(Staatsanz. f. Württemberg, Nr. 99.)
48) Eine Entdeckung von der höchsten Wichtigkeit für die Vorgeschichte der Buchdruckerkunst, insbesondere aber für jene des Zeugdruckes, hat im vergangenem Herbste der Direktor der Sammlungen des Berliner Gewerbemuseums, Dr. Jul. Lessing, in Merseburg gemacht, wo er als Umhüllung einer Reliquie ein etwa handgroßes Stück jenes zarten Stoffes fand, in welchem man heute das Gewebe zu erkennen glaubt, welches im Mittelalter den Namen Byssus trug. Auf dieses Stück ist in mehreren Farben der Adler, welcher Ganymed entführt, in strengster Stilisierung gedruckt. Die große Uebereinstimmung mit der gleichen Darstellung auf der Goldflasche des Wiener Antikenkabinets fällt sofort auf und führt zur Annahme, daß ein sassanidisches Werk vorliegt, daß also in Persien im 5. u. 6. Jhdt. unserer Zeitrechnung bereits Zeuge mehrfarbig bedruckt wurden, eine Thatsache die wiederum zu weitgehenden Combinationen Anlaß geben mag.
49) Straßburg, 28. April. Das „Els. Journ.“ schreibt: Seit acht Tagen sind die Arbeiter des Herrn Chertier unter der Leitung dieses ausgezeichneten Goldarbeiters damit beschäftigt, die in getriebener Arbeit hergestellten kupfernen Verzierungen auf die großen Thüren des Hauptportals am Münster anzubringen. Die schwierige Arbeit wird noch etwa 3 Wochen in Anspruch nehmen. Schon heute können wir mittheilen, daß auf den beiden Thürflügeln sich zusammen in den oberen Arcaturen 8 sitzende Figuren; in den Rauten und Dreiecken der sechs Füllungen 98 Bilder mit Figuren und 196 Verzierungen aus Blätterwerk; in den Querstreifen 4 Arabesken in geringeltem Laubwerk mit Früchten und auf dem Sockel sechs verschiedene Scenen sich befinden. Außer diesen 312 Bildhauerarbeiten befinden sich noch auf den Thüren die kleinen bogenförmigen Verzierungen am Obertheile derselben und nahe an 300 getriebene Einsetzrosen auf den die Rauten bildenden Streifen; außerdem zwei Löwenköpfe mit Klopfringen im Rachen, endlich an jeder Thür zwei Hände, welche eine zum Zuziehen der Thüren als Griff dienende runde Stange halten. Alle diese verschiedenen Verzierungen werden in die Thürverschalung vermittelst eigens zu diesem Zwecke hergestellter Nägel, nahezu 1600 an der Zahl, angebracht; um die Festigkeit der Verzierung zu vermehren, werden die hohlen Theile derselben durch einen besonderen Kitt vor ihrer Anbringung auf dem Holz ausgefüllt. Sobald die Arbeiter des Hrn. Chertier ihr Werk vollendet, sollen, sagt man, die großen alten, häßlichen Läden des großen Portals entfernt und durch neue ersetzt werden, welche jedoch die Thürflügel nur bis zur Hälfte der Höhe der verzierten Thüren erreichen würden. Dagegen wäre es heute eine bestimmte Sache, zwischen den beiden Strebepfeilern vor dem großen Hauptportal ein eisernes Gitter in gothischem Stil und im Einklang mit der Hauptfaçade des Doms herzustellen, um das einzig in seiner Art bestehende Prachtwerk hauptsächlich des Nachts gegen etwaige Beschädigungen zu schützen. — Das Gebälk des Daches der neuen Kuppel ist vollständig aufgestellt, und seit vorgestern ziert das übliche, mit Bändern gezierte Tannenbäumchen die Spitze des Baues. Im Laufe der Woche soll mit der Verschalung begonnen werden; nach Beendigung dieser Arbeit wird das ganze Dach mit Kupferplatten überzogen. Das Dach der Kuppel wird ein kolossales eisernes Kreuz in romanischem Stile überragen; diese Verzierung hat 3 m. 50 cm. Höhe von der Spitze des Daches aus. Seit einigen Tagen endlich ist der große Bretterverschlag, welcher fast die Hälfte des Schloßplatzes einnahm, verschwunden. Die großen Münsterarbeiten gehen nun mit schnellen Schritten ihrem Ende entgegen.
