1) An einer Urkunde Arnold’s, Domprobsts zu Trier und Probsts zu St. Marien in Erfurt, vom J. 1241, hat derselbe zwei Siegel angehängt, und zwar das Siegel II, A der Probstei Erfurt mit der Mutter Gottes und dem Jesuskinde auf dem Schooſse und der Legende: Ego mater pulchre dilectionis, und das Siegelformen Siegel III, A, 2, a mit der Legende: ✠ ARNOLDVS · dei · gracia · maior · treverensis · prepositus · et · archid · (iaconus).

Gewiſs ein äuſserst seltener Fall!

2) Im Mittelalter wurde nicht selten, wenn aus irgend einer Ursache ein neuer Siegelstempel nöthig war, blos in den alten irgend eine Figur hineingraviert, welche wir nach Analogie der heraldischen, aber im Gegensatz zu denselben, sphragistische Beizeichen nennen. Ein solches sphragistisches Beizeichen in Form eines Kleeblatts (aber mit spitzigen Blättern) sehen wir auf dem Siegel II, B, mit Thor und Thürmen, der Stadt Cassel, und mit der Legende sigillum · burgensivm · de · cassele · aus dem 13. oder 14. Jahrh., während Originalsiegel desselben Stempels ohne dieses Beizeichen bekannt sind.

3) Die Angabe (s. Lippische Regesten, I, S. 238 zu Nr. 370): „Daſs zu den Farben der Siegelschnüre früher vorzugsweise Roth und Gelb gebraucht wurde,“ ist, sowie die Berufung auf Heineccius, nicht richtig. „Coloris porro non minor fuit varietas in sericeis appendiculis“, sagt Letzterer.

4) Die Angabe W. v. Hodenberg’s[L], daſs die Wappen-Siegel IV, C mit Schild und Helm erst seit der Mitte des 14. Jahrh. und nur in runder Form und mit schräg gestelltem Schilde vorkommen, ist falsch. Wir finden solche bereits seit den 40er Jahren des 13. Jahrhunderts und auch von dreieckiger Form und mit gerad gestellten Schilden.

5) Das interessante Doppel-Siegel, Avers III, B, 3, Revers IV, C, des Grafen Albert von Orlamünde an der Stiftungsurkunde des Klosters Reinbeck von 1224 prid. id. Norb. in Kopenhagen ist leider so defect, daſs man weder die Legende, noch die ganz eigentümliche Zusammenstellung des Schildes, Helmes, Banners und Schwertes (?) auf dem Revers deutlich erkennen kann. Sollte sich irgendwo noch ein anderes, besser erhaltenes, oder wenigstens das von 1224 ergänzendes Exemplar vorfinden, so würden wir für dessen Mittheilung äuſserst dankbar sein. Im Falle andere Siegel mit ähnlichen heraldischen Zusammenstellungen bekannt wären, bitten wir gleichfalls um Nachricht.

6) Sind keine gekrönten Helme auf Siegeln (auſser denen der Herzoge von Oesterreich, welche den gekrönten Helm, als Königssöhne, bekanntlich seit 1286 führten) vor dem Jahre 1353 bekannt?

7) Gab es Siegel von Bürgern vor dem Jahre 1290?

Fußnoten:[A] Weitere Siegel mit Jahreszahlen aus dem 14. und 15. Jahrh. sind im Anzeiger für 1859, Nr. 7 u. 10, und 1860, Nr. 1 angegeben.[B] „Ueber den Gebrauch arabischer Ziffern und die Veränderungen derselben,“ im Anzeiger für 1861, Nr. 2–7. S. auch H. Otte, Kurzer Abriſs einer kirchlichen Kunst-Archäologie des Mittelalters, in den neuen Mittheilungen des thüringisch-sächsischen Vereins, Bd. VI, Heft 4, S. 3 und Taf. III.[C] Viele privatrechtliche Urkunden der sicilianischen Archive aus dem 13. Jahrh. sollen ganz in arabischer Sprache abgefaſst sein.[D] Solche Fälle kommen auf mittelalterlichen Siegeln nicht selten vor. Z. B. auf dem ältesten hohenlohischen hohenlohisches Siegel IV Siegel IV, A, 1 Conrad’s von 1207, abgebildet bei J. Albrecht, Taf. I, 1; auf dem Siegel Walter von Vatz Siegel IV, A, 1 Walter’s von Vatz von 1216; auf den beiden Siegel Heinrich Flans Siegeln IV, A, 1, Heinrich Flans’ von Orlamünde von 1311 — mit dem monogrammatisch zusammengezogenen Wappen der Grafen von Orlamünde (s. v. Ledebur, Archiv f. deutsche Adels-Gesch., II, S. 220) und Friedrich’s von Krusenburg (wol auch aus dem 14. Jahrh.); wahrscheinlich eben so auf unserer folgenden Nr. 3; endlich auf dem Siegel IV, C der Kaiserin Eleonore, Gemahlin Friedrich’s III., von 1460, zu welchem Sava bemerkt, daſs bei der Composition und Ausführung dieses prachtvollen Siegels, welche von bedeutender Kunststufe zeugen, die verkehrten S noch um so auffallender seien. (Die Siegel der österreichischen Fürstinnen im Mittelaller, I, I, 30, und unsere mittelalterl. Frauen-Siegel, Nr. 58). Auch auf Münzen begegnen wir solchen fehlerhaften Umschriften; siehe in Dr. H. A. Erbstein’s Münzfund von Trebitz die Münze des Landgrafen Hermann von Thüringen (1192–1215), Nr. 86, wo S. 67 in Betreff der „auf Mittelalter-Münzen so oft erscheinenden incorrecten oder oft ganz entstellten Umschriften“ auf Grote’s Münzstudien IV, I, 559 verwiesen ist.[E] Man würde bei Alterthums-Forschungen sicher der Wahrheit öfter näher kommen, wenn man — bis zum urkundlichen Beweise des Gegentheils — der einfachsten Auslegung den Vorzug einräumen wollte. Denn Schreib- und Druckfehler, im weitesten Sinne des Worts, sind vor Jahrhunderten gerade so gut vorgekommen, wie heut zu Tage.[F] Gewöhnlich wurde die Jahreszahl am Schlusse der Legende angebracht.[G] Nach Brand kommen die Krätzel in der Gegend am Inn schon seit 1190 als Zeugen in den Urkunden der Klöster Attel, Altenhohenau, Rott und Seeon vor.

Auch auf ihren übrigen Siegeln seit 1361 führen sie dasselbe Wappen, wie der Marschall Wernher.