Es sah aus, als ob dort über dem Kreuzweg eine dicke, zerzauste Fledermaus in der Nacht hocke, die mit den Flügeln schlug, und wenn sie von Zeit zu Zeit ihr: »Rah-rah« schrie, dann ging ein halb wildes, halb irres Lächeln über das Gesicht des Weibes, und es wand sich hin und her, als wüßte es keinen Entschluß zu fassen.
Ja, dort drüben hinter dem struppigen Garten, da schimmerte Licht aus dem Lotsenhäuschen. Da saß gewiß noch Mudding und strickte an dem ewigen Strumpf. Sie saß sicher ganz allein; denn Siebenbrod war wohl trotz des Sturmes auf See gefahren, und Hann hatte sie ja soeben mit einer Laterne den Landweg entlang wandern sehen. Oh, wie gespenstisch hatte es sich gemacht, als der rote Lichtstrahl langsam zwischen den Binsen durchgekrochen kam, um dann zuckend über das Wasser zu spiegeln. Aber als das Mädchen der oben vorübertappenden Gestalt mit den Blicken gefolgt war, da hatte die Einsame trotz aller Verlassenheit ein kurzes, hämisches Gelächter ausstoßen müssen.
Freilich, leise — leise, damit der oben es ja nicht höre, denn sie wollte sich nicht aufstöbern lassen.
Ha, ha, wie plump der Bauer doch dort oben dahintappte, die Laterne in dem steifen Arm weit vorgereckt, damit er den Weg nicht fehle. Und — da — jetzt stolpert er. — Sie lachte boshaft.
Und dort drüben in das verräucherte Häuschen wollte sie wirklich wieder einkehren, wollte alles beichten und sich dann anstarren lassen von den vorwurfsvollen, dummen Augen dieses Hann? Und dann die anderen Dörfler? Oll Kusemann, wie der wohl ihre Schande erzählen würde von Tür zu Tür? — Und die rohen Scherze von Siebenbrod —?
»Rah-rah,« schrie die Fledermaus dazwischen.
»Nein.«
Das junge Weib schlug mit der Hand auf die Binsen und zog die Röcke enger um sich zusammen. Jetzt stand es bei ihr fest. Zu diesen dummen, beschränkten Tröpfen ließ sie sich nicht herab. Zu Fräulein Dewitz auch nicht. Alles kleinliche, spießbürgerliche Menschen. Und dann — und dann — sie bog die Binsen auseinander und lugte wieder forschend über die vorüberwallende Flut —, sie wollte überhaupt nichts abbitten, nichts beichten. Was sie getan hatte, was ging es die anderen an? — Namentlich jetzt, wo sie es zu Ende bringen wollte? — Ihr schien, sie hätte nichts zu bereuen, und sie wollte auch nicht bereuen. Nein, nein, immer trotziger leuchtete es durch ihren Sinn, daß es doch eine wilde, freudige Stunde gewesen, damals, als in dem engen Stübchen die Schuld über sie gekommen war, und im Grunde ihres Herzens konnte sie auch dem Fernen, den die anderen Verbrecher nannten, nicht zürnen; sie hatte ja alles so gewollt — und jetzt, jetzt sollten die anderen, die Dummen, sie in Frieden lassen, sie war einmal so gewesen und wollte jetzt Ruhe haben, Ruhe und Stille. Sie machte einen raschen Schritt vorwärts, der moorige Boden gab nach, eiskalt schoß es an ihr vorüber.
Noch einen Schritt; sie taumelte, über die Knie bereits stieg diese furchtbare, bezwingende Lähmung.