Dulce est desipere in loco.
Hor. Carm. L. III. od. XII.
Die schönsten Schertze in dieser Art sind ohnfehlbar diejenigen, welche sich so genau zu den Umständen schicken, daß sie in keinem andern Zustande unverändert können angebracht werden. Denn, da in der Welt nicht zwey Zeiten möglich sind die völlig einerley wären, so ist es ein Beweiß, daß ein Schertz nicht den höchsten Grad dieser Vollkommenheit besitzt, oder daß er nicht allen Umständen völlig gemäß ist, wenn er mehr als einmal angebracht werden kan. Ein vollkommen glücklicher Spaß kan also nur ein einziges mal angebracht werden, wenn er gar nichts von seinem Feuer verliehren soll. Durch diese Eigenschaft erhält man auch die Lebhaftigkeit eines Schertzes noch auf eine andere Art. Wenn der Schertz so genau mit allen Umständen übereinstimmt, so muß der so den Spaß einsieht, den ganzen Umfang seines Zustandes sich auf einmal vorstellen. Wie viel, ja unendlich viel, enthält nicht unser Zustand in einem jeden Augenblicke? Muß also der Schertz dadurch nicht eine unendliche Mannigfaltigkeit erhalten? Wider diese Regel versündigen sich alle spaßhafte Köpfe, die zu phlegmatisch sind, auf eine lächerliche Art. Sie haben das Unglück, von einer gewissen Langsamkeit beherrscht zu werden, vermöge welcher sie zur Auswickelung ihrer Gedancken zu viel Zeit brauchen. Der Fluß ihrer Umstände ist für sie zu schnell, sie können der Geschwindigkeit desselben in ihren Gedancken nicht folgen, und sie sind gezwungen sich bey manchen Umständen zu verweilen, die alsdann längst vorbey sind, wenn sie sie erst recht gewahr werden. Diese Köpfe kommen mit ihren spaßhaften Einfällen immer zu spät. Die Gesellschaft hat das schon wieder vergessen, worauf sie ihren Schertz gründen, und sie machen sich lächerlich, wenn sie die Gesellschaft nöthigen wollen, ihnen zu gefallen sich wieder auf das vorhergehende zu besinnen. Wem erst nachher ein Schertz einfält, wenn die Gelegenheit vergangen ist, der unterdrücke ihn ja, wenn er anders nicht die Trägheit seines Witzes auf eine lächerliche Art verrathen will.
§. 71.
Ein Schertz verliehrt nothwendig seine Schönheit wenn er deutlich ist, und in so fern er deutlich ist. Ein jeder deutlicher Begriff führt eine Ueberlegung mit sich, durch welche man sich den gantzen Begriff, nicht auf einmal, sondern Stückweise, und nach und nach, vorstelt. Ein deutlicher Schertz verliehrt die Lebhaftigkeit, die ihn so schön macht. Man kan das von allen Schönheiten sagen. So bald wir einen deutlichen Begriff von einer Schönheit erlangen, so bald verschwindet das schöne, als welches nur in der Verwirrung des Begriffs liegt. Man lasse einen Meßkünstler das schönste Gesicht ausmessen, und die Proportionen aller Theile und Züge desselben in Zahlen ausdrucken, man lasse ihn die Lage aller Theile und Züge nach geometrischen Gründen bestimmen. Ich glaube nicht, daß sich jemand in ein solches abgeschriebenes Gesicht verlieben würde. Man lasse aber eben dieses Gesicht von einem Mahler abmahlen, so wird es in seinem völligen Glantze erscheinen. Soll also ein Schertz eine schöne sinliche Vorstellung bleiben, so muß er nicht durch den Verstand betrachtet werden, so lange er diese seine Schönheit behalten soll. Ein Schertz muß nothwendig frostig werden, den der schertzende mit einem weitläuftigen Commentarius begleitet. Das muß man den Zuhörer selbst überlassen, der mag den Schertz in seinem Gemüth so weitläuftig zergliedern, wie er