»Es wär' so gut,« fährt sie stammelnd fort.
»Was, Lining?«
»Wenn man die Junggeborenen vor all dem bewahren dürfte.«
Da hebt Hann sein Haupt. Es ist in der letzten Zeit faltiger geworden. Aber Line sowohl, wie er, haben es nicht bemerkt. Nur Klara Toll hat es gesehen.
»Lining, wer soll bewahren?« Und seine Augen, sonst so mitleidig, blicken ernst.
»Die Mütter, Hann, die Mütter müßten es tun. Oh, solch ein kleiner Sarg, denk ich mir, ist ebenfalls eine Wiege. Und was würde dann alles mit einschlafen, all die zukünftigen schlechten Gedanken und all die schlechten Taten. Denn wer erst denkt, der wünscht, und ein Wunsch ist schon meistens schlecht.«
Aber da wird Hann zornig. Diese trostlose Ansicht nimmt ihm alles, was er sich bis jetzt zurechtgezimmert hat an seiner Lebenshütte. Deshalb wirft er das Netz über das Knie, schüttelt heftig den Kopf, und eilig geht es ihm über die Zunge: »Lining, das mußt du nich sagen — sieh, das mußt du nich. Wirklich! Denn erstens, wenn der liebe Gott das wollte, wozu schickte er erst die kleinen Kinder!? Und, Lining, werden es etwa weniger auf der Welt? Mich dünkt nicht. Und dann, Lining, ich hab' mir schon immer gedacht, mit die Menschens hat das doch der liebe Gott ganz komisch eingerichtet, ganz furchtbar komisch. Denn sieh eins, Lining, es geht wohl so das gemeine Gered' umher, ein lüttes Kind, so ein ganz kleines Würming in den Windeln, das sei eigentlich der allerbeste Mensch, noch ganz unschuldig, sozusagen aus dem Paradiese. Ich aber sag' dir, Lining, dieses is gar nich wahr. So ein Neugeborenes is mehr schlecht als gut. Denn wieso? — Na, daß es dumm is, wie Bohnenstroh, das weißt du ja selbst. Aber es is auch noch auf andere Weise schlecht, es kratzt, wie eine Katz, es nimmt, was ihm nich gehört, es is habsüchtig und hat keinen Menschen lieb, als sich. Is das wahr? — Ich sag dir, es is wahr. Aber was nu weiter? — Da kommt nun der liebe Gott und hat von Anfang an in die Menschens diese ganz merkwürdige Kraft zum Besserwerden reingelegt. Auch zum Schlechterwerden. Aber doch mehr zum Bessern. Die liegt in uns, Lining, man spürt sie manchmal leibhaftig. Und nun kuck dir bloß mal an, wie es nun durch diese Kraft mit so einem Neugeborenen vorwärtsgeht. Meistens vorwärts. Denn das Bessere muß wohl das Stärkere sein. Erst lernt das sprechen, und dann lernt das lieben, und dann lernt das denken, und so fort, bis es sich zuletzt ganz große Dinge aussinnt, die wieder anderen Menschen was nützen. — Und, Lining, um dies >Vorwärts< wolltest du solche lütten Dinger bringen? — So ganz schlecht und miserabelig, wie sie anfangs sind, wolltest du sie wieder in die Erde abliefern? Ich sag' dir, da müßte man sich ja rein vor den Regenwürmern genieren.«
Da hockt Line in ihrer Ecke, in die sie sich immer scheuer zurückzieht, so daß die Lichtstrahlen sie kaum noch finden. Aber ihre Augen sind groß geworden, und sie richtet sie mit solch erstauntem Ausdruck auf den Fischer, wie früher, wenn der Knabe zuweilen etwas geäußert, was mit seinem blauen Kittel schlecht zusammenstimmen wollte.
Unausgesetzt tickt der Schnee an die Scheiben, Möwen und Raben krächzen draußen, und an dem Netz wird weitergeflickt.