§. 60.

Aus dem was ich bisher gesagt erhellet, warum die Schertze die man in den Antworten auf vorgelegte Fragen vorträgt so sehr gefallen. Weil wir nicht haben vorher sehen können, was uns ein anderer fragen werde, so ist nicht die geringste Vermuthung vorhanden, daß wir unsern Schertz vorher ausgedacht haben. Ein solcher Schertz, wenn er sonst nicht zu frostig ist, muß also feuriger seyn, als alle diejenigen, die man ohne gefragt zu werden vorträgt, weil wir in den wenigsten Fällen den Verdacht der Vorbereitung von uns ablehnen können. Cicero hat eben diese Schönheit angemerckt, er setzt, an oft gedachten Orte, den Grund hinzu: nam & ingenii celeritas maior est quae apparet in respondendo, & humanitatis est responsio.


§. 61.

Die sechste Schönheit der Schertze [§. 25.] entsteht daher, wenn er von vielen Vorstellungen anderer Art, die in den Gemüthern einen grossen Eindruck haben, begleitet wird. Man verstehe dieses nicht nur von den schertzenden selbst, sondern auch von seinen Zuhörern. Jener muß seinen Kopf sonst voller Gedancken haben, die bey nahe seine gantze Aufmercksamkeit beschäftigen, und die mit dem Schertze nichts, oder doch sehr wenig gemein haben. Er muß mitten unter diesen Vorstellungen seinen Schertz erdencken. Die Zuhörer müssen in gleichen Umständen ihres Gemüths stehen. Die Seele der Zuhörer muß einer Schaubühne gleich seyn, und der Schertz einer Zwischenfabel in einen theatralischen Stücke. Bey so gestalten Sachen, ist es sehr wahrscheinlich, daß kein anderer den schertzhaften Einfall haben wird, den der schertzende hat. Der Schertz wird also vollkommen neu, und unerwartet seyn. Er wird eine Lebhaftigkeit besitzen, die ihm unter ähnlichen Gedancken fehlen würde, und die Verschiedenheit der übrigen Gedancken wird seinen Glantz um ein merckliches erhöhen. Diese Schönheit wird noch mehr erhalten, wenn man schertzt zu der Zeit, da wir und unsere Zuhörer mit vielen andern Gedancken beschäftiget sind, die den schertzhaften Gedancken entgegen gesetzt sind. Opposita iuxta se posita magis elucescunt, ist eine viel zu bekannte Regel, als daß ich den vorhergehenden Gedancken zu beweisen für nöthig halte.


§. 62.

Ein feuriger Schertz muß demnach gantz unvermuthet und unerwartet seyn. Es muß weder in unsern vorhergehenden Gedancken [§. 56.] noch in denjenigen, die wir zu gleicher Zeit haben, eine merckliche Vermuthung des Schertzes vorhanden seyn. Eine Sache die wir vermuthen und erwarten, sehen wir vorher; wird sie würcklich, so kan sie unmöglich gantz neu seyn. Ein erwarteter Schertz kan demnach unmöglich so feurig seyn, als ein unerwarteter, weil jener nicht so neu ist als dieser. Wenn man gantz unerwartete Schertze vorträgt, so überfällt man den Zuhörer, man läßt ihm nicht viel Zeit nachzudencken, und es muß ihm ein Schertz gefallen, der sonst nicht eben zu viel Feur besitzt. Man kan sagen, daß das unerwartete in einem Schertze, ein Mittel sey, viele andere Fehler des Schertzes zu verbergen. Wenn der Zuhörer unsern Schertz erwartet, so macht er eine Zurüstung die uns gefährlich ist. Er samlet die gantze Macht seiner Beurtheilungskraft, und er hat ein Recht was ausnehmendes zu erwarten. Er stellt sich schon zum voraus manches artige von unsern Schertze vor. Und da müssen wir ihm entweder einen ausnehmend feurigen Schertz vortragen, oder wir betrügen seine Hofnung, und er verwandelt sein Vergnügen, so er uns zugedacht, in eine Verachtung und hönisches Lachen. Man hüte sich also andern auf unsere Schertze Hofnung zu machen. Wir können sonst nicht verhüten daß unsere Zuhörer dencken

Quid dignum tanto feret hic promissor hiatu?

Parturient montes, nascetur ridiculus mus.