Das dritte Theil ist des alten Adams sprach/ nemlich solche Rede/ da man Christlicher ehrlicher Stende vnd Personen spottet/ oder sie lestert/ Suͤnd vnd Boſsheit bementelt/ oder schertz damit treibt/ vnd dagegen Tugend vnd Erbarkeit verlachet: von welchen nur etliche wenige sind hieher gesetzt/ auff das man der Jugend das Gottlose wesen der argen boͤsen Welt etwas fuͤrbilde vnd verhasset mache/ vnd sie dafuͤr verwarne/ vnd dagegen zur Tugend vnd Gottseligkeit anhalte: wie gleichfalls die Propheten/ Item Salomon in seinen Spruͤchen vnd S. Paulus in seinen Episteln auch zuweilen vnebene Spruͤche vnd Spottwort der Weltkinder einfuͤhren“. —
Die vorliegende Sammlung gehört zu den werthvollsten und reichhaltigsten der ganzen Literatur. Sie enthält nicht nur die meisten in jener Zeit umlaufenden prosaischen und gereimten Sprichwörter, sondern auch eine überraschend groſse Zahl seltener, sonst nicht gelesener Mittheilungen aus älteren, zum Theil unbekannten Quellen. Darunter finden sich alte und uralte echte Sprichwörter in hoch- und niederdeutscher Mundart, sprichwörtliche Reime, ungewöhnliche Bauern- und Wetterregeln, Vergleichungen, Spottreime, Scherz- und Schimpfworte, Weid- und Wahlsprüche etc. und ganz besonders eine hübsche Anzahl Priameln, die bekanntlich jeder Sammlung zur Zierde, einer älteren aber, wie diese, zu doppeltem Lobe gereichen. Das Werk ist aber auch unter allen, welche bis zum J. 1863, wo Wander seine umfassende Sammlung zu edieren begann, gedruckt worden sind, das reichhaltigste Sprichwörterbuch. Während die zwei Collectionen Agricola’s[B] (1529–1592) nur 1249, die Klugreden (1548 ff.) 1320, die Sammlung Franck’s (1541) c. 7000, die Zincgref-Weidner’sche (1624–1655) 7721, die von Körte (2. Ausg.) 9020, von Eiselein (1840) 12,000, von Simrock (1846) 12,396 Sprichwörter verzeichnen und endlich die Lehman’sche (1640–62) — unter allen diesen die, jedoch nur vermittelst einer überwuchernden Zahl lateinischer Moralsätze, geschichtlicher Anekdoten und gedehnter Aussprüche über Gegenstände der Religion und des Staates, copioseste: 22,922 Sprichwörter und sprichwörtliche Redensarten zählt[C] — umfaſst die unserige ohne diese letzteren, welche Peters verschmähte, auf Grund einer sorgfältigen Zählung (welche mich — sit venia dicto — eine Woche in Anspruch nahm) in Summa 21,643 Sprichwörter ( Gödeke im Gr. I, 113 schätzte ihre Zahl ziemlich richtig auf 20,000). Von diesen fallen auf den ersten Theil 2,216, auf den zweiten 19,120 und auf den dritten 307. Die Sammlung würde aber noch weit reicher geworden sein und wol um die Hälfte sich vermehrt haben, hätte sich der Verfasser entschlieſsen können, auch die sprichwörtlichen Redensarten, die „Metaphoricae Phrases oder verbluͤmte Wort“ in die eigentlichen Sprüche und Sprichwörter aufzunehmen. Er spricht sich hierüber (Vorrede, Bl. (?)iij a |_{b}) in folgenden Worten aus:
