[14] Ihr Alter dürfen wir freilich nicht nachrechnen. Svanhild ist beim Eintritt in die Erzählung ein junges Mädchen. Inzwischen sind aber ihre Brüder aus der dritten Ehe ihrer Mutter bereits zu waffenfähigen Männern herangewachsen. Gudruns zweite Ehe mit Atli, sowie die Zeit ihrer Witwenschaft sind inzwischen vergangen, auch die Zeit der Ehe mit Sigurd, die doch immerhin einige Jahre gewährt hat, ist vorüber. Wir kommen also für Svanhild, wenn wir nachrechnen, auf ein ziemlich hohes Alter, das zur Erzählung nicht stimmt. Wir dürfen in dieser Beziehung nicht zu streng sein. Denn gerade diese Dinge, wie überhaupt jede Chronologie, sind die schwächsten Punkte aller sagenmäßigen Tradition. Alles dies verschwimmt in der Erinnerung der Menschen zu allererst; sie werfen alles auf eine Fläche, sie sehen in der Erinnerung alles nebeneinander, kein Vor- und kein Hintereinander mehr; Personen, die in Wirklichkeit durch hundert Jahre getrennt waren, können leicht als Zeitgenossen erscheinen. Es war für die einfachen Leute, welche die Überlieferung gepflegt haben, eben nicht möglich, solche Dinge zu kontrollieren.
[15] Er gehört übrigens ursprünglich nur dem Texte C an, vergleiche später [S. 107].
[16] Den Namen des Vaters (Gibich, der in andern deutschen Dichtungen wohlbekannt ist) hat das Nibelungenlied vergessen; erst der Text C nennt ihn im Anschluß an die „Klage“ mit einem offenbar willkürlich herausgegriffenen Namen Dankrat.
[17] Woher sie mit ihr bekannt ist (die Geschichte spielt ja in der Mädchenzeit der beiden), wird nicht erklärt.
[18] Etwa dem alten Herzogtum Nieder-Lothringen entsprechend. Eine Residenz Santen (heute Xanten) hat erst der Text C aus der einmaligen Erwähnung dieses Städtchens Str. 715 (Holtzmann) herausgesponnen, vgl. Braune, Die Handschriftenverhältnisse des Nibelungenliedes, S. 178.
[19] Die Burgunden sitzen nach der Sage in einer Gegend, die zur Zeit der vollendeten Dichtung den Franken gehört; sie fallen infolgedessen in der Auffassung des Dichters und seiner Zuhörer mit diesen zusammen.
[20] Solche Feste werden in unserm Liede stets mit besonderer Liebe behandelt. Unserm heutigen Geschmack sagen die Schilderungen von Festen und dem dabei entwickelten Prunke, besonders was Kleidung anbetrifft, wenig zu, und man hat deshalb die betreffenden Abschnitte gar für unecht erklären wollen; sie sind jedoch nur leer an Sagengehalt. Wir müssen uns in die damalige Zeit hineinversetzen, um diese Schneiderszenen, wie man sie genannt hat, zu würdigen. Man erwartete im Mittelalter von der erzählenden Dichtung nicht nur Anregungen innerlichen, sondern auch solche äußerlichen Charakters, als da sind Berichte über neue oder absonderliche Moden oder Gebräuche.
[21] Die Schilderung dieser Jagd im 16. Gesange unseres Liedes ist in gewisser dichterischer Beziehung vielleicht sein Höhepunkt. Der Verfasser weiß auf das genaueste Bescheid von allem, was bei einer Jagd jener Zeit vorkommt, und versetzt sich und seine Zuhörer so lebhaft in die richtige Wald- und Jagdstimmung, daß man diesen Gesang nur mit großem Genusse lesen kann.
[22] Seltsamerweise wird vorausgesetzt, daß Siegfried für den Scheinfeldzug vor einigen Tagen und für die Jagd ein und denselben Rock trägt.
[23] Unter diesem Namen verstehen die Deutschen späterhin immer Ofen (Budapest); ob das Nibelungenlied schon diese Stadt meint, bleibt zweifelhaft: Ungarns alte Hauptstadt ist Gran (noch heute Sitz des Primas); erst nach seiner Zerstörung durch die Mongolen 1241 trat Ofen an seine Stelle.