»Semiramis ist eine Frau,« schnitt der Lehrer, dem der Sinn für Humor abging, kurz ab und stellte sich wieder an das Fenster. Allein, die Kette der Gedanken war gerissen. Wilder stäubte der Schnee durch die Straße, deutlicher stöhnte der Wind um die Ecke, und mißtönend kreischte die Feder, die der Quartaner nun — beruhigt über das Geschlecht der Semiramis — wieder emsig über das Papier führte.

Da wurde kurz an die Tür geklopft.

»Herein!«

Und auf der Schwelle stand ein junger Herr in elegantem Pelz und Zylinder.

Paul erkannte ihn nicht. Er wollte auf den Fremden zugehen und nach dessen Begehr fragen, als eine wohlbekannte Stimme an sein Ohr schlug.

»Na, Jünging, wie geht's?«

»Bruno? Du?«

»Ich, Herr Pastor.«

Das klang so jugendlich, so frisch, daß in Pauls sorgendes Herz für einen Augenblick helle Freude einzog. Ohne seine schwere Eckigkeit, ja, mit einer Hast, die er sonst nicht kannte, stürmte er auf den Heimgekehrten zu, als wolle er ihn in die Arme schließen. Doch unmittelbar vor dem feinen Pelzwerk mußte ihn sein starrer Sinn anders belehren. Nur nach der Hand des Bruders griff er, aber hastig, ungestüm, beinahe sehnsüchtig, und es wurde ihm ordentlich warm, als der andere sie mit voller Lebhaftigkeit schüttelte.

»Bruno,« brachte er stammelnd hervor, »lieber Bruder!«