' ich auch bald wieder; aber — aber —«

Damit blieb er vor dem Hause stehen und sah noch lange bekümmert zu dem Fenster hinauf, an dessen Scheiben sich so silberne Eisblumen rankten und hinter welchem die Hyazinthen so süß geduftet hatten.

»Ja, ja,« seufzte er endlich aus seinem Traum tief auf: »Das is auch nichts anderes als so 'ne untergegangene Stadt aus den Kinderjahren. Ja, ja — aber will man nach Haus gehn.«