»Lieber Gott, aber wen glaubst du wohl?«
»Je, 's muß eine von den Schulmeisterdirns sein. Welche, weiß ich nich. Is mir auch egal. Aber ich merke es daran, daß Lehrer Toll seit einiger Zeit mich beim Bier immer was spendiert, und daß er dich 'ne Kruke Honig geschickt hat; ganz umsonst — und daß ich der einzigste bin, den er noch nich wegen seiner neuen Hagelversicherung rankriegen wollte. — Na, Mudding, in die Sache hab' ich aber auch noch ein Wörtchen mitzureden.«
»Du?«
Mudding erschrak und blickte mit ihrem bewegungslosen Antlitz den Fischer starr an, der ungestört und ruhig an seinem Stiefel weiterbürstete.
»Jawoll, Mudding,« brummte er endlich, wobei er behaglich an dem Leder roch; »kuck mich nich so verwundert an. Jetzt haben wir doch ein bißchen was, und da denkt sich Lehrer Toll, der so'n alter Siebenkluger is, da werd' ich eine von meine Dirns fein los! — Aber Essig! — Wenn er Hann nich ein paar Hundert Taler mitgibt, daß ich davon ein Motorboot bauen kann, dann tret' ich Hann keinen von meine Zesner ab, und von die Liebe allein kann er nich leben. Was, Mudding? Von die Liebe allein haben wir auch nich gelebt. Nich so?«
Von diesen äußeren Anfechtungen ahnte das Moorluker Pärchen freilich kaum etwas, und dennoch vollzog sich die innerliche Annäherung der beiden auch ohne dies nur außerordentlich tastend und zagend. Denn Hann war ein gar zu schwerfälliger Liebhaber. Mochte er der ruhigen Schönheit des Mädchens und ihrem sichtbaren Verlangen gegenüber, sich ihm zärtlich anzuschließen, noch eine zu große Schüchternheit empfinden, oder drückte ihn sonst etwas Unausgesprochenes, er sah sie manchmal, wenn sie des Abends in der Dämmerung am Bollwerk zusammenstanden, mit solch erstauntem, suchenden Ausdruck an, als wundere er sich immer von neuem darüber, daß das Schicksal sie beide zusammengeführt. Selten wagte er, ihre Hand zu streicheln, von einer Liebkosung hatte er, seit jenem Verlobungsabend, überhaupt abgesehen, und doch umgab beide, wenn sie so nebeneinander auf dem Bollwerk hockten oder in der Dunkelheit an den nebeldünstenden Seewiesen wandelten, eine so stille, friedliche Ruhe, daß sich alle Wünsche und Hoffnungen wie in wohltätigen Schlummer eingesungen fanden.
Manchmal standen sie in der Dämmerung, denn am Tage wagten sie noch nicht, sich miteinander zu zeigen, auf der äußersten Spitze der Mole und blickten auf die unter den Abendschleiern erzitternde Flut, in die der Mond Millionen zappelnder Goldfischchen geworfen hatte.
Dann konnte Klara Toll mit ihren sinnenden Augen hinausstarren, weit, weit, bis dahin, wo sich Dunkelheit und Meer verschlangen, und halb im Traum vor sich hinsagen: »Sieh, Hann, da hinter dem Wasser sieht man nichts mehr. Und doch liegt da noch Land. So ist's wohl auch mit unserm Leben.«
Das war nun so dunkel, daß es dem Philosophen mächtig behagen mußte.
Leise drückte er ihre Hand, und während der Westwind anhob zu summen, lehnte Klara ihr Haupt ein wenig an seine Schulter.