»Morgenrot,
Leuchtest mir zum frühen Tod?
Bald wird die Trompete blasen,
Dann ich muß mein Leben lassen,
Ich und mancher Kamerad.«
»Ja,« sagte Hann sehr befriedigt, nachdem er andächtig gelauscht hatte, »Klara und Rosa Toll haben hier die schönsten Stimmen. Wenn sie im Kirchenchor singen, dann geh' ich jedesmal hin.«
Und in seinem inneren Vergnügen nickte er noch ein paarmal bekräftigend und übersah dabei, wie Line ihren Begleiter mit dem Ellbogen in die Seite stieß, und als der sie verwundert anblickte, wie sie mit den Augen heimlich nach dem größeren der beiden Mädchen hinüberzwinkerte.
Da mußte Bruno auflachen.
Nun begrüßte man sich gegenseitig, die Schulmeisterstöchter knicksten vor den feinen Städtern, und Line klopfte der schönen Klara Toll so mütterlich die Wange, daß die also Behandelte, die ein wenig größer als Line war, verlegen ihren Blick auf den Boden lenkte.
Darauf erkundigte sich Bruno, warum die Mädchen ein so trauriges Soldatenlied gesungen, und während die Ältere nicht mit der Sprache herauswollte, und nur ein tiefes Rot langsam in ihre Wangen stieg, begann der Rotkopf ungeniert zu plaudern: Hann Klüth hätte ihnen gestern abend davon erzählt, daß er sich morgen in der Stadt zum Militär stellen müsse, und nun hätten die beiden Schwestern gerade davon gesprochen, und mit einmal hätte Klara angefangen, das Lied zu singen. Sie aber wäre nur so zur Begleitung eingefallen.
»O — nicht doch,« stammelte Hann und machte eine Bewegung, als wolle er nach der Hand der Größeren greifen, besann sich jedoch und steckte seine Rechte plump in die Tasche.
Da schlug vom Kirchturm die Uhr, und die beiden Parteien trennten sich.
Die Sperlinge, die auf der Dorfstraße und auf den Ästen der weißen Pappeln saßen, schrien matter, der Schnee begann sich blauviolett zu färben.