§. 31.

Ich gehe zur andern Hauptvollkommenheit der Schertze fort. Ich habe [§. 25.] erwiesen, daß ein glücklicher Schertz unbekannt seyn müsse. Man muß diese Vollkommenheit nicht so verstehen, als wenn das Materielle des Schertzes, die Sachen worüber man schertzet, und woher man den Schertz nimmt, unbekannt seyn müsten. Nein, das wäre eine Unvollkommenheit die den gantzen Schertz verderben würde. Ein solcher Spaß wäre viel zu dunckel, als daß er solte verstanden werden können, und ein Schertz der nicht eingesehen wird, ist in Absicht auf den, der ihn nicht einsieht, kein Schertz. Der allerfeurigste Spaß thut keine Würckung, bey denen die ihn nicht verstehen. Ich glaube daß uns viele Schertze im Cicero, und andern alten Schriftstellern besser gefallen würden, wenn wir sie nur gantz verstünden. Warum kan niemand über die pyxis Coeliana im Quintilian und Cicero lachen? Die Sache ist uns unbekannt. Man begreift also, wovon ich unten ausführlicher handeln werde, daß die Sachen womit man schertzet, demjenigen bekannt seyn müssen, bey dem ein Schertz seine Würckung thun soll. Was ist aber denn nun das unbekannte, das zur Schönheit eines Schertzes erfodert wird? Es besteht, mit einem Worte, in dem schertzhaften eines Spasses. Das was einen Schertz zum Schertz macht, die Form desselben, der Schwung der Gedancken, die Vergleichung verschiedener Stücke, und hundert andere Dinge die das Wesen eines Schertzes ausmachen, müssen noch unbekannt seyn. Oder, will man es anders ausdrucken, so sage man, daß ein glücklicher Schertz neu seyn müsse.


§. 32.

Wenn ich sage, daß ein glücklicher Schertz noch neu und unbekannt seyn müsse, so verstehe ich das nicht nur von den Personen, denen der Schertz vorgetragen wird, sondern auch von der schertzenden Person selbst. Ein Mensch der einen ihm schon bekannten Schertz vorträgt, beweißt alsdenn keine Stärcke seines scharfsinnigen Witzes. Er braucht nichts weiter als sein Gedächtniß, und er verhält sich dabey nicht anders als ein Geschichtschreiber, der die Schertze eines andern erzehlen kan, ohne selbst ein spaßhafter Kopf zu seyn. Es ist wahr, wenn ein solcher Schertz nur den Zuhörern noch unbekannt ist, so kan er bey ihnen alle Würckungen eines feurigen Schertzes hervorbringen. Derjenige, der den Schertz erzehlt, darf sichs nur nicht mercken lassen, daß ihm derselbe schon längst bekannt gewesen ist. Dem ohnerachtet behält ein solcher Spaß einen Fehler, der von andern nur darinn unterschieden ist, daß er nicht so mercklich ist. Noch viel nöthiger aber ist es, daß ein Schertz der glücklich gerathen soll, den Zuhörern noch neu und unbekannt sey. Haben sie ihm schon unzählige mal gehört, so ist er was altes, und er verliehrt alles das Feur, welches ihm nichts anders als die Neuigkeit geben kan.


§. 33.

Das neue hat jederzeit eine Schönheit, die alle dem fehlen muß, was alt ist. Das alte wird uns zur Gewohnheit, man gibt nicht mehr drauf achtung, die Vorstellung desselben verdunckelt sich nach und nach, und wir werden natürlicher Weise verdrießlich, ein und eben dasselbe so oft zu dencken, weil die Seele keinen Zuwachs der Erkenntniß, so ein Mangel einer Vollkommenheit ist, dabey fühlt. Was uns aber noch neu ist, beschäftiget unsere gantze Aufmercksamkeit, es entsteht darüber eine Art einer angenehmen Verwunderung, unsere Seele freuet sich heimlich über den Anwachs ihrer Erkenntniß, welcher überhaupt betrachtet eine Vollkommenheit ist. Kurtz, eine Vorstellung die bey uns gantz neu ist, hat ein Licht welches viel zu angenehm ist, als daß wir es nicht mit Vergnügen sehen solten. Ich weiß wohl, daß es Leute gibt, welchen vor dem was neu ist eckelt, und die sich in das Alterthum dermassen verliebt haben, daß sie mit einem innigern Vergnügen die Schrift auf einer verrosteten Müntze lesen, als den Beweis einer neuen Wahrheit durchdencken. Allein ich weiß auch, daß diese Bewunderer des Alterthums meinen Satz bestätigen. Nimmermehr würden sie ein verschimmeltes Manuscript mit Vergnügen ansehen, wenn es in ihrer Vorstellung nicht etwas neues wäre. Nein, es bleibt dabey, die Natur bleibt sich überall ähnlich, das alte in so fern es alt ist kan niemals uns das Vergnügen geben, welches Neuigkeiten verursachen, als in so fern unsere Gedancken davon neu sind. Die Neuigkeit ist also eine Schönheit des Schertzes, welche reitzt. Man kan hinzu thun, daß die Neuigkeit eines Schertzes ein untrüglicher Beweiß sey, daß ihn der schertzende selbst gemacht hat. Die Stärcke und Geschicklichkeit seines scharfsinnigen Witzes leuchtet darinn unleugbar hervor, und gibt dem Schertze eine Anmuth, die eine Bewunderung des Urhebers verursacht. Ein Schertz der feurig seyn soll, muß wenigstens einen gantz neuen Gedancken enthalten, der zu dem schertzhaften in demselben gehört.


§. 34.