Beitrag zur Ikonographie des Mittelalters.

Die Ikonographie des Mittelalters im Abendlande stimmt mit der des Morgenlandes fast vollkommen überein. Es liegt darin der Beweis, daſs die Ursprünge derselben in’s hohe Alterthum hinaufgehen, wo noch die Kirche ihre Einheit bewahrt hatte. Es liegt aber auch — unserer Meinung nach — der Beweis darin, daſs wir uns die Kultur des Abendlandes und des Morgenlandes nicht so isoliert denken dürfen, als dies gewöhnlich geschieht. Wir behalten uns vor, auf diesen Punkt demnächst im Anzeiger zurückzukommen und die „ byzantinische Frage “ zu besprechen. Jetzt haben wir nur zu sagen, daſs bei der Gleichmäſsigkeit des Bildercyklus sich sehr häufig eine unerklärte, seltene Darstellung der abendländisch-christlichen Kunst aus byzantinischen Parallelen erklären läſst. Der gleiche Fall ist umgekehrt.

So befindet sich auch auf der Dalmatica St. Leonis III. im Schatze der Peterskirche zu Rom, die bei den Kaiserkrönungen in Anwendung kam, auf der Vorderseite eine Darstellung der Majestas Domini, d. h. des Herrn in seiner Herrlichkeit, umgeben von den himmlischen Heerschaaren. Das Gewand ist byzantinischen Ursprunges. Die Darstellung ist fast identisch wiederholt auf einem byzantinischen Tafelgemälde im christlichen Museum des Vatikans. Auf beiden Darstellungen ist die ganze himmlische Hierarchie in ihren verschiedenen Chören der Engel und Heiligen von einem Kreise umschlossen. In beiden Ecken unterhalb des Kreises befinden sich zwei zur Darstellung in Bezug stehende Figuren. Einerseits ist der Erzvater Abraham sitzend angebracht, wie er die Seelen der Seligen im Schooſse hält. Auf dem Tafelgemälde des Vatikans ist der Name beigeschrieben. Dieselbe Darstellung ist im Abendlande auch vom 12.-14. Jahrh. häufig vorgekommen und würde also auch erklärlich sein, wenn die Inschrift nicht dabei stünde. Die Figur auf der andern Seite ist weniger leicht zu erklären. Es ist ein bärtiger, nackter Mann mit einem Lendenschurze, der ein Kreuz trägt. Da hier eine Inschrift nicht gegeben ist, die Darstellung auch zu den seltneren zu gehören scheint, so glaubte Dr. F. Bock in seiner Abhandlung über das fragliche Gewand auf S. 95–110 seines Prachtwerkes: „ Die Kleinodien des heiligen römischen Reiches deutscher Nation “ zwei Erklärungen dieser Figur zulassen zu sollen. Er erklärte sie einerseits als den Erzvater Adam, den die Legende in direkte Beziehung zum Kreuze Christi stellte, und der sonach mit Recht das Kreuz tragen konnte. Andererseits, meinte er, könne der reuige Schächer gemeint sein, dem der Herr am Kreuze zurief: „Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein.“ Es schien uns unwahrscheinlich, daſs diese letztere Figur in direkte Parallele mit Abraham gesetzt worden, und wir haben daher beim Entwurfe der Ausstattung der Kirche Groſs-St. Martin in Köln, der wir eine ähnliche Darstellung zu geben hatten, diese Figur als Adam angenommen[A]. Wenn wir damals nicht auf A. Dürer’s groſse Passion hingewiesen haben, wo auf dem Blatte, das Christum darstellt, wie er die Höllenpforte sprengt und die Gerechten des alten Bundes befreit, Adam gleichfalls mit dem Kreuze erscheint, so liegt der Grund darin, daſs uns Dürer als eine zu späte Quelle erschien, um daraus eine byzantinische Figur des 12.-13. Jahrh. erklären zu können.

Wir haben jedoch seit dem in der Sammlung von Miniaturen des Freiherrn v. Bibra dahier eine Initiale gefunden, die dem Schlusse des 13. oder der ersten Hälfte des 14. Jahrh. angehört. In derselben ist gleichfalls die Erlösung der Gerechten des alten Bundes aus der Gewalt der Hölle dargestellt. Da erscheint in erster Linie Adam mit dem Kreuze genau in derselben Weise wie auf den beiden byzantinischen Darstellungen. Wir glauben somit vollständig berechtigt zu sein, in den Figuren nur ausschlieſslich Adam zu erkennen und die Annahme, als könne der reuige Schächer damit gemeint sein, zurückzuweisen.

Nürnberg.

A. Essenwein.

Fußnote:[A] Vgl. unser Schriftchen: Die innere Ausstattung der Kirche Groſs-St. Martin in Köln (Köln, 1866. Verlag des Kirchenvorstandes), Seite 29.

