Den Haupthelden verlassend, wendet sich der Künstler sodann in vier Bildern zu dessen Nebenbuhler, dem falschen Truchseſs, der hier der rothe Ritter genannt wird und in der Stickerei durch rothes Haupt- und Barthaar kenntlich gemacht ist. Zunächst sehen wir ihn mit einem Knappen reitend, durch lebhafte Handbewegung den Eifer der Unterhaltung kundgebend. Sodann läſst er seine Diener, deren im Volksbuche vier genannt werden, von welchen auf dem Teppich der Raum aber nur drei anzubringen erlaubte, auf sein Schwert sich Verschwiegenheit geloben, — eine Scene, die der Dichter Gottfried ebenfalls nicht aufgenommen, wie er überhaupt, dem Zuge seines künstlerischen Schaffens folgend, mehr an der Vertiefung der Charaktere und glänzenden Ausstattung seiner Haupthelden arbeitet, deren Erscheinung die rascher vorübergehenden Gegensätze wie im künstlichen Spiegellichte zu heben vorzugsweise bestimmt sind, während die Volkssage, in ihrer Art mehr den ethischen Gehalt der Erzählung bewegend, die bösen Mächte in entschiedeneren Gegensatz zu den guten stellt. — Im achten Bilde schlägt der rothe Ritter dem von Tristan getödteten Drachen das Haupt ab. Diese Darstellung wird besonders interessant, indem sie auf die Entstehung, gewissermaſsen die innere Geschichte des Teppichs einiges Licht wirft. Während nämlich der Ritter, von einem Knappen begleitet, mit noch erhobenem Schwerte vor dem Drachen steht, liegt dessen Kopf bereits, vom Rumpfe getrennt, auf dem Boden. Der Zeichner hat unrichtiger Weise in den aufgesperrten Rachen eine Zunge versetzt, die indeſs von der Stickerin unausgefüllt geblieben. Es scheint, das die letztere, ohne Zweifel eine Frau aus vornehmem Hause, das Verdienst der ganzen Conception der Arbeit hatte und zur Ausführung derselben einen Künstler herbeizog, der zwar eine geschickte Hand besaſs, aber, ohne genauere Kenntniſs des Gegenstandes, nur nach den Angaben der Bestellerin arbeitete, daſs diese endlich in Vollendung der Aufgabe sorgte, daſs darin der Geschichte ihr Recht widerfahre. — Im neunten Bilde bringt der rothe Ritter das Drachenhaupt, dessen Last er in gekrümmter Stellung mühsam emporhebt, dem Könige von Irland. Dasselbe ist noch immer weit geöffnet und diesmal ohne Zunge gezeichnet.
Auf den übrigen Bildern dieser Seite des Teppichs sehen wir die Prinzessin Isolde, mit ihrer Magd Brangäne das Haus ihres Vaters verlassend, um den wahren Ueberwinder des Drachen aufzusuchen; ferner dieselben, wie sie den ermatteten Tristan im Rohre finden, und diesen, wie er von den beiden Frauen in den Palast des Königs geführt wird; endlich den sich im Bade erquickenden Helden, von Isolden, die ihn als Ueberwinder ihres Oheims Morolt erkannt, mit dem Schwerte bedroht. Brangäne hält in der letzten Darstellung ihre Gebieterin vom feindlichen Vorgehen zurück, indem sie ihre Arme um deren Hals schlingt.
Die folgende Seite beginnt mit einer Unterredung zwischen den beiden Frauen und dem Könige. In der nächsten Darstellung erscheint Tristan, von Isolden eingeführt, dem Könige die Zunge des Drachen darbietend. — Vom Gedicht sowohl, wie vom neueren Volksbuche abweichend, doch zu dem oben Angedeuteten einen verstärkten Beleg fügend, stellen die beiden folgenden Scenen wiederum den rothen Ritter in den Vordergrund. Während dieser nach den beiden genannten Quellen nur der Verachtung preisgegeben wird und auſser Landes zieht, sehen wir ihn hier gefangen vor den König gebracht und sodann in dessen Gegenwart mit dem Schwerte hingerichtet.
