Von Dr. A. von Eye.

(Hiezu eine Beilage.)

Dem Scharfblicke des auf dem Gebiete der praktischen Alterthumskunde rühmlichst bekannten Historienmalers, Prof. G. Eber lein zu Nürnberg ist es gelungen, aus verstecktem Winkel im Dome zu Erfurt ein merkwürdiges Denkmal der Mitte des 14. Jahrhunderts an das Licht zu ziehen: einen gestickten Teppich mit Darstellungen aus der Sagenreihe von Tristan und Isolde, der um so mehr veröffentlicht zu werden verdient, als der Gegenstand in jüngster Zeit wieder von mehr als einer Seite in das weitere Interesse gezogen ist.

Der Teppich besteht aus Leinwand, die den neueren Leistungen gegenüber zwar nicht als sehr fein, aber als auſserordentlich gleichmäſsig gesponnen und gewebt erscheint. Die Stickerei ist mit Wolle in Art eines kurzen, von oben nach unten laufenden Plattstichs ausgeführt. An den zahlreichen Stellen, wo jene zerstört, sieht man, wie vor Ausführung der Arbeit die Zeichnung mit kräftigen schwarzen Strichen auf die Leinwand gebracht wurde und zwar von so geübter Hand, daſs die Nadel, obwohl mit Geschick geführt, dem Schwung der Linien nicht überall hat folgen können. So weit der dehnbare Stoff eine genaue Messung zuläſst, hält derselbe nach altem Pariser Maſs 12′ 4″ in der Länge und 2′ 6″ in der Breite.

Die Anordnung der bildlichen Darstellungen ist in der Weise getroffen, daſs die einzelnen Scenen — sechsundzwanzig an der Zahl — je durch Säulen und mehrfach gebrochene Rundbogen geschieden sind, so daſs sie gewissermaſsen aus den Durchsichten eines romanischen Bogenganges hervortreten. Die ganze Reihenfolge ist aber in zwei gleiche Hälften getheilt und nach den beiden Langseiten des Teppichs so übereinander gestellt, daſs die Köpfe gegenseitig zugekehrt sind, so daſs, wenn wir uns den Teppich als Tischgedeck denken — was ohne Zweifel seine ursprüngliche Bestimmung war — jeder der Gäste die auf ihn fallenden Bilder in richtiger Lage vor sich hatte. Die in der Mitte, auſserhalb der Rundbogen entstehenden Zwischenräume sind durch Halbfiguren bekleideter Engel ausgefüllt, welche, auf gezinnte Vorsprünge gestellt, ebenfalls die Köpfe einander zuwenden. Das Ganze ist von einer erklärenden Schriftreihe umgeben, deren Buchstaben indeſs zu groſs angelegt sind, als daſs jede Abtheilung den ihr zugehörigen Text aufzunehmen vermocht hätte. Deshalb sind auch nicht alle Bilder erwähnt; von den genannten ist die Erklärung so kurz angegeben, daſs ersichtlich bei dem Beschauer eine hinreichende Bekanntschaft mit der Erzählung vorausgesetzt wurde. Um die Schrift läuft noch, füllend und abschlieſsend, ein Arabeskenkranz, in welchem, abwechselnd mit symmetrischen Laubverzierungen, die gebrochenen Rundbogen sich wiederholen und unter denselben geflügelte, abenteuerliche Gestalten, die, den oben erwähnten Engeln einigermaſsen entsprechend, an Gestalt sich gleich bleiben, aber in der Bekleidung und Haltung von einander abweichen.

Jede Scene ist aus zwei oder mehreren Figuren vor landschaftlichem Hintergrunde zusammengesetzt. Die Einzelnheiten des letzteren sind aber fast nur noch aus der zu Grunde liegenden Zeichnung zu erkennen; Luft und Boden, von welchen die erstere leichte Angaben von Wolken, der zweite von Berg und Thal enthält, sind so regelmäſsig von Stickerei entblöſst, daſs gezweifelt werden muſs, ob sie überhaupt jemals ausgefüllt waren. Einzelne conventionell gehaltene Bäume und Blätter machen eine Ausnahme.