„Weil denn hie volstendige gemeine Lehrspruͤche vnnd Sprichwoͤrter verzeichnet/ als sind auſs derselbigen Vrsach nicht mit hinan gehengt solche Rede/ die keinen volkommen Sinn oder Verstand geben/ oder die nur auff ein eintzeln Person gehen/ vnd nicht in gemein hin auff alle oder auf viele geredt werden: als wenn man sagt: Aus der Lungen reden: das muſs versaltzen: Den Baum auff beiden Achseln tragen: hinter dem Berge halten: Mit halber Ehr darvon kommen: Vnter einer vngekehrten Bank finden: Vnd dergleichen vnzehlig viel mehr. Auch nit folgender Art reden/ da man spricht; Das Fewr gehet jhm aus: das Liecht brent jhm auff die Finger: Er ersoffe nicht/ das Wasser gienge jhm denn vber den Galgen: Er hat einen Hasen im Busem... Er ist kleinlaut/ die Pferde sind jhm genommen: Er muſs braten/ solt er auch den ledigen Spieſs braten: Er schleifft/ aber nicht ohne Wasser: Er wil sehen/ was da fleucht/ nicht was da kreucht: Man muſs jhn beym Rocke halten/ nicht bey den Worten... Item: Er bestehet/ wie Butter an der Sonnen: Er gehet drumb her/ wie die Katze vmb einen heissen Brei: Er helt/ wie ein zubrochen Armbrust: Er stehet auff seinen Worten/ wie der Peltz auff seinen Ermeln: Er stehet/ wie der Hahn bey den Paucken... etc. Denn diese vnd dergleichen alle sind nur Metaphoricae Phrases oder verbluͤmte Wort/ nicht gemeine volstendige morales oder proverbiales sententiae/ oder lehrhaffte Spruͤche/ sind auch derwegen hie gar ausgelassen/ wie sie denn auch vnter die Spruͤche oder Sprichwoͤrter nicht moͤgen gezehlet werden“.
(Schluſs folgt.)
Fußnoten:[A] Die Bibliothek zu Zweibrücken zeichnet sich eben so sehr durch den Reichthum an seltenen Druckwerken aus, als durch ihre musterhafte Ordnung und die Liberalität ihrer Verwaltung (z. Z. Gymnasial-Professor Fr. Butters ), welche es ermöglicht, von ihren Schätzen den ausgedehntesten und dankenswerthesten Gebrauch zu machen. Der Werth und Nutzen dieser von Herzog Johann I. († 1604) gegründeten, von seinen Nachfolgern mit Liebe gepflegten und von Karl I. durch die birkenfeldische (1762) vermehrten Büchersammlung beruht nicht sowohl in einer übergroſsen Bändezahl (c. 8000), als in den zahlreichen und wichtigen Quellenschriften älterer Zeit und ganz besonders in denen aus allen Theilen der Literatur des Reformations-Zeitalters, welche, trotz der vielfachen Verluste in Kriegszeiten, in dieser Anzahl nur in wenigen, gröſseren Bibliotheken sich vereinigt finden möchten. Es finden sich hier Luther’s sämmtliche Werke in drei verschiedenen Ausgaben: Jena, Wittenberg und Altenburg (dabei ein Pracht-Exemplar und wahrscheinlich churfürstlich-sächsisches Geschenk der zweibändigen Bibel von 1543 mit 128 Bildern in Gold und Farben von L. Cranach, aus dem Besitze des „Carolus Comes Pal. Rheni 1584“), die meisten Dichter (H. Sachs), die Satiriker (Fischart) und Pasquillisten (Hutten) des 16. und 17. Jahrh., die Exegesen und