§. 57.
Wenn man sich auf etwas lange besinnen muß, so will man eine Vorstellung klar machen, vermittelst solcher Vorstellungen, die vieles mit ihr gemein haben, und die also mit ihr zu gleicher Art können gerechnet werden. Ein Schertz auf den man sich lange besint, muß demnach unglücklich gerathen. Er beweißt, daß unser Witz lange nicht diejenige Munterkeit besitzt, die erfodert wird, wenn ein feuriger Schertz, unmittelbar auf solche Vorstellungen folgen soll, die von gantz anderer Art sind. Nein, ein glücklicher Schertz muß die Frucht eines Witzes seyn, der so hurtig aufgeweckt, und schnell ist, daß er nicht genöthiget ist sich lange zu besinnen. Wer sich auf seine Schertze lange besinnen muß, wird sich sehr schwer, vor den Ausbruch seines Zauderns, und der Anstalten die sein Witz vorkehrt, hüten können. Dem Zuhörer wird die Zeit unterdessen lang werden. Komt endlich der Schertz zur Welt, so wird er entweder nicht neu genug seyn, oder die Hofnung des Zuhörers betrogen haben. Einem langsamen Witze geräth sehr selten ein Schertz. Der Schertz der glücklich seyn soll, muß so schleunig in der Seele des schertzenden klar werden, daß er selbst dadurch in eine Art der Verwunderung gesetzt wird. Diese Verwunderung wird dem schertzenden eine Lebhaftigkeit, und Dreistigkeit geben, ohne welche der Vortrag des Schertzes elend werden muß.
§. 58.
Wer glücklich im Schertzen seyn will, der hüte sich seine Spasse nicht vorher auszudencken. Wer den Spaß vorher erdenckt, und sich auf denselben vorbereitet, der geht so lange damit schwanger, bis er ihn vorgetragen hat. Die gantze Reihe der Vorstellungen, von der Zeit an, da er den Schertz erdacht, bis auf den Zeitpunct da er vorgetragen werden soll, ist entweder mit dem Schertze ausgefüllt, oder doch mit sehr ähnlichen Vorstellungen. Es ist demnach nothwendig daß der Spaß mißlingen muß. [§. 57.] Cicero merckt diesen Fehler auch an, er sagt im andern Buche vom Redner: quia meditata videntur minus ridentur. Quintilian im sechsten Buche, fodert gleichfals, daß man sich auf den Schertz nicht vorbereiten müsse. Er sagt: ne praeparatum & domo allatum videatur, quod dicimus. Wer sich auf den Schertz vorbereitet, kan unmöglich die anständige Dreistigkeit behalten, die zum Vortrage eines Schertzes nothwendig ist. Man wirds ihm an den Augen ansehen, daß er einen Spaß auf den Hertzen hat, den er gern an Mann bringen möchte. Er wird mit einer ängstlichen Sehnsucht, die er nicht verbergen kan, die Zeit erwarten, da er seinen Schertz vortragen will. Kan also der Schertz wohl neu genug seyn, in Absicht auf den schertzenden und den Zuhörer? Und das ist doch ein so nöthiges Stück zu einem feurigen Schertze. Uberdem, kan ja derjenige der sich auf einen Schertz vorbereitet, nicht jederzeit vorhersehen, ob er sich zu den Umständen, in welchen er sich befinden wird, genau schicken wird. Es ist also sehr wahrscheinlich, daß ein vorbereiteter Schertz zur Unzeit angebracht wird, und das werde ich als einen grossen Fehler im folgenden vorstellen.
§. 59.
Soll man sich auf einen Schertz gar nicht vorbereiten, so muß man auch die Umstände nicht mit Fleiß so einrichten, damit man den Spaß anbringen könne. Die Gelegenheit zu schertzen, muß sich selbst darbiethen, und wir müssen nichts weiter thun als sie ergreiffen. Es verrathen also alle diejenigen die Mattigkeit ihres Witzes, welche, wenn sie einen Vortrag thun sollen, oder in eine Gesellschaft sich begeben, ihre Rolle, in so fern sie die schertzhafte Person seyn wollen, vorher auswendig lernen. Sind sie nun überdies zu ungeduldig, die Zeit zu erwarten in welcher sie ihren Spaß anbringen können und bereiten sie sich selbst die Gelegenheit zu ihrem Schertze, so wird dieser Fehler noch mercklicher, und ihr Schertz wird matt und frostig seyn. Ich leugne nicht daß es nicht manchmal solte möglich seyn zu verhindern, daß der Zuhörer die Vorbereitung zum Spasse mercke. Ich sage nur, daß dieses sehr schwer sey, und in den mehresten Fällen mislingen müsse. Der Spaß behält überdies doch einen Fehler, der nur von andern darin verschieden ist, daß er bisweilen nicht gesehen wird.