Die beiden folgenden Darstellungen sind die in der Beilage, in einem Drittel des Maſsstabes, wiedergegebenen. Tristan fährt mit Isolde und Brangäne im Schiffe von Irland ab. Die Königin übergibt der letzteren im Abschiede den verhängniſsvollen Liebestrank. An der anderen Seite der Säule sehen wir das Schiff vor dem Könige Marke landen. Dieser unterstützt die Prinzessin beim Aussteigen; Tristan legt, vom bösen Bewuſstsein getrieben, die Hände zum Beweise seiner Treue auf die Brust, noch ehe er begrüſst wird; Brangäne harrt, nachdem sie das Hündchen ihrer Herrin übernommen, des Augenblicks, wo auch sie das Fahrzeug verlassen kann. — Weiter sehen wir Brangäne, in den Kleidern der Prinzessin an das Lager des Königs geführt; das Hochzeitsmahl, dessen Gäste nur die vier bekannten Personen ausmachen; ferner den verklagten Tristan, der vom Hofe wegziehend von der trauernden Isolde Abschied nimmt; denselben im Garten, durch die in den Bach geworfenen Stäbe die junge Königin zur geheimen Zusammenkunft ladend; den geheimniſskundigen Zwerg, vor dem König die Beschuldigung der Hofleute bekräftigend, und als vorletzte die berühmte, im Mittelalter oft zu bildlichen Darstellungen benutzte Scene, wie König Marke und der Zwerg vom Baume über dem Brunnen das liebende Paar belauschen und dieses, das Bild derselben im Spiegel des Wassers erblickend, durch unverfängliche Reden sie täuscht. — Die letzte Darstellung bietet eine Parallele zu dem Ausgange des rothen Ritters. Wie dieser durch sein angemaſstes Verdienst Ruhm und Leben des Haupthelden gefährdet und, überführt, mit dem Tode bestraft wird, so geschieht Gleiches mit dem Zwerge, der durch sein scheinbar lügenhaftes Vorgehen die Ehre der Königin wie Tristan’s in Verdacht gebracht. Wir sehen Marke, den Zwerg bei den Beinen haltend, im Begriff, ihn in den Brunnen zu werfen, — eine Wendung der Erzählung, die wiederum in keiner der genannten schriftlichen Quellen ihre Begründung findet, die als Schluſs zugleich auf das Ganze der hier gezeichneten Dichtung ein eigenthümliches Licht wirft.
Die Zeit der Entstehung des Teppichs anlangend, weisen das darauf in Anwendung gebrachte Costüm, die Waffen u. s. w. mit Entschiedenheit auf die Mitte des 14. Jhdts. Seinerseits bietet der Teppich zur Erweiterung der Kulturkunde dieser Zeit nicht unerhebliche Anhaltspunkte. — Die Tracht könnte man eine burgundische nennen; sie enthält neben der Einfachheit und Knappheit der Mode dieser Epoche überhaupt die ersten Anfänge jener auffallenden Wucherungen, welche den Reichthum der burgundischen Lande, wie den übersprudelnden Sinn seiner Bewohner charakterisierte und im Laufe der nächsten hundert Jahre zu Ausschreitungen trieb, wie wir sie nur in der Blüthe der Zopfperiode wiederfinden. In der Haustracht sind Männer wie Frauen mit dem engen Kleide angethan, das, auf der Brust zugeknöpft oder genestelt, bei ersteren hoch an den Hals hinanreicht und auf den Lenden zu Ende geht, bei den letzteren tief und grade ausgeschnitten ist und in langen, schlichten Falten hinabhängt. Die Aermel dieses Kleides sind, dem Schnitte des Ganzen angemessen, für gewöhnlich ebenfalls enganliegend und weit auf die Hand reichend. Doch zeigen sich bei den vornehmeren Personen bereits die Abweichungen, die später eine so weit gehende eigene Ausbildung erfuhren. Bei den Männern weitet sich der Aermel sogleich von der Achsel an und beginnt unter dem Ellenbogen sackförmig herabzuhängen, während er sich am Handgelenk wieder eng anlegt. Doch erscheint derselbe auch schon unmittelbar unter dem Oberarm getheilt, so daſs ein kurzer, weiter Oberärmel und ein langer, anschlieſsender Unterärmel entstehen. Bei den Frauen bleibt derselbe zwar unverändert; doch bekommt er eine Klappe auf der Schulter und damit in Verbindung stehend einen langen, schmalen Hängeärmel. Die Farbe des Obergewandes ist durchgehend weiſs; nur bei den Frauen hat das Kleid oben einen schmalen, unten einen breiten Besatz; auch laufen farbige Streifen von der Hüfte herab, die, wie die erwähnten Hängeärmel, bei den Fürstinnen goldfarbig erscheinen. Wo die Prinzessin im Freien auftritt, trägt sie ein kurzes, gezaddeltes Mäntelchen, von grüner oder rother Farbe, das nur den rechten Arm frei läſst. Die Beinkleider der Männer sind enganliegend und meistens von getheilter Farbe. Die Schuhe haben bereits lange Spitzen und auf dem Fuſse bisweilen noch den aus älterer Zeit stammenden inneren Ausschnitt. Beide Geschlechter tragen den, lose die Hüften umgebenden, breiten Gürtel, bisweilen mit metallenen Buckelrosetten besetzt. Selbst der Zwerg entbehrt dieser Zierde nicht; doch dem zur Hinrichtung geführten rothen Ritter ist sie abgenommen.