Postillen (Mathesius) der damaligen Zeit, ebenso die bedeutendsten Geschichtswerke (Seb. Franck) u. s. w. Ein groſser Theil dieser Werke, in gleichzeitigen, noch jetzt prächtigen Einbänden, war meist Privateigenthum der zweibrückischen Herzoge, gieng allmählich durch Donation an die Gymnasial-Bibliothek über, und in nicht wenigen findet sich deren Namen eigenhändig eingezeichnet. Nach einer gefälligen Mittheilung des dermaligen Bibliothekars wurde der gröſste und werthvollste Theil der Bücherschätze zweimal durch die Nachbarn, welche sich rühmen „de marcher à la tête de la civilisation“ ruiniert oder geraubt: zuerst 1677, wo sie fast die ganze Sammlung nach Rheims schafften (der dortige Erzbischof war Louvois’ Bruder) und zum zweiten Mal in den Revolutionskriegen 1795–96.[B] Ich benutze diese Gelegenheit, um dem verehrten Verfasser des Aufsatzes: „Die Ausgabe der Sprichwörter Agricola’s vom J. 1548“ (Nr. 6, Sp. 207–210 des laufenden Jahrg. d. Anz.) Herrn Fr. Latendorf zu Schwerin, dem rüstigen Vorarbeiter auf dem Felde des deutschen Sprichworts und scharfsinnigen Commentator Agricola’s, zwei Worte zu senden. Meine Annahme einer doppelten und verschiedenen Ausgabe der 500 Sprichwörter Agricola’s (vergl. Anzeiger, 1865, Sp. 388 ff.) war eine irrige, wie mich seitdem, zugleich veranlaſst durch eine briefliche Nachricht Ottow’s zu Landeshut, nochmalige Untersuchung und Prüfung des fraglichen Druckes überzeugend gelehrt haben. Indem ich mich zu dem Irrthum gern bekenne ( Cic. Phil. XII, 2), bringe ich dieses Ergebniſs, das in allen Theilen mit Latendorf’s kritischer Schluſsfolge übereinstimmt, hiermit (nach Wunsch) zu seiner wie aller derer offenen Kenntniſs, denen gleich ihm die Sprichwörterkunde, dieser eben so wichtige wie interessante Zweig der deutschen Philologie, nicht gleichgültig ist. — Eine anderweitige, schon früher von Latendorf (Anzeiger 1856, Sp. 322) zweifelnd aufgeworfene — und bei diesem Anlaſs zu erledigende Frage — betreffs eines schon vor 1541 erschienenen Druckes der Sprichwörter des Seb. Franck, beantwortet sich verneinend durch den Nachweis, daſs das von Tappius in seinen Centuriae septem 1539 (Bl. 136a) citierte Sprichwort Franck’s: „Demütiger Mönch | Hoffertiger Abt“ schon in des letzteren „Paradoxa“, Ulm, 1533. 4. (Bl. 86a) und genau in derselben Fassung gedruckt ist. Dagegen kann ich der bis jetzt bekannten schweizerischen Ausgabe von 1545 noch drei weitere Züricher hinzufügen: 1550, 1559 und 1575. 8.[C] Es ist allerdings noch ein anderes Werk vorhanden, das sogar die Lehman’sche Sammlung an Reichhaltigkeit übertrifft: Der Thesaurus des Georg Henisch von 1616. Allein es gibt sich nicht als Sammlung und erwirbt seinen Vorrang lediglich, gleich dem Lehman’schen, durch die groſse Zahl von Redensarten und anderem sprichwörtlichen Beiwerk. Ueber Henisch in einer der nächsten Nummern.
Funde in Hügelgräbern in Böhmen.
