Das früher ebenfalls zu Aachen aufbewahrte Evangelienbuch ist karolingisch, so daſs der Richtigkeit der Tradition, die dasselbe im Grabe des groſsen Kaisers gefunden sein läſst, kein Bedenken im Wege steht; der Einband ist spät gothisch. Eine Kapsel, gefüllt mit Erde, die mit dem Blute des Märtyrers Stephan getränkt sein soll, an der Hauptseite vollkommen mit gefaſsten, ungeschliffenen Edelsteinen besetzt, an den Seiten aber mit getriebenen Metallblechen, stammt noch aus vorkarolingischer Zeit. Die übrigen Reichsreliquien sind im Werke nur verzeichnet, ohne abgebildet und beschrieben zu sein, da Bock denselben ein eigenes Buch zu widmen beabsichtigt; dagegen sind nach Delsenbach’s mangelhaften Zeichnungen die verloren gegangenen beiden Armspangen und die Sporen nebst den schon erwähnten, nicht mehr vorhandenen Schuhen, Handschuhen und Gürteln dargestellt.
III.
Hat schon das Bock’sche Werk dadurch eine hervorragende Bedeutung, daſs es zum ersten Male mit wirklich ar chäologischem Verständniſs Abbildungen im groſsen Maſsstabe, soweit es thunlich in Naturgröſse, der kostbaren Kleinodienstücke gibt, so besteht ein weiteres, sehr groſses Verdienst darin, in eben solcher Weise fast alle noch vorhandenen Krönungspontifikalien anderer Völker, sowie die sonst zerstreuten Kaiserreliquien gesammelt und so Vergleiche geboten zu haben, die das Werk auch für die Geschichte der Formentwickelung wichtig machen.
Wir können hier dieselben nur reihenweise in ihrer Zusammengehörigkeit betrachten und fassen auch hier wieder zunächst die stofflichen, sodann die metallischen Objekte in’s Auge. Unter den stofflichen tritt uns zunächst ein Kaisermantel entgegen, der zu Metz aufbewahrt wird. Er ist mit 4 groſsen Adlern auf rothem Grund bestickt und hat die meiste Aehnlichkeit mit dem Kaisermantel, vielleicht um ein Geringes älter, obwohl die Meinungen gerade über dieses Gewand weit auseinander gehen, das durch die Gelehrten als persisch betrachtet und in die karolingische Zeit versetzt wurde. Höchstes Interesse erregen 3 Mäntel aus Bamberg, die der Zeit Heinrich’s zugehörten, von denen der erste mit einer höchst interessanten Darstellung des gestirnten Himmels versehen ist, in der die einzelnen hervorragenden Sternbilder charakteristisch abgebildet und mit Inschriften versehen sind. Eine Inschrift: O Decus Europae Caesar Henrice beare, Augeat imperium tibi Rex qui regnat in aevum, gibt genaue Kunde über die Zeitstellung; eine zweite Inschrift sagt: Descriptio totius orbis. Fax Ismaeli qui hoc ordinavit; bezieht sich also auf Ismael, Herzog von Apulien, † 1020 zu Bamberg.
Eine noch in ursprünglicher Gestalt erhaltene Casula zeigt auf violettem Purpurstoff, in Kreise eingeschlossen, wiederholt einen kaiserlichen Reiter, einen Falken auf der Rechten, ein Scepter in der linken Hand haltend, der über seine Feinde wegreitet und von reichem Ornament umgeben ist. Nach Bock stammt die Casel frühestens aus der Mitte des 12. Jahrhunderts. Er vermuthet, daſs dieselbe ehemals einem Profanzwecke diente und erst später die geschlossene jetzige Gestalt erhielt. Ein drittes abgebildetes Gewand dagegen hatte ohne Zweifel ursprünglich kirchliche Bestimmung, obwohl dasselbe den Kaisermänteln zugezählt wird. Es umfasst in einer Anzahl kleiner Kreise Darstellungen aus der heiligen Geschichte, in der Hauptdarstellung den Herrn in seiner Herrlichkeit, von der Höhe ausgehend, in die Strahlen der Sonne und des Mondes gekleidet. Egredietur Dominus de loco sancto suo, veniet ut salvet (populum suum). Diese kostbare Casula entstammt der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts.