Als Kopfbedeckung tragen fürstliche Personen stets eine zinnoberfarbige Krone, die Männer, soweit sie nicht gerüstet auftreten, ein entblöſstes Haupt mit rund umher, bis zur Höhe des Nackens abgeschnittenem Haare, nach Art der später gebräuchlich werdenden Kolbe, jedoch gescheitelt. Knappen erscheinen einige Male mit einer dunkelfarbigen Gugel. Brangäne trägt auf dem frei herabhängenden Haare einen Rosenkranz; die Prinzessin wird sogleich nach ihrer Verheiratung durch die bekannte gekräuselte Spitzenhaube als Frau gekennzeichnet. Die Rüstung besteht in allen Fällen aus dem einfachen Kampfhelm mit der Halsbrünne, dem sogen. Lendner und Eisenhandschuhen. Nur der Truchseſs fuhrt eine eigenthümliche, oben mit einem Busch, vorn mit einem Schirm versehene Kopfbedeckung, die im Uebrigen zwar helmförmig, doch, nach der gelben Farbe der Stickerei zu schlieſsen, wol nur die Bedeutung einer vornehmeren Art der Kapuze haben soll. — Die Schwerter sind noch breit von Klinge und erinnern mit ihrem starken Knopf und der geraden Parierstange an die frühere Zeit. Die Schilde haben die gewöhnlich vorkommende Form des gleichseitigen Dreiecks mit zugerundeter Spitze. Ueberhaupt sind Waffen sparsam zugetheilt und nur da gegeben, wo sie im Augenblick gebraucht werden. — Die Pferde tragen einfaches Zaumzeug und hohe Sättel über kleinen Decken.
Von Hausgeräthen kommt wenig vor. Die Sessel haben stets die oben erwähnte alterthümliche Form und unterscheiden sich nur durch die Breite, je nachdem sie bestimmt sind, eine oder mehrere Personen aufzunehmen. Beim Hochzeitsmahl ist der Tisch mit einem tief herabhängenden weiſsen Tuche bedeckt. Zwei groſse Brodlaibe, eine offene und eine verdeckte Schüssel deuten das ganze Mahl an. Die letzteren sind ebenfalls genau dieselben, welche in den Miniaturen der beiden vorhergehenden Jahrhunderte angetroffen werden, und es ist ersichtlich, wie der Zeichner bei der äuſseren Ausstattung seiner Scenen mehr die älteren Vorbilder als die umgebende Wirklichkeit vor Augen hatte, — eine Wahrnehmung, die sich ja nicht allein in der mittelalterlichen Kunst bemerklich macht. — Die Wanne, in welcher Tristan das stärkende Bad nimmt, ist in Art der Himmelbetten mit einem rothgefütterten Vorhang überdeckt. Das Bett, in welchem der König gegen die gewöhnliche Auffassung völlig bekleidet liegt, hat eine hohe Kopflehne und rothgemusterte Decke.
Obwohl die Gesichter in der Zeichnung keineswegs ohne Ausdruck sind, wird die Stimmung des Gesprächs doch stets sehr glücklich durch entsprechende Handbewegung versinnlicht. In der Ruhe ist die linke Hand gewöhnlich in den Gürtel gesteckt. Der König sitzt mit gekreuzten Beinen, auch so der alten Sitte gemäſs an die Würde seines Richteramtes erinnernd.
Nahe liegt eine Vergleichung unseres Teppichs mit dem im Kloster Wienhausen im Hannoverschen befindlichen, dessen Bilderschmuck denselben Gegenstand behandelt[A]. Gemeinsam haben beide die niederdeutschen Inschriften und, dadurch bezeugt, wol den Ort ihres Ursprungs. Doch tritt in der Sprache des letztgenannten der Charakter des Plattdeutschen entschiedener hervor. — Dem Alter nach mögen sie dreiſsig bis vierzig Jahre auseinander liegen; denn, während der Erfurter Teppich über die Mitte des 14. Jahrhunderts eher hinausgeht, versetzen die ganze Anlage, das Costüm, die Waffen, na mentlich die längliche Form der Schilde den Wienhauser gegen die bisherige Annahme übereinstimmend in die erste Hälfte. Der letztere behandelt die Fabel ausführlicher; doch führt er sie nur bis zur Abfahrt Tristan’s und Isoldens von Irland. Wahrscheinlich enthielt ein zweiter entsprechender Teppich die andere Hälfte der Erzählung; denn nur der Wienhauser ist ein Teppich im eigentlichen Sinne, während wir den Erfurter für ein ursprüngliches Tischgedeck erklären muſsten. Ohne Zweifel diente jener neben mehreren ähnlichen Stücken, um als Tapete oder Rücklaken die Wände zu decken. Schon die vollständige Ausfüllung des Hintergrundes und die dadurch bedingte Steifheit des Stoffes lieſsen einen anderen Gebrauch nicht zu.
Was die künstlerische Ausstattung betrifft, so hat zwar auch die Wienhauser Stickerei die Eintheilung der Rundbogen; doch sind unter dieselben nur die darauf vorkommenden Wappen gestellt. Die vorgeführten Scenen reihen sich ohne trennende Einfassung aneinander. Erhielt der Erfinder der Erfurter Arbeit schon dadurch einen Vortheil, daſs er seine einzelnen Bilder durch passende Umrahmung hervorhob, so steigerte er deren malerische Wirkung noch mehr durch kunstgerechte Behandlung und lebendigere Bewegung der Figuren. In dieser Beziehung ist der letztgenannte dem Wienhauser Teppich trotz dessen gröſserem Farbenschmucke bei weitem überlegen, und verdiente derselbe gewiſs eine so vollständige Veröffentlichung, wie sie jener in trefflichem Farbendruck erfahren.