Das wußte sie nicht, aber sie fühlte doch diesen heißen, brennenden Zorn, diese jagende Wut, die sie vorwärts trieben und die ihr vorläufig noch das Gefühl ungebändigter Kraft liehen. Und während sie am Fluß entlang auf Moorluke zueilte, da entlud sie sich in tausend wilden Schwüren, unaufhörlich murmelte sie es vor sich hin: Oh, sie wollte sich schon forthelfen, wenn sie auch alle anderen verließen, sie würde schon triumphieren, sie würde — — — Und stürmisch eilte sie weiter, dem pfeifenden Winde entgegen, der vom Meere hereinstieß. Sie sah nicht, wie grau und fahl sich der Himmel umzogen hatte, sie hörte nicht das Rauschen der Binsen an den Ufern, sie merkte nicht das Knistern der Staubwolken, die an ihr vorüberjagten, nur vorwärts rannte sie, ohne zu wissen, zu wem, denn sie wollte weder zu Mudding noch zu Hann, noch zu sonst jemand anderem, willenlos wurde sie vorwärts getrieben, bis sie plötzlich dunkle Bäume sich erheben sah, und darüber aufragend von ferne die Klosterruinen, ebenfalls in einem fahlen, wechselnden Licht.

Als sie das rote, kalte Mauerwerk auftauchen sah, da stand sie still.

Da duckte sie sich, wie geschlagen. Ein Blitz durchzuckte sie, schmerzhaft, stechend; zum erstenmal in all dieser Zeit überkam sie die Erinnerung an den Menschen, mit dem sie schon einmal unter den Ruinen gesessen, damals, als sie sich als kleines Mädchen auf seinem Schoß in den Schlaf einwiegte, als alles seinen Anfang nahm.

Ja, ja, dort drüben war es gewesen.

Sie hob den Arm und schüttelte die Faust nach den Ruinen, und der Wind zauste in ihren Haaren. Jämmerlicher Kerl! — Erst sie in Schande gestürzt — in Schande — Schande, und dann fortgelaufen und sie unter den höhnischen Gesichtern im Stich gelassen, sie und — —

Ja, ja, das war es; der erhobene Arm sank ihr, wirr blickte sie um sich, und in diesem Augenblick achtete sie zuerst darauf, wie ihr der Wind durch das Jäckchen fuhr, und wie die Binsen sich rauschend bis zu dem schwarzen, unheimlichen Wasser neigten. Wie das gurgelte, und wie weltverlassen sie hier stand. Außer ein paar weidenden Kühen jenseits des Flusses nichts Lebendiges ringsum.

Sie fröstelte und raufte eine der Binsen aus. Wenn doch ein Mensch gekommen wäre, aber nichts regte sich. Die Einsamkeit umschattete sie. Brennende Angst wuchs in ihr groß.

So — ja, so würde sie gemieden sein, denn die Leute hier fürchteten sich vor der Schande, oh, sie verkrochen sich davor; Line dachte daran, wie Fräulein Dewitz sich oft davor gesegnet und bekreuzigt hatte, und die Schande versperrte ihr ja auch anderwärts für die nächste Zeit Pfad und Unterkommen. Gewiß — sicherlich, das hatte sie noch gar nicht ins Auge gefaßt. Sie kaute an dem Binsenhalm, und, nachdem sie ihn fortgeworfen, trat sie in ihrer Verwirrung laut weinend mit den Füßen darauf herum, um schließlich wieder die Faust gegen die Ruinen zu richten: »Jämmerlicher Mensch!«

Aber was war das?

Durch den pfeifenden Wind hindurch antwortete von jenseits des Wassers ein langgezogener, heulender Ton, der hatte etwas Wildes, Markerschütterndes. Line war zu aufgeregt, um sich zu sagen, daß der Laut von einem der weidenden Tiere herrühren müsse, nein, sie stand und starrte mit weit aufgerissenen Augen über das Wasser auf die fahle Ebene.