Herzog Wilhelm von Bayern sucht Reliquien für die St. Michaelskirche zu München.

Als Herzog Wilhelm der Fromme seine groſsartigen Bauten zu München und Schleiſsheim ausführen lieſs, suchte er nach Reliquien von Heiligen, um sie in den von ihm erbauten Kirchen und Kapellen aufzubewahren. Der gelehrte und geschichtskundige Stiftsdekan von Spalt, Wolfgang Agricola (Bäuerlein) schickte ihm deren mehrere. Er hatte sie in den säcularisierten brandenburgischen und nürnbergischen Klöstern und Kirchen aufgefunden. Auch zeigte er dem Herzog an, daſs im deutschen Haus zu Nürnberg noch sehr kostbare Reliquien verwahrt werden, die im J. 1552 vor dem Markgrafen Albrecht von Brandenburg und seinen mordbrennerischen Schaaren aus dem von Kaiser Ludwig dem Bayern gestifteten Frauenkloster Pillenreuth[A] dorthin geflüchtet worden. Auf diese Nachricht wendete sich der Herzog an seinen Vetter, den erwählten König von Polen und Administrator des Deutschordens, Erzherzog Maximilian, den er ersuchte, ihm jene Pillenreuther Reliquien für die Michaelskirche zu München zu überlassen. Er schrieb demselben folgenden Brief:

„Freundtlicher lieber Herr vnd Vetter! Eur Königlich Wirde khan Ich aus sonnderm zu derselben hohen Vertrauen zuberichten nit vnderlassen, das Ich vor ettlich Jaren ein Kirchen zu Lob vnd Ehr des Allerhöchsten, auch dem heiligen Ertzenngl Michaeli als Patrono, daneben auch ein Capellen, so zu diser Kirchen gehörig, angefanngen zepawen, welche mit der Hilff Gottes sollen bald zu guetem Ennd khomen. So hab Ich auch vergannges Jar in mein Haus, so Ich mir zu meiner intention zunegst bey St. Michels Kirchen gepawt, auch zwo Capellen gericht, vnd bin Willens, noch diß Jar, wills Gott, ein annders cleins Kirchlein auf einem schlechten Guetl vnd Mayrhoff[B] aufzerichten. Der Allmechtig welle sein Segen darzue geben. Dieweil aber dergleichen geistliche Gepew, wie Eür Königlich Wirde wol wissen, vor allem auch mit dem Schatz der lieben Heyligen reliquien sollen versehen vnd geziert werden, vnd zu obbemelter Anzal der Kirchen vnd Capelln nit weniger gehörn vnd vonnöten. Ich aber mit dergleichen zu Geniegen nit versehen, vnd aber daneben in glaubwürdige Erfahrung khomen, wie das zu Nürmberg in Eür Königlichen Wirde vnd des löblichen ordens Teutschen Haus ettliche reliquien, so vil Jar daselbs verlegen vnd in einem Gewelb vnd Zimer verspert sein, vnd also niemanndt zu Nutzen khomen, vnd das auch Eur Königlichen Wirde Lanndcomenthur der Palley Frannckhen vnd Comenthur zu Ellingen darumb wissen, wie auch die Schlissl darzue haben solle, also ist an Eur Königlich Wirde mein ganntz diennstlichs vnd hochvleissigs Bitten, Sy wellen den lieben Heyligen zu Ehrn, fürnemblich aber Gott selbs zu Lob, vnd mir alls derselben getreuen vnd diennstwilligen Vettern zu sonndern grossen Gonnsten, mir solliche reliquien, plos on alle zier, neben gebürlichen Testimonien guetwülig zuesteen vnd volgen lassen, vnd die gemelte Gottesheuser damit Königlich begaben vnd haussteurn. Die will Ich alsdann nit allein Eur Königlichen Würde zu Ehrn vnd Rhuemb nach meinem Vermuegen vnd zu meinem vorhabenden intent ziern, sonnder solches nach meinem bessten Vermügen verdienen, innsonnderheit aber die Sachen dahin richten, damit Eur Königlichen Würde vnd der Irigen yeder Zeit bey disen Gottsheusern mit schuldigem Gebett vnd Fürbitt zu Derselben Wolfahrt vnd Aufnemen kheins Wegs vergessen, sonnder Derselben tanquam benefactores zum treulichisten gedacht werde. Bitte derhalben Eur Königlich Würde nochmals, Sy wellen gemelten Iren Commenthur deshalben eheist gnedigisten Bevelch zuekhomen lassen, vnd thue mich Derselben zu angenemen wol gefelligen gegendiennste ganntz diennstlich vnd vleissig beuelhen. Datum Dachaw den xiij (13.) February Anno &c. 1595.