(D. Reichsanz., Nr. 103.)
50) Halberstadt, 9. Mai. Nachdem die Restauration des Domes fast vollendet worden, ist das Bestreben der Vertreter der Domgemeinde dahin gerichtet, das Andenken einiger für Halberstadt besonders bedeutungsvoller Männer dadurch zu ehren, daß die Säulen des Hauptschiffes in dem prächtigen Gotteshause, sowie des nördlichen und südlichen Kreuzarmes durch Statuen derselben geschmückt werden sollen. Durch Beiträge ist es ermöglicht worden, dieselben unter Leitung des Bildhauers Schaper in Berlin ausführen zu lassen. Die bereits aufgestellten Statuen des Johannes Baptista und des Bonifacius finden die größte Anerkennung. In Zwischenräumen von je 2 Monaten werden Martinus, Augustinus, die Bischöfe Conrad v. Krosigk und Burkhard II., Luther und Melanchthon vollendet werden. Als ein Geschenk des Herrn von Hoym steht bereits im südlichen Kreuzarme die Statue Karls des Großen, des Stifters des Bisthums. Auf ein Gesuch des Ober-Dompredigers, Superintendenten Nebe, an Se. Hoheit den Herzog von Braunschweig, gestatten zu wollen, daß neben der Statue des Gründers des Domes, die des Herzogs Heinrich Julius von Braunschweig, welcher den Dom reformierte, aufgestellt werde, ist die Genehmigung sofort eingegangen.
(Deutscher Reichs -Anz., Nr. 112.)
51) In S. Maria Lyskirchen in Köln hat man sehr interessante mittelalterliche Malereien an den Gewölben des Mittelschiffes aufzudecken begonnen. In jedem Felde der großen Kreuzgewölbe sind zwei im Scheitel durch eintheilende Ornamentfriese oder Säulen getheilte Darstellungen enthalten: je eine dem neuen Testament entnommene Scene und die altestamentliche vorbildliche Parallelldarstellung. Den Fuß nehmen Prophetenbilder mit Spruchbändern, auf welchen die auf die neutestamentliche Darstellung sich beziehenden Schriftstellen des alten Bundes enthalten, sind, sowie Kirchenschriftsteller ein. Es ist also ein neues Beispiel monumentaler Darstellung jener durch die Biblia pauperum und ähnliche Schriften des Mittelalters populär gewordenen Bildercyklen gegeben und zwar in derartiger Anordnung, daß die südliche Hälfte stets das neue Testament, die nördliche das alte enthält.
Aber auch an den Wänden der Kirche sind allenthalben Reste alter Malerei zu Tage getreten, so daß der Cyklus romanischer Wandmalereien der Rheinlande um eines der interessantesten Bei spiele vermehrt ist. Es scheinen indessen nicht alle Malereien derselben Hand zu entstammen. Während sie theilweise die ganze Freiheit des fortgeschrittenen Stiles des 13. Jahrh. zeigen, sind andere ungemein streng. Von hervorragendster Bedeutung in Bezug auf Ernst und Großartigkeit der Erscheinung ist ganz besonders eine sitzende Maria mit dem Kinde und den anbetenden drei Weisen an der Westwand der Kirche.
52) Unter den mittelalterlichen Malerschulen Deutschlands führt bekanntlich die kölnische den Reigen. Der erste, in bestimmtern Zügen vor uns tretende Repräsentant derselben ist Meister Wilhelm. Unter dem Jahre 1380 erwähnt die Limburger Chronik desselben mit dem Bemerken, er sei „der beste Maler in teutschen Landen gewesen“; er habe „einen jeglichen gemalt von aller Gestalt, als habe er gelebt“. Wie Dr. Ennen in seiner Geschichte der Stadt Köln II, S. 521 berichtet, figuriert der genannte Meister in den Ausgabe-Registern für die Jahre 1370 bis 1380, höchst wahrscheinlich als in städtischem Dienste stehender Maler. Ueber dessen, zum Theile noch problematische Schöpfungen findet sich in Schnaase’s Geschichