Nach den gewöhnlichen Regeln der damals sehr ausgebildeten und angesehenen Heroldskunst erscheint dieser Wechsel als ein auffallender Widerspruch, indem der Doppeladler unter den angeführten Verhältnissen das eine Mal als eine sog. Minderung, das andere als eine sog. Mehrung des Wappens zu blasonieren wäre.
So, wie ich die Frage jetzt ansehe, erscheint mir der Doppeladler auf dem Rücksiegel König Wenzel’s von 1376, auf den Siegeln der Herzoge Wilhelm und Albrecht I. von Bayern, der Söhne K. Ludwig’s d. Bayern, der Herzogin Katharina von Oesterreich, der Tochter K. Karl IV., der Stiefschwester K. Wenzel’s, ebenso als der kaiserliche, wie auf dem Siegel der Juden von Augsburg (als kaiserliche und Reichs-Kammerknechte) von 1298, auf dem Landfriedensiegel vom Jahr 1335, auf den Stadtsiegeln von Breslau aus dem 13. (?) Jahrh., von Friedberg 1334, von Lübeck 1369, von Antwerpen 1370, von den Seestädten 1368, auf dem der Stadt Solothurn von 1394 (und zwar auf diesem gekrönt; wol das älteste Beispiel eines gekrönten Doppeladlers); ferner auf den flandrischen Goldmünzen im 13. Jahrh. und denen der Kurfürsten von Trier im 14. Jahrh., am Galgenthor und am Eschenheimer Thurm in Frankfurt a. M. von 1343–48. Ja, selbst auf allen Siegeln, deren Inhaber in einem höheren oder niederen ministerialen Verhältnisse zum deutschen Reiche, resp. seinem Oberhaupte, gestanden, dürfte diese Auffassung von der Bedeutung des Doppeladlers — ob ganz oder theilweise angebracht — die richtige sein. Das würde u. a. von dem unter Fig. XIV meines Beitrags zur Gesch. d. heraldischen Doppeladlers abgebildeten Siegel der kaiserl. Burggrafen von Henneberg und dem unter Fig. VI mit dem Wappen der Burgmannen von Gelnhausen der Fall sein.
Während in den beiden Originalhandschriften der Richenthal’schen Chronik, der Aulendorfer wie der Constanzer, und in der Ausgabe von Anton Sorg vom J. 1483 der einfache Adler mit „römisch reich“ und der Doppeladler mit „Keysertum“ bezeichnet und in dem Reichsbanner der einfache Adler abgebildet ist, sehen wir bereits auf Blatt 53 der kostbaren Bilderhandschrift aus dem Ende des 15. Jahrh. in der fürstlich Waldburg-Wolfegg’schen Bibliothek, sowohl auf dem großen kaiserlichen Banner als wie auf den Fähnlein und Dächern der Zelte, überall nur den Doppeladler.
Nr. 5.
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GRÖSSERES BILD
Bei diesem Stande der Sache war es von großem Interesse für mich, als ich auf den unterNr. 5 abgebildeten Grabstein K. Rudolf’s von Habsburg im Dome zu Speyer[232] aufmerksam gemacht wurde und einen Abguß des Brustschildes mit dem Doppeladler erhielt.
Durch dieses Denkmal schien der bisher fehlende historische Zusammenhang zwischen dem ersten Erscheinen dieses kaiserlichen Wappenbildes zu Anfang des 13. Jahrh.[233] und den Siegeln K. Sigismund’s hergestellt und dessen Vorkommen auf der erwähnten Goldmünze K. Ludwig des Bayern erklärt zu sein.
Je wichtiger aber dieses Denkmal für die Entscheidung der vorliegenden Frage war, um so genauer mußte untersucht werden, ob wir es wirklich hier mit einer gleichzeitigen Arbeit zu thun haben.
Dagegen, d. h. für eine spätere Ausführung des Monumentes, sprachen:
I. Der Stil des Ganzen und die sehr individuelle Auffassung der Figur, die nach Essenwein nicht mehr auf das 13. Jahrhundert hinzudeuten scheinen und nach v. Eye eher der Zeit Karl’s IV. entsprechen;