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Am Vormittag desselben Tages brachte der Diener des Konsuls die Teeeinladung an Fräulein Dewitz. Hinten auf der englischen Karte stand in der schönen, klaren Schrift Dina Hollanders geschrieben: »Fräulein Line kommt natürlich mit.«
»Hörst du, wie nett sie schreibt?« fragte Fräulein Dewitz wohlgefällig, als sie sich in der Küche die Brille abputzte. »Sie ist wirklich ein sehr wohlerzogenes Mädchen. Du mußt ein bißchen auf ihre Manieren aufpassen, denn in diesen Schweizer Pensionaten lernt man das auf das feinste. — Und nun bind' dir die Schürze um, mein Kinding, damit das schöne, blaue Kleid nicht fleckig wird.«
Und während sich die Handarbeitslehrerin in der halbdunklen Ritze umsah, die »Küche« benannt wurde, weil auf einem sehr weißgescheuerten Tische ein Petroleumofen stand, leckte sie sich wieder befriedigt die Lippen und äußerte endlich halb fragend: »Sollen wir nicht die schönen Schnitzel bis morgen aufheben? Bei Hollanders gibt es immer so viel zu essen. — Und man sollte sich vorher den Magen nicht überladen. Was meinst du? — Ja, und was ich noch fragen wollte, was ziehst du dir denn an?«
»Oh,« entgegnete Line wegwerfend, »für wen sollte ich mich da wohl besonders fein machen?«
Die Lehrerin wiegte zweifelnd das Haupt. Allein sie widersprach nicht. Auch ihr war es immer ein heimliches und behagliches Gefühl, die guten Kleider recht lange geschont im Schrank zu wissen.
* * *
Zwischen drei und vier hielt das alte Fräulein im Alkoven ihr Mittagsschläfchen.
Dann herrschte sabbatliche Stille in den blankgescheuerten Räumen. Das Rouleau mit den blauen Bildern war herabgelassen, und hindurch strömte beruhigende Dämmerung. In dieser Stunde schlich Line stets auf Zehen umher, und man hörte nichts, als höchstens einmal das feine Läuten eines Schlittens, der vom Lande durch die Straße klingelte, dazwischen das ruhige Atmen der alten Dame.