»Es sind Strümpfchen für den Kleinen, Line.«

Die Kranke besah sich die Arbeit und legte einen Augenblick ihre Wange darauf.

»Ja, ja,« begann sie dann mit eilender Stimme. »Du wirst sie ihm auch später stricken.«

»Wieso, Line, ich werde doch nun bald gehen.«

Die Liegende lächelte eigentümlich und wandte sich dann wieder zur See, über deren Eisfläche der Wind graue Schneewolken jagte.

»Hörst du,« sagte sie mit seltsamer Befriedigung, während sie mit dem Finger zeigte, »wie es heult?«

Da legte Klara ihre Arbeit fort, und ihre stillen, offenen Züge kehrten sich ganz gegen ihre Gefährtin: »Line,« bat sie, »willst du mir nicht einmal erklären, weshalb du so stundenlang auf das Eis siehst?«

»Weshalb willst du das wissen?«

»Wir ängstigen uns alle deshalb.«

»Oh,« lächelte Line, und es war so, als wollte sie wieder alles in sich verschließen, allein plötzlich führte sie ihre Lippen an Klaras Ohr und raunte: »Ich war so schlecht, Klara, so schlecht, wie du dir's gar nicht denken kannst. Du weißt's ja, du bist mir ja auch nicht gut gewesen. Ich hab' nur immer an mein Vergnügen gedacht, und wenn andere darüber hätten verbluten sollen. Das ging eine lange Zeit, und ich wollt' auch gar nicht anders werden. Sieh, da ist nun die Zeit mit Hann gekommen, und ich weiß auch nicht, wieso, aber das Ehrliche in ihm muß wohl eine Kraft haben, denn ganz allmählich, Stück für Stück ist mir der Wunsch aufgestiegen, ich möcht' auch so werden wie er, so ohne Lüge, und ganz zuletzt ist diese Sehnsucht rein übermächtig in mir geworden. — Aber sieh, da ist so viel, was mich an das Frühere erinnert. Der Gedanke an das Kind und an seinen Vater — das stößt mich immer wieder zurück. Und da weiß ich nicht, soll ich leben, oder soll ich sterben? Und deshalb lieg' ich und warte auf das Wasser. Es wird kommen, Klara, und wenn es mich dann nicht mitnimmt, pass' auf, dann gelingt's mir.«