Die vorstehende Ordnung habe ich einer gleichzeitigen wohlerhaltenen Copie entnommen. Dieselbe ist auf Pergament geschrieben und füllt 8½ Seiten in folio. Auf der ersten Seite, welche als Umschlag dient, steht von offenbar neuerer, die ältren Schriftzüge nachahmender Hand: XXVII Kilian von Bibra 1482. Das letzte Blatt ist unbeschrieben; das Ganze mit rothseidner Cordel geheftet.
Die Handschrift befindet sich gegenwärtig im Besitze des Freiherrn Ernst von Bibra in Nürnberg.
Vorläufer der Lokomotive im 17. Jahrhunderte.
Wenn wir unsere neuesten groſsen Erfindungen in’s Auge fassen, so finden wir für viele derselben die Vorstufen lange vorbereitet. So auch für das Eisenbahnwesen. Eines der wesentlichsten Elemente desselben, der Wagen, der die Triebkraft in sich selbst führt, ist eine Erfindung des 17. Jahrh., wenn auch damals nichts anderes als eine mechanische Spielerei damit bezweckt war. Der groſsartigste derartige Wagen war der von Johann Kautsch (geb. 1595) anno 1649 zu Nürnberg gebaute[A] der auf 4 Rädern fuhr. Auf den rückwärtigen ruhte ein groſser Kasten, in dem sich ein Räderwerk befand, das durch einige, gleichfalls in diesem Kasten befindliche und somit den Blicken verborgene Menschen getrieben wurde. Oben saſs der Erfinder und leitete den Wagen, dessen vorderes Ende in einen Drachen auslief, der die Augen verdrehte, und, wenn das Volk den Weg versperrte, Wasser ausspie. Ein Paar am Wagen angebrachter Engel hatten bewegliche Arme und bliesen die Posaune. 1650 kaufte Karl Gustav von Schweden diesen Wagen um 500 Thlr. und sendete ihn nach Stockholm. Später verfertigte derselbe Künstler einen ähnlichen Wagen als Triumphwagen für den König von Dänemark, nachdem er schon vorher Stühle für Podagristen in gröſserer Zahl gefertigt hatte, worin sitzend sich dieselben durch Kraft der Arme im Zimmer hin- und herbewegen konnten.
Aehnlich diesen Stühlen fertigte der gelähmte Uhrmacher Stephan Farfler[B] zu Nürnberg (geb. 1633, † 1689) Kunstwägen mit 3 und 4 Rädern, die durch Kurbeln getrieben wurden, welche ein in einem Kasten vor dem Fahrenden befindliches Räderwerk bewegten, das das eine oder die beiden Vorderräder trieb. Es ist fast genau dasselbe Fuhrwerk, wie die Draisine, die bei Eisenbahnen gebraucht wird. Nur ist, da es sich hier darum handelte, auf gewöhnlichem Boden zu fahren, der ganze Apparat nichts anderes, als eine Verlegung der eigent-Thätigkeit der Beine in die Arme. Die Arme müssen den Körper fortbewegen, müssen aber nicht blos die beim Gehen aufwendete Kraft zur Fortbewegung des Körpers allein, sondern auch noch zur Fortbewegung des Wagens liefern, müssen auſserdem noch all die Kraft aufwenden, die durch Reibung und Widerstand des Räderwerks in der Maschine erfordert wird. Uebrigens bleibt der Bau solcher Wägen stets eine interessante mechanische Spielerei, ähnlich andern, die in der ihrer Erfindungsgabe und Kunstfertigkeit wegen berühmten Stadt Nürnberg damals gefertigt wurden[C].
Fertigte man in der Stadt des Witzes mechanische Spielelereien, so wird es natürlich erscheinen, daſs man in Holland, dem Lande der Windmühlen und der Segelschiffe, darauf ausgieng, den Wind als bewegende Kraft zu benützen, also die thierische Triebkraft durch eine Naturkraft zu ersetzen. Man baute daselbst die Windwägen, von denen der alte Merian[D] bei Betrachtung von Scheveningen schreibt: Scheveringen, ein Dorff nahend dem Haag gelegen, allda die Wind-Wägen gewisen werden, deren sich Printz Moritz von Oranien biſsweilen gebraucht hat, wann er neben deſs Meers Gestade spatzieren fahren wolte. Und haben in einem solcher Wägen 28 Männer sitzen, und innerhalb zwo Stunden vierzehen Holländische Meilen, nemlich von Scheveringen, bis nach Pettem, mit solcher Geschwindigkeit fahren können, daſs die vorüber raisende sie nicht haben kennen, oder ein Pferd ihnen lang gleich lauffen können. Der Erfinder dieser Wägen ist der vornehme und berühmte Mathematicus Simon Steevinus gewesen.
Wagen mit Segeln
Ob ein derartiger Wagen sich erhalten hat, konnten wir nicht in Erfahrung bringen, auch waren uns bis jetzt keine Abbildungen zu Gesicht gekommen. Im Nachlasse des bekannten Heideloff fand sich jedoch ein interessantes Stammbuch eines Andreas Setzinger, in das eine groſse Zahl hervorragender Personen, darunter auch Moriz von Oranien, ihre Namen eingezeichnet haben, und das mit dem Besitzer groſse Reisen machte und so mit ihm auch Holland sah[E]. Wie alle diese Stammbücher durch Malereien ausgestattet sind, so finden sich auch in diesem viele für die Kulturgeschichte, speciell für die Kostümgeschichte jener Zeit wichtige Malereien. Darunter kommt auch auf einem Blatte die Abbildung eines solchen, wie ein Schiff mit Segeln versehenen Windwagens vor, den wir seines Interesses wegen nachstehend in Gröſse des Originals abgebildet haben. Zwar sind auf denselben nicht 28, sondern (mit dem Steuermann) nur 6 Figuren gezeichnet. Ein offner Kasten mit hoher Rückwand, um die dem Windanfalle ausgesetzte Oberfläche zu mehren, ruht auf vier Rädern mit sehr breiten Felgen (um nicht in den Dünensand einzuschneiden). In der Mitte erhebt sich ein Mastbaum, an dem eine Raa angebracht ist, die ein groſses geschwelltes Segel trägt. Vorn ist ein Bugspriet, das gleichfalls mit einem Segel versehen ist. Eine Vorrichtung zum Lenken des Wagens muſste am vorderen Ende angebracht sein. Die Zeichnung zeigt nur eine der Handhaben, ähnlich der des Steuerruders, in der Hand des Lenkers. Wohl um die Schnelligkeit anzuzeigen, ist ein Windspiel in vollem Lauf hinter dem Wagen angebracht.
Nürnberg.
A. Essenwein.