Der Konsul blieb stehen, zupfte abgewandt an seinem Bett herum, klappte mit den Pantoffeln und schlug endlich ungeduldig auf das Kopfkissen. — — »I was, Zufriedenheit,« knurrte er barsch heraus. »Was brauchen Sie sich aus meiner Zufriedenheit zu machen? — Sie leisten ja das Ihrige. — Das ist es eben. — Na, ich muß mir mal Luft machen, Sie nehmen mir das nicht übel, oder, wenn Sie's tun, dann kann ich mir auch nicht helfen. — Also kurz und gut, Sie leisten genug, verstehen Sie, ich meine, was den Erfolg betrifft; diese beiden Abschlüsse zum Beispiel hier, besonders der aus Holland, an dem haben andere Angestellte von mir durchaus vergebens herumgedoktert; aber Sie? — Sie kommen einfach und haben so eine Art, den Leuten Geschichten vorzuerzählen, die Vorsichtigsten so zu blenden, daß — — —«
Bruno klopfte das Herz. Was er da von seinem Charakter vernahm, erschreckte ihn unwillkürlich: »Herr Konsul,« unterbrach er stockend, »Sie wollen mir doch nicht vorwerfen, daß ich Ihre Kunden durch lügenhafte Berichte täusche?« Seine Rechte schloß sich dabei krampfhaft um die Ledermappe.
»I bewahre, fällt mir gar nicht ein,« fuhr der Werftbesitzer fort, während er wieder auf das Kissen schlug — »Lügen!? — I wo, so dumm werden Sie doch nicht sein. Nein, aber Sie besitzen so eine Einbildungsgabe, so eine — na, wie drück' ich mich aus? — solch eine Kraft in Ihren Schilderungen, daß Sie einen ordentlich zwingen, alles das zu sehen, was Sie sich selbst dabei vorgestellt haben.«
»Und das wäre etwas so Schlimmes?« brachte Bruno staunend hervor.
Er wollte die Achsel zucken. Aber er vermochte es nicht. Immer enger und drückender legte sich ihm die Unruhe ums Herz, ein leises Frösteln überlief ihn. Er konnte sich durchaus nicht mehr zwingen, alles das kindisch zu finden, was der verbitterte Mann dort vorbrachte.
»Schlimmes?« wiederholte Hollander ärgerlich, wandte sich nach ihm um und ließ sich schwerfällig vor dem jungen Mann auf den Holzstuhl nieder. »Ja, das weiß ich auch nicht. — Es ist vielleicht nur der Anfang. Ich will Ihnen, lieber Klüth, mal ganz reinen Wein einschenken. Während Ihrer ganzen Lehrzeit hab' ich Sie beobachtet. Das wissen Sie. Und da frage ich Sie: Haben Sie jemals ordentlich gearbeitet? — Nein! War auch nicht nötig. Ihnen ist alles angeflogen. Warenkenntnisse, technische Erfahrung, Handelsrecht, Sprachen und so weiter! Alles so im Handumdrehen! Von einem Posten zum anderen sind Sie aufgerückt. So im Flug — wenn auch heimlich gegen meinen Willen. — Aber ich konnte nicht recht was Stichhaltiges dagegen einwenden. Und nun kommen Sie nach der Hamburger Vertretung, die auch gut ausgefallen ist — sehr gut sogar, in mein Geschäft zurück, und wenn mich nicht alles trügt, dann haben Sie es jetzt auf die Prokura abgesehen. Sie möchten also jetzt mein Vertreter werden, dessen Unterschrift gilt wie die meinige. — Nicht wahr, Sie wollen jetzt auch unterzeichnen: >Johann Christian Hollander<? Sagen Sie mal aufrichtig, Klüth — ist es nicht so?«
Bruno sprang auf. Er fühlte, daß er an sich halten müßte, daß nur kalte, geschäftliche Nüchternheit hier zum Ziele führen könnte, allein die verletzende Art des Mannes, sein unverhohlenes Mißtrauen, das den Jüngeren all die langen Jahre hindurch immer und immer wieder aus diesen grauen Augen umlauert hatte, das ließ ihn jetzt alle Mäßigung vergessen. Was hatte er auch zu fürchten? Was sich vorzuwerfen? Waren nicht alle seine Gedanken stets auf den Vorteil dieses alten Sonderlings und seines Geschäftes gerichtet gewesen?