Immer schwärzer sank die Dunkelheit in das enge Gäßchen. Und tiefer und bohrender grübelte Paul in sich hinein. Ja, ja, das war gerade das Merkwürdige in seiner eigenen Natur. Ganz deutlich empfand er, wie fremd seinem Innersten eigentlich all die Mitglieder seiner Familie geworden, dieser lebhafte, phantastische Bruno, diese zierliche, unberechenbare Line, aus der er nicht klug wurde; ja selbst Hann, mit dessen Unbeholfenheit er nur ein heißes Mitleid fühlte, und dennoch — ja, das war es — etwas Tiefes, Zwingendes, Angeborenes trieb, nein, geißelte ihn dazu, in jeder Stunde und mit allen seinen Gedanken unaufhörlich an dieser Familie zu haften, sie zu beobachten, zu warnen, zu fördern, und immer wieder zu erscheinen, um ihre Angelegenheiten zu den seinen zu machen.

So hatte er in all den Jahren trotz seines Widerwillens gegen den grobkörnigen Siebenbrod jede Woche einen Abend in Moorluke bei der Mutter zugebracht, so war er während Brunos Lehrzeit fast täglich mit dem Jüngeren zusammengetroffen, und auch in der blanklackierten guten Stube von Fräulein Dewitz hatte er sich — ein von der Lehrerin besonders geschätzter Gast — häufig eingestellt.

Seine Gedanken irrten weiter.

Warum Bruno wohl nicht kam? — Ob er in der reichen Handelsstadt sich nun völlig dem flotten, eleganten Leben hingegeben, das Paul stets mit Mißbehagen an dem Jüngeren bekämpft hatte? Vielleicht war es dem Heimgekehrten überhaupt peinlich, sich den ewigen Vorhaltungen seines ernsteren Bruders auszusetzen?

Oh, wenn das möglich wäre? — Paul biß sich auf die Lippen, während er immer finsterer in die graue, wirbelnde Dunkelheit starrte — nein, es war vielleicht doch unrecht von ihm, daß er sich nicht gleich aufmachte, um zu ergründen, was aus dem Jüngeren geworden. Er wollte — — — — — — — — — — —

Hinter ihm stockte das Kritzeln der Feder.

Der kleine Quartaner, der bis dahin öfter sehnsüchtige Blicke auf die Wanduhr geworfen, stützte schwermütig den Kopf auf, dann bezeichnete er mit dem Finger eine Stelle in seinem Buche und fragte endlich: »Herr Klüth, ist Semiramis masculinum oder femininum?«

Paul fuhr auf.

»Was? — Was? — Ob die Königin Semiramis —?«

»Ja, denn im Ostermann steht, Semiramis lebte völlig als ein Mann, und da dachte ich — — —«