In dem gräflich Czernin’schen Waldrevier Rudolfi nächst dem Dorfe Chotieschau in Böhmen wurden im Laufe des Sommers sechs Grabhügel aufgefunden und aufgedeckt. Selbe lagen am Fuſse der langgestreckten Wolfsbergkuppe, auf einer gegen Westen abfallenden Abdachung, hatten 30 Wiener Klafter Umfang bei einer Klafter Höhe. Sämmtliche Hügel waren aus mächtigen Granit- und Hornsteinblöcken aufgeschichtet und mit noch mächtigeren Blöcken umstellt. Drei davon erwiesen sich als Hügel mit Leichenbrand; sie enthielten gröſsere Mengen Asche, Kohle, Gefäſsfragmente, der eine auch in einer noch ziemlich wohl erhaltenen Urne ein Stück bearbeiteten Feuersteins, jedoch keine Metallgegenstände. In den übrigen Grabhügeln waren die Leichen unverbrannt beigesetzt worden; sie lagen immer in einer aus flachen Steinblöcken zusammengestellten Kiste, die freilich meist eingedrückt, jedoch in einem später zu erwähnenden Falle noch unversehrt gefunden wurde. In zweien dieser letzteren Grabhügel fand sich je ein Bronzemeiſsel (von der Form der Paalstäbe) und je eine Dolchklinge von Bronze, auſserdem Knochenstücke und Urnentrümmer. Den interessantesten Fund jedoch ergab der sechste, durch seine Dimensionen schon ausgezeichnete Hügel. In der Mitte desselben fanden sich in einer eingestürzten Steinkiste 4 kleine Muscheln von Bronze, durchbohrt, um an einen Faden gereiht werden zu können, 36 Bernsteinkugeln von verschiedener Gröſse, ebenfalls durchbohrt, 2 kleine ovale durchbohrte Bronzekügelchen (all diese Gegenstände Theile eines Halsbandes), eine in drei Stücke zerbrochene Bronzenadel und zwei spiralförmige, aus je 10 Windungen bestehende bronzene Armbänder. In einem der letzteren fanden sich noch Ueberreste des Armknochens. Die merkwürdigsten Objekte des Funds jedoch waren 2 Gewinde von reinstem Golde, je ungefähr zwei Dukaten schwer, aus je 10 Windungen Golddrahtes bestehend. Der Durchmesser dieser Ringe ist so gering, daſs nicht einmal ein siebenjähriges Mädchen selbe am Finger tragen konnte; sie wurden wahrscheinlich als Haarschmuck verwendet. Wenige Tage später entdeckte ein Förster, eine Stunde entfernt von dem eben beschriebenen Fundplatze, in der zu Rudolfi gehörigen Waldflur Kněžchaj (deutsch Fürstenhag) ein Hügelgrab von ähnlichen Dimensionen und ähnlicher Bauart. Schon nach zweistündigem Vordringen in das Innere des Hügels kamen, nachdem die äuſsere Steinumsetzung entfernt war, ein Bronzeröhrchen und Spuren einer Steinwölbung zum Vorschein. Das Gewölbe wurde beseitigt, darunter lagen auf einem, aus Sandsteinplatten zusammengelegten Pflaster, Knochen eines menschlichen Skelettes. In der Nähe des Vorderarmknochens fanden sich sieben Bronzeröhrchen, die, an einen Faden gereiht, als Armband getragen wurden; in der Nähe der Hüfte lag eine Bronzenadel, 2½ Zoll lang, vom Roste sehr stark zerfressen. In der Gegend der Oberschenkel stand ein kleiner Topf, angefüllt mit Erde und Knochenstückchen, darüber ein zugeschliffener, dreieckiger Stein. In der Nähe des rechten Armes fanden sich Theile eines Skelettes eines kleinen Nagethieres und in der Nähe des Schädels, zum Theil unter demselben liegend, zwei kleine gewundene Bronzeringe, der Form und Gröſse nach ganz übereinstimmend mit den Rudolfer Goldringen, sowie mehrere Stücke Bernstein. Noch keiner der vielen Hügel der Bronzeperiode, die ich in meiner Heimat aufdeckte, gab mir einen so deutlichen Einblick in die Art und Weise der Bestattung, wie dieser im „Fürstenhag“; jedenfalls verdankt das Skelett seine Erhaltung nur dem trockenen Materiale, aus dem dieser Grabhügel bestand, und der besonderen Sorgfalt, mit der die Steinkiste aufgeführt war.
Petersburg in Böhmen, September 1866.
Dr. Jul. Ernst Födisch.