Hor. art. poet.

Kurtz, derjenige der schertzt, muß im Schertzen bey nahe ein Crassus seyn, qui cum omnium esset venustissimus & vrbanissimus, omnium grauissimus & seuerissimus & erat & videbatur, nach dem Zeugniß des Cicero im andern Buch vom Redner.


§. 66.

Hieraus läßt sich ein Fehler beurtheilen, den man bey manchen spaßhaften Köpfen antrift. Ihr scharfsinniger Witz ist den Körpern ähnlich, die nicht eher in Bewegung gerathen, bis sie von andern angestossen worden. Ihr Witz schläft so lange, bis ein anderer anfängt zu schertzen, und alsdenn werden sie auch rege. Sie leiten aus einem Schertze, den sie gehört, andere her. Und man kan sagen, daß ein feuriger Witz viele andere erwärmen und erhitzen könne. Man darf sich nicht wundern, daß demjenigen, der den herrschenden Witz in solchen Fällen hat, seine Schertze gelingen, denn er bringt sie mitten unter verschiedenen Gedancken vor. Seine Affen aber haben das Glück nicht. Sie tragen ihre Schertze alsdenn erst vor, wenn die Gesellschaft schon aufgeräumt worden, und sie kommen mit ihren Einfällen zu spät. Ein anderer hat schon die besten Früchte eines Schertzes genossen, und ihnen bleibt nur die Nachlese übrig, die bisweilen mager genug ist. Dahin können auch die Schertze gerechnet werden, die in den stillen Gesellschaften vorgetragen werden. Es scheint, daß manche Zusammenkünfte nur gehalten werden, um einander anzusehen, und von Gedancken auszuruhen. Eine solche Gesellschaft von Seulen, kan sehr leicht durch den frostigsten Einfall ergötzt werden. Sie dencken wenig oder nichts, und eine Kleinigkeit kan ihre gantze Seele einnehmen. Ein Schertz aber, der alsdenn belacht wird, ist auf dieser Seite sehr mat. Der schertzende und die Zuhörer dencken ausser dem Schertze weiter nichts, und also mangelt ihm die Schönheit die ich bisher ausgeführet habe.


§. 67.

Ich komme nunmehr auf die siebende Vollkommenheit der Schertze [§. 25.] Ein feuriger Schertz muß eine sehr grosse und vollkommene sinliche Vorstellung seyn. Oder, er muß alle Vollkommenheiten einer sinlichen Vorstellung, in einem mercklichen Grade, besitzen. Ich bin nicht willens, alle einzelne Vollkommenheiten eines sinlichen Gedanckens durchzugehen. Das würde für meine jetzige Absicht zu weitläuftig seyn. Ich will mich begnügen, die vornehmsten, und wenn ich so reden soll die Grund-Vollkommenheiten der sinnlichen Erkenntniß durchzugehen. Die übrigen sind entweder in diesen schon mit begriffen, oder können doch mit leichter Mühe daraus hergeleitet werden. Zu diesen Hauptvollkommenheiten rechne ich, die Klarheit, die Wahrheit, und das Leben. Ich könnte auch die Gewißheit noch hinzuthun. Allein da sie der Inbegriff der Klarheit und der Wahrheit ist, so übergehe ich sie ohne Schaden. Kurtz, ein feuriger Schertz muß in hohem Grade klar, richtig, und lebendig seyn.


§. 68.