Die Klarheit einer sinlichen Vorstellung wird entweder vermehrt durch die geringere Dunckelheit ihrer Theile, oder durch die Menge der Theile und Merckmaale, die in ihr enthalten sind. Beyde Vollkommenheiten müssen bey einem feurigen Schertze verbunden werden. Die letzte wird insonderheit die Lebhaftigkeit genennt. Ein feuriger Schertz muß uns sehr vieles auf einmal vorstellen. Er muß unserm Auge die Aussicht in ein Feld eröfnen, dessen Ende es vor Menge der Gegenstände nicht gewahr werden kan. Wir müssen durch den Schertz von einem Chaos der Begriffe überhäuft werden dessen Entwickelung wir entweder vorzunehmen nicht Zeit haben, oder in der Geschwindigkeit nicht anzufangen wissen. Eine jede dieser Vorstellungen muß zwar nicht völlig klar, aber auch nicht vollkommen dunckel seyn. Ich habe nicht nöthig zu zeigen, wie diese Schönheit der Schertze könne hervorgebracht werden. Das ist nicht nur von meinem jetzigen Zweck entfernet, sondern ich glaube auch, daß es nicht eben nöthig sey. Wer nur die Schönheiten der Schertze, die ich bisher abgehandelt habe, zu erhalten sucht, sonderlich die erste bis zur vierten, der wird in seinem Schertze eine unendliche Mannigfaltigkeit hervorbringen. Weiß er sie nun dem Zuhörer dergestalt vorzustellen, daß dieser sie gewahr wird, so bekommt sein Schertz die nöthige Lebhaftigkeit.
§. 69.
Die Lebhaftigkeit eines Schertzes muß vermindert werden, oder wohl gar verlohren gehen, wenn er zu weitläuftig und zu lang ist. Die Kürtze desselben ist mit seiner Lebhaftigkeit nothwendig verbunden. Wenn der Schertz zu lang ist, so wird er entwickelt und deutlich, er bleibt also keine sinliche Vorstellung mehr. Die Theile des Schertzes werden der Aufmercksamkeit nach und nach vorgestelt, und man hat Zeit ein Stück nach dem andern zu überdencken. Folglich empfinden wir nicht dasjenige Licht, und die angenehme Verwirrung, welche durch nichts anders möglich ist, als wenn man auf einmal mit Begriffen überhäuft wird. Es verhält sich wie mit den Lichtstrahlen. So lange dieselben zerstreut bleiben, bringen sie zwar ein Licht hervor, welches aber lange nicht so starck und durchdringend ist, als wenn sie durch einen Brenspiegel gesamlet, und in einen Punct gedrengt werden. Folglich muß ein Schertz zwar sehr vieles in sich fassen, aber dasselbe nicht durch eine weitläuftige Vorstellung zerstreuen, sondern mit einemmal dem Gemüth vorstellen. Man kan auch mit wenig Worten sehr viel sagen. Wenige Vorstellungen sind oft ein Inbegriff unendlich vieler andern. Bey einem Schertze muß ungleich mehr gedacht als gesagt werden. Man muß dem Zuhörer nur Gelegenheit geben, und dabey zwingen selbst nachzudencken.
Est breuitate opus, vt currat sententia, neu se
Impediat verbis lassas onerantibus aures.
Hor. Satt. L. I. Sat. X.
§. 70.
Wenn man die nöthige Klarheit und Kürtze in einem Spasse zu gleicher Zeit erhalten will, so muß er sich zu den Umständen, in welchen wir uns eben befinden, vollkommen schicken. Zu diesen Umständen rechne ich die Personen mit denen wir umgehen nebst allen ihren Umständen, die Zeit, den Ort, die Reden und Erzählungen, mit denen die Gesellschaft unterhalten wird. Mit einem Wort, den gantzen Zustand in welchen wir uns mit unsern Zuhörern befinden. Alle diese Umstände müssen die Vignette seyn, und unser Schertz die Devise. Diese Umstände müssen also den völligen Grund, die Veranlassung, und die ganze Erklärung unseres Scherzes enthalten. Dadurch erhalten wir die Klarheit unseres Schertzes. Ein jeder versteht ihn, und unser Schertz kommt so zu gelegener Zeit, und er paßt sich so genau, daß wir nicht nur beweisen, daß wir den Schertz erst selbst erfunden, sondern wir brauchen auch sehr wenig zu sagen, und wir werden doch verstanden. Ueberdies so entsteht aus dieser Eigenschaft des Schertzes ein Vergnügen, weil diese Uebereinstimmung mit allen Umständen eine Vollkommenheit ist, die den Schertz angenehm machen muß.