Der Schreck lähmte sie beinahe, langsam erhob sie sich: »Warum gerade ich nicht?«
»Weil es verkauft wird, ebenso wie unsere Boote und das Vieh und meine Bücher, kurz alles. Von unserer Heimat bleibt nichts übrig.«
Er blieb mitten in der immer dunkler werdenden Stube stehen und legte sich die verschränkten Hände gegen das Haupt. Wieder klang ein leises Stöhnen durch den Raum. Aber Line achtete nicht mehr darauf.
»Wird er verfolgt?« forschte sie heiser. Sie sah, wie den andern die Frage durchfuhr.
»Das weiß ich nicht,« gab er widerwillig zurück, und dann ging er abermals im Zimmer umher, und eine lange Erzählung drang an ihr Ohr von Siebenbrod und dem Konsul, und wie er mit den beiden gerungen, und wie Mudding endlich draußen in Moorluke den Streit entschieden; aber Line hörte teilnahmlos zu, denn seit Paul während einer Pause die kleine Stehlampe entzündet hatte, seitdem traulicher Lichtschein die Stube durchdämmerte, da war die rasende, treibende Angst wieder in ihr aufgestiegen: Wohin? Wo ein Ruheplatz? — Wo ein Kissen für die Nacht? Wo ein Versteck vor der Schande?
»Weißt du, wo er sich aufhält?« stieß sie endlich hervor und fingerte in Hast mit den Nägeln auf der Tischplatte herum.
Aber der Gefragte konnte sich nicht mehr beherrschen: »Der Dieb?« schrie er dunkelrot und voller Abscheu, »der Halunke, der seine Mutter aus dem Hause treibt, während er selbst allerlei schlechtes Frauengesindel mit Armbändern und goldenen Ketten behängt? Oh, wenn ich nur wüßte, wo er zu treffen wäre, wenn ich ihn nur einmal noch vor mir hätte!«
Dabei nahm er einen Stuhl und stieß ihn in ohnmächtigem Zorn auf den Boden, daß die Füße zitterten. Line starrte ihn an.
Ganz weiß war sie geworden, langsam bückte sie sich und hob ihr Bündel auf, denn jetzt wußte sie, hier war ihres Bleibens nicht länger, und als sie sich aufrichtete, fiel ihr Blick auf die kleine, weiße Statue.