es selbst für gut befindet. Es ist auch eine Art der Unverschämtheit, die ein spaßhafter Kopf gegen seine Zuhörer blicken läßt, wenn er ihnen seinen Schertz erklärt. Er gibt zu verstehen, daß er ihnen nicht Einsicht genug zutraue, die Stärcke seines Schertzes zu begreiffen. Es ist eine sehr beschwerliche Mode mancher schertzhaften Köpfe, daß sie so gefällig sind, und ihrem Zuhörer die Mühe des Nachdenckens überheben wollen. Es schmeckt dieß Verhalten zu sehr nach Eigenliebe, und Einbildung, als daß es gefallen solte. Ein Schertz der einen Commentarius nöthig hat, oder gleich damit versehen wird, ist in beyden Fällen frostig. Noch viel abgeschmackter ist ein anderer Fehler, den ich nur beyläufig berühre. Es sind manche, die selbst zu schertzen ungeschickt sind, so gefällig gegen die Gesellschaft, daß sie die Schertze, die andere in derselben vortragen, mit Noten erläutern. Man könnte diese Leute die Scholiasten spaßhafter Köpfe nennen. Sie begehen einen doppelten Fehler. Sie beweisen sich nicht nur unbescheiden gegen die Gesellschaft, indem sie in der Meinung zu stehen den Schein geben, daß sie allein die Stärcke des Schertzes begriffen, sondern sie machen auch die Schertze eines andern, so viel an ihnen ist, frostig.
§. 72.
Ein Schertz der lebhaft seyn soll muß in einem hohen Grade klar seyn. Wenn er demnach dunckel ist, und gar nicht eingesehen wird, so hört er auf, ein Schertz zu seyn. Man kan also sagen, daß ein Schertz in so fern er dunckel ist, gar kein Schertz sey. Es ist ein Fehler eines Schertzes wenn er dunckel ist, und ohne Noten und Commentarius nicht verstanden werden kan. Ich sage nicht, daß ein Schertz von allen Leuten müsse verstanden werden, denn so müste er gewiß sehr frostig und abgeschmackt seyn, weil dieser allgemeine Begriff das Unglück hat, sehr abgeschmackte Köpfe unter sich zu begreiffen. Sondern ich behaupte, daß ein feuriger Schertz keinem witzigen Kopfe, der die Umstände weiß, in welchen er vorgetragen worden, dunckel seyn müsse. Es können dahin alle die Schertze gerechnet werden, die gar zu weit hergeholt sind, die gar zu sehr erzwungen werden, und bey denen man gar zu viel nachdencken muß, ehe man sie einsehen kan. Dieser Fehler hat mannigfaltige Ursachen. Wenn ein schertzhafter Kopf seine Schertze nicht nach der Gelegenheit einrichtet; wenn in den Umständen gar keiner, oder doch ein sehr unmercklicher, Grund zum Schertze vorhanden ist; wenn die Gedancken bey dem Schertze, aus welchen die übrigen leicht fliessen, verschwiegen werden, und diejenigen vorgetragen werden, aus welchen sehr schwer das übrige erkannt werden kan; wenn die Vergleichungsstücke sehr klein und unmercklich sind u. s. w. so wird er ausser dem Gesichtskreyse der allermehresten Zuhörer angetroffen werden. Ein glücklicher Schertz muß ungezwungen seyn, leicht eingesehen werden können, und das schertzhafte dergestalt entdecken, daß man dem Zuhörer, als der sich gerne belustigen will, nicht die Mühe macht, den Kopf zu sehr zu zerbrechen. Es sind manche Köpfe, die mitten in Gesellschaften doch allein sind. Sie haben ihre eigenen Reihen der Vorstellungen, und wenn ihnen alsdenn was schertzhaftes einfält, so tragen sie es ohne Bedencken vor, und wundern sich, wenn andere nicht mitlachen. Sie solten erst die Gütigkeit haben, und ihre vorhergehenden Vorstellungen vortragen, oder die Gefälligkeit gegen die Gesellschaft beweisen, und mit Leib und Seel unter ihr gegenwärtig seyn.