Aber, weiß der Himmel, wieso ihr Schlummer heute immer wieder unterbrochen wurde. War es die Aussicht auf den Teeabend im vornehmen Hause des Konsuls, die sie erregte, oder raschelte und rauschte es wirklich so vernehmlich nebenan? Resigniert erhob sie sich nach einer Viertelstunde und öffnete die Tür zum Nebenzimmer.

Verdutzt blieb sie an der Schwelle.

Da bog sich Line vor dem alten Mahagonispiegel hin und her, neben dem sie ein Licht entzündet hatte, um ihre schlanke Gestalt in dem englischen, schwarzen Gewande, das knapp bis an den Hals schloß, besser betrachten zu können. Langsam strichen ihre Hände an der Taille herunter, dann ließ sie weich das Haupt nach hinten sinken. Ihre Brust dehnte sich, ihre Augen schlossen sich, es mußte ein wohliger Traum sein, der das junge Geschöpf entführte.

Fräulein Dewitz tastete nach ihrer Brille, aber sie fand sie nicht. Mein Gott, betrog sie denn der flackernde Lichtschein, oder vollführte Line wirklich dort solch merkwürdige Bewegungen? Der Kopf der alten Dame begann vor Erstaunen leicht zu zittern. »Mein Gott, Lining,« brachte sie endlich hervor, »was machst du denn da?«

Auf den Anruf ging ein unmerkliches Erschrecken durch die Glieder des Mädchens, dann wandte sie sich und um ihre Lippen spielte ihr kindliches, halb verlegenes Lächeln.

»O Tanting, ich wollt' ja nur einmal nachsehn, ob mir das Kleid nicht zu eng geworden. Du meintest doch selbst, daß es bei Hollanders heute so fein zugehn würde.«

»Ja, ja, das wohl.« Fräulein Dewitz schüttelte das Haupt und mußte wieder an die üppigen Bewegungen denken. »Ja, aber ein junges Mädchen sollte doch nicht so eitel sein, ich habe das nicht gern.«

Jetzt flog Line auf sie zu und schlug den Arm um sie: »Tanting, ich wollte dir doch nur einen Gefallen erweisen. Weißt du das nicht?«

»Mir?« Fräulein Dewitz sah ihrer Schutzbefohlenen in das schmale, lebhafte Gesichtchen und wurde versöhnt. Freilich, das war etwas anderes. »Na, denn geh hinaus, mein Kind,« entschied sie endlich, »und mach den Kaffee für uns beide. Nicht zu stark. Aber zuerst puste hier das Licht aus. Das wäre doch wirklich eine Verschwendung.«