Ihre Art war bereits wieder so sonderlich, daß Bruno mit geheimem Bangen fühlte, wie heiß ihm das Blut durch alle Adern zu rinnen begann. Rasch legte er den Überzieher ab; der war vielleicht daran schuld. »Recht,« nickte Line immer in den Spiegel hinein und lächelte seinem Bilde zu. »Jetzt sollst du auch bald mit mir zusammen essen.«

»Mit dir? —« er wagte weder sich zu setzen, noch sie weiter in dem matt schimmernden Glase zu betrachten, »wird nicht Fräulein Dewitz — —?« warf er ein.

»Die erfährt natürlich nichts davon. Das wäre noch schöner. Ich wasche nachher die Teller wieder ab und stelle alles hin. Überhaupt, es ist so hübsch, solch eine Heimlichkeit zu haben. — Nicht?«

Damit sah sie ihn von der Seite an, lächelte verschmitzt und huschte an die Glasservante, unter der sie, wie aus einem Versteck, ein Buch hervorholte. Dann hielt sie es ihm verstohlen hin: »Da sieh — da stehen auch lauter solche Geschichten drin. Andre Leute sind eben klüger.«

Als Bruno in dem Hefte blätterte, da war es eine Übersetzung Maupassantscher Novellen.

»Dergleichen liest du?« fragte er an sich haltend.

»Warum nicht?«

»Und Fräulein Dewitz erlaubt dir das?«

Line zupfte an ihrem Kleide und strich es an den Hüften glatt: »Die,« sagte sie mit einer wegwerfenden Bewegung, »was wird die groß lesen? Lauter Forschungsreisen. Aber wenn ich für sie tauschen geh', dann bring' ich mir heimlich immer so was mit und versteck' es hier. Das Buch kostet nur zehn Pfennige, und ich hab' ja Geld. Du weißt ja auch, woher. — Ach, es ist so schön, soviel Geld zu haben.«

Und sie preßte die Fäuste zusammen und straffte die Arme aus, und Brunos starrer Blick verfing sich wieder in der Bewegung, wie ihre junge Brust stieg und fiel.