»Hm.«

Fräulein Dewitz schluckte an ihrem süßen Wein und begann noch heute ehrlich zu erröten, und der Steuerrat Knabe, der als Schulfreund des Konsuls und alter Junggeselle der einzige Fremde an der Tafel gewesen und Line zu Tisch geführt hatte, räusperte sich und äußerte zum erstenmal ein Wort: »Ja, ich besinne mich auch noch ganz gut.« Und dann zupfte er an seiner altertümlichen schwarzen Halsbinde, zwinkerte in sein Glas hinein und lachte still in den spiegelnden Rheinwein hinunter.

* * *

An einem großen amerikanischen Flügel fanden sich die Jüngeren zusammen.

Der Konsul und sein Jugendfreund hatten sich in dem anstoßenden Herrenzimmer ihre Zigarren entzündet, Tante Mathilde, die Schwester des Konsuls, die seinem Hauswesen vorstand, trippelte hin und her, und Dina Hollander lehnte in der Beugung des Flügels und blätterte in einem Stoß Noten. »Nichts —« entschied sie endlich, »in diesem Heft nationaler Lieder fehlt der Yankee doodle.«

In ihrer Stimme lebte etwas Ruhiges, Sicheres, Überlegtes. Wie sie so dastand in dem einfachen weißen Gewand mit ihrem leuchtenden, blonden Haar und der großen, schlanken Gestalt, gleichsam von einem Duft der Reinheit umweht, da erhöhte sich bei Bruno, der ihr Nachbar bei Tisch gewesen, von neuem der Eindruck, daß er vor der Klarheit dieses Mädchens eine Scheu empfinde, ja, daß in der gleichmäßigen Ruhe ihrer Augen eine Art Beleidigung für ihn läge. Es war ein toller Gedanke, aber er hielt ihn von ihr fern, um ihn dann ganz unvermittelt wieder anzutreiben, diese Gleichgültigkeit zu mildern, zu überwinden, oder wenigstens zu entdecken, ob etwa das Mißtrauen des Vaters von diesem auf die Tochter übertragen worden sei.

Aber warum? — Warum?

Ohne daß er es wußte, war dadurch in sein Benehmen eine Art Zwiespältigkeit gedrungen; erst eine Scheu, ein ängstliches Achten auf sich selbst, und dann wieder eine aufspringende Lebhaftigkeit, der Wunsch, mit sich fortzureißen, zu gefallen. Und durch alles hindurch bohrte das Gefühl, daß er unausgesetzt und heimlich von den grauen, unbestechlichen Augen des Konsuls beobachtet würde.

Nein, diese Familie war nicht zu gewinnen.