Dem 11. gehört jedoch der ungarische Krönungsmantel an, der, von der Hand der heiligen Gisela herrührend, als Casula für die Kirche zu Stuhlweiſsenburg gefertigt wurde und mit höchst interessanten symbolischen Darstellungen versehen ist. In der Kirche zu Martinsberg bei Raab befindet sich noch die in Naturgröſse gezeichnete Vorlage, nach der die königliche Stickerin ihre Arbeit anfertigte, die in früheren Zei ten gleichfalls als der Mantel selbst betrachtet worden war und so mannigfache Verwirrung unter älteren Gelehrten hervorgerufen hatte. Ein interessanter Kaisermantel ist der Otto’s IV. im Museum zu Braunschweig, mit einer Anzahl Löwen und Sterne und Halbmonde bestickt, in die sich an den vorderen Rändern knieende Engel mit Rauchfässern mischen, während vier einköpfige Adler eine mittlere Theilung auf dem Rücken bilden; auch ihn schreibt Bock sicilianischen Stickern zu.
Der jüngste unter den Mänteln ist die in Aachen aufbewahrte Cappa Leonis, die, der zweiten Hälfte des 13. Jahrh. angehörig, von Bock als Geschenk des Königs Richard von Cornwallis betrachtet wird.
Den Mänteln schlieſst sich noch eine tunica an, die, Heinrich II. zugeschrieben und aus seinen Tagen stammend, freilich im Schnitte bedeutend modificiert, sich im königl. Nationalmuseum zu München befindet und mit Stickereien versehen ist.
Für die Geschichte der Stickerei ist also eine wesentliche Bereicherung im Bock’schen Werke gegeben. Nicht minder aber auch für die Geschichte der Weberei bietet das Werk interesssante Beiträge, indem Zeit und Herkunft einer Anzahl von Stoffen genau bestimmt sind, die, in Naturgröſse abgebildet, wieder zur Vergleichung anderer die bestimmtesten Anhaltspunkte gewähren. So sind etwa 12 verschiedene Stoffmuster theils in Holzschnitt, theils in Farbendruck naturgroſs gegeben.
Noch wichtiger erscheint das Werk für die Geschichte der Goldschmiedekunst. Da führt es uns eine Anzahl jener Kronen vor, die den vorkarolingischen Zeiten angehören; es zeigt die zu Guarazzo gefundenen Kronen des Recesvinthus und Svintilianus. Die Krone des Agilulf (gegen 600) wurde leider 1804 zu Paris gestohlen und vernichtet; die Krone der Theodolinde zu Monza dürfte aus der Zeit dieser Fürstin herrühren. Sodann folgt die eiserne Krone der Lombardei, die nach Bock ein griechisches Kunstwerk aus dem 9. Jahrhunderte ist und ursprunglich keine Königskrone war, wobei es Bock freiläſst, ob sie, wie andere Kronen, ehemals eine Votivkrone oder ein Armband gewesen, nachdem sich in Petersburg zwei mit der eisernen Krone fast identische Armbänder befinden. Die Krone ist bekanntlich nicht von Eisen, wird auch vor dem 13. Jahrhundert gar nicht als eiserne bezeichnet und hat ihren Namen von einem eisernen Ringe im Innern, der die einzelnen goldenen Theile zusammenhält und der Tradition nach aus einem Nagel vom Kreuze Christi gefertigt sein soll. Die eine der zu München aufbewahrten Kronen, die aus Bamberg stammen, schreibt Bock der heiligen Kunigunde zu, deren Cranium sie Jahrhunderte lang bedeckt hatte. Dieselbe ist mit einer zweiten Krone heutzutage verbunden, die in der chronologischen Reihenfolge einen spätern Platz einzunehmen hat. Eine Krone griechischen Ursprunges, mit der deutschen Kaiserkrone in der Hauptform verwandt, ist die des Constantin Monomachos, von der sich in dem Museum zu Pesth Bruchstücke befinden, zwischen 1042 und 1050 entstanden, vielleicht ein Geschenk an einen ungarischen oder serbischen König.