Was den Ursprung des Teppichs betrifft, so weisen die Inschriften unzweifelhaft auf Niederdeutschland. Da dieselben, wie bemerkt, in ihrem Verlaufe die einzelnen Darstellungen nicht decken, auch nur sehr nothdürftig erklären, geben wir sie hier im Zusammenhange: hie. hebit. sich. dye. materie. vom. tristram. vnde. von. der. schon. ysalden. he. ersleit. he. den. worm. hie. brengit. der. rote. ritter. daz. hobt. vor. den. kong. hi. vint. yzalde. tristām. in. dem. rore. hi. wist. tristār. die. sungē. dem. Konge. hi. vurt. t’rstram. die. schon. ysalden. mitem. heym. zcu. lande. hi. rit. tristram. von. houe. hi. kumt. yzalde. zu. tristrā. in. den. gartē. — Zweifelhaft bleiben in dieser Schrift die Worte: vurt... mitem heym, welche, da sie dem Orte nach auf die Ankunft des liebenden Paares beim Könige sich beziehen, mehr nach dem Sinn, als nach den Buchstaben gelesen worden. Vielleicht verursachte diese Unklarheit ein Schreibfehler des Zeichners, der sich auch sonst einige Male, sowohl in der Schrift, wie in den Bildern geirrt hat und gewöhnlich durch die stickende Hand verbessert worden ist.

Daſs den bildlichen Darstellungen die Bearbeitung der Sage durch Gottfried von Straſsburg nicht zu Grunde liege, beweiset sogleich die erste derselben. Ob dieses mit dem älteren Gedichte des Eilhard von Oberge der Fall, ist aus den erhaltenen Bruchstücken desselben nicht zu ersehen. Am meisten, doch auch nicht völlig, stimmt die Bilderreihe mit der Erzählung des alten Volksbuches überein, wie dasselbe durch Simrock seine letzte Bearbeitung erfahren. Möglich, daſs die im Munde des Volkes fortgepflanzte Geschichte eine mehrfache Ausbildung erlitt, und daſs eine derselben dem Verfertiger unseres Teppichs, wenn er die übrigen Bearbeitungen kannte, doch vorzugsweise behagte. Jedenfalls ist die abweichende Auffassung der Sage auf dem Gebiete der bildenden Kunst auch für die Literaturgeschichte nicht ohne Interesse.

Wir sehen zunächst den König Marke und seinen Neffen Tristan, auf einer jener nachenförmigen Ruhebänke, wie sie bereits auf Siegeln und Miniaturen des 12. Jahrhunderts vorkommen, im Gespräch begriffen, einander gegenübersitzend; oben die Schwalbe mit dem langen Frauenhaar — bekanntlich ein Motiv der Sage, welches Gottfried von Straſsburg mit einigem Nachdruck zurückweiset. — Auf dem folgenden Bilde zieht Tristan aus, die Eigenthümerin des Haares zu suchen und als Gattin für Marke zu gewinnen. Der König steht unter dem Thore seines Palastes; der kühne Abenteurer reicht ihm vom Pferde herab zum Abschiede die Hand. — Dem entscheidenden Drachenkampfe sind die drei folgenden Abtheilungen gewidmet, — bezeichnend für die Geschmacksrichtung der Zeit, welche die bekannten Bestiarien noch über ein halbes Jahrhundert lang als Hauptbestandteil ihrer Verzierungskunst festhielt. In der ersten bohrt der Ritter vom Rosse aus dem feuerspeienden Ungethüm die Lanze in den Rachen; in der zweiten bekämpft er es zu Fuſs mit dem Schwerte; in der dritten schneidet er demselben die Zunge aus. Die beiden letzten Scenen bewegen sich bereits vor den Rohrkolben des Sumpfes, welcher im Gedichte, wie in der Volkserzählung eine Rolle spielt.

tristram·die·schon·ysalden
Z. A. f. K. d. d. V-Z. 1866 Nº 1