Nunquam sera veritas.
Zu Anfang der vierziger Jahre wurde der Unterzeichnete, bei Gelegenheit einer Nachgrabung auf der sogen. Kaninchen-Insel im Bieler See, benachrichtigt, man habe in diesem See, in der Bucht von Mörigen (Mörigen-Eggen), an einer Stelle, wo viele Pfähle im Seegrunde steckten, ein Thongefäſs herausgefischt. Als Referent im J. 1843 sich an Ort und Stelle begab, erblickte er zu seinem groſsen Erstaunen eine Menge uralter, aus dem Seegrunde hervorragender, jedoch tief unter dem Wasserspiegel stehender Pfähle, und erhob daselbst vermittelst eines Fischergarns fünf massive Ringe von schlecht gebranntem Thon, welche in ihrer Höhlung mit Kohlen und Thonscherbchen angefüllt waren und vom Referenten sofort als keltische Töpferarbeit erkannt wurden. Mehrere Jahre hindurch fortgesetzte Untersuchungen von Seiten des nun verstorbenen, in Nidau am Bieler See wohnhaft gewesenen Herrn Amtsnotar Emanuel Müller, welchen Referent im J. 1847 auf die so merkwürdige Lokalität aufmerksam gemacht hatte, förderten nach und nach eine Masse keltischer, meist fragmentarischer Töpferwaare, zum Theil von sehr groſsen Dimensionen, mehrere Thonringe erwähnter Art, aber auch metallene Gegenstände, wie halb geschlossene, reich ciselierte Bronzeringe und ein damasciertes, eisernes Schwert, an das Tageslicht, von welchen Fundstücken Hr. Müller Proben mit Angabe des Fundortes an die antiquarische Gesellschaft in Zürich einsandte. (S. V. Bericht über die Verrichtungen dieser Gesellschaft, vom 1. Juli 1848 bis 1. Juli 1849, S. 4.). Während aber Hr. Müller über den Ursprung und die Bedeutung dieses Pfahlwerks im Unklaren war, hatte Referent dasselbe von Anfang an als keltische Pfahlbauansiedlung erkannt, und er ermangelte nicht, diese Ansicht in seiner 1850 erschienenen antiquarisch-topographischen Beschreibung des Cantons Bern mit den Worten zu präcisieren (S. 33): „In der Bucht des Bieler Sees zwischen Gerolfingen und Mörigen, im sogenannten Mörigen-Eggen, steht, eine gute Strecke auſserhalb des Seeufers bei letzterm Dorfe, ein uraltes Pfahlwerk von der Substruction einer bedeutenden Ansiedlung aus einer Zeit, wo der Wasserspiegel des Sees noch nicht die jetzige normale Höhe erreicht hatte.“ Zugleich wurde die dort vorfindliche Töpferwaare als keltische bezeichnet. Damit war der erste keltische Pfahlbau im Bieler See und in den Schweizer Seen überhaupt, wiewohl tief unter dem Wasserspiegel stehend, seinem Ursprung und seiner Bedeutung nach constatiert, wie denn auch Referent die Uebereinstimmung des im J. 1856 entdeckten Pfahlbaus am untern Ende des tiefer gelegten Moosseedorf-Sees mit dem Mörigen-Pfahlbau sofort herausfand. (Siehe noch über die Priorität der Entdeckung des Mörigen-Pfahlbaues „Chronik des Cantons Bern“, S. 568, und „Pfahlbau-Alterthümer von Moosseedorf“, S. 9, sowie über den oben berührten Umstand des erhöhten Wasserspiegels ebendas., S. 36, und Dr. Keller’s I. Bericht über die keltischen Pfahlbauten in den Schweizerseen, S. 87.)
Nach Feststellung dieser ersten keltischen Wasseransiedlung konnte die wahre Natur eines zweiten, bei Nidau im Bieler See befindlichen, unter dem Namen des Nidau-Steinberges längst bekannten, aber irrigerweise wegen des dortigen Vorkommens von römischen Ziegeln für römisch gehaltenen Pfahlwerks nicht mehr lange verborgen bleiben, wiewohl selbst noch Referent mit Hrn. Em. Müller jenen Irrthum theilte. Je zuverlässiger aber, selbst nach der falschen Ursprungs- und Zweckbestimmung dieses Pfahlwerks, dasselbe als Unterlage eines Baues galt, der zu einer Zeit, wo der Wasserspiegel niedriger gestanden, errichtet worden sei (s. Canton Bern, S. 35), desto fester muſste es nach Maſsgabe der Funde stehen: das Pfahlwerk bei Mörigen habe, unter gleichen Verhältnissen des Seestandes, schon in keltischer Zeit Wohnungen getragen. Auch war es der richtige Rückschluſs von diesem Punkte auf den Nidau-Steinberg, der die Erkenntniſs seiner wahren Natur zur Folge hatte.
Das Verdienst der diesfälligen Entdeckung kommt Herrn Oberst Friedrich Schwab in Biel zu, welcher, durch die bei Mörigen erhobenen keltischen Fundstücke aufmerksam gemacht, im J. 1852 mit den Nachforschungen im Nidau-Steinberg begann und damit diese Schatzkammer keltischer Alterthümer eröffnete. Vergl. Blösch „Geschichte der Stadt Biel“ 1. Thl., Anmerk. zu S. 8, wo Hr. Oberst Schwab den keltischen Ursprung des Nidau-Steinberg-Pfahlbaus aus der Uebereinstimmung der gemachten Funde mit den bei Mörigen entdeckten Alterthümern herleitet, und in demselben Werke die Erklärungen zum Situationsplan Nr. 34 und 40.
Es erfolgte sodann im J. 1854 Seitens des Herrn Dr. Ferdinand Keller, Präsidenten der antiquarischen Gesellschaft in Zürich, die Entdeckung des trocken gelegten Pfahlbaus bei Meilen am Züricher See, deren Ergebnisse sammt denen der verwandten frühern Forschungen der Genannte in seinem I. Pfahlbauten-Bericht mit groſser Umsicht verwerthet, und dadurch einen mächtigen Impuls zu allen den in der Schweiz und nachgerade auch im Ausland angestellten Untersuchungen über diese merkwürdigen Reste vorhistorischer Kultur Europas gegeben hat.
So viel mit Bezug auf diesen Anzeiger, Jahrg. 1866, Nr. 2, Sp. 50 ff.; vergl. übrigens den „Bund“ Jahrg. 1865, Nr. 342 u. 343.
Bern, 9. Juni 1866.
Dr. Albert Jahn.
Fußnote:[A] Wir sind besonders veranlaſst worden, auch diesen Artikel im Anzeiger abdrucken zu lassen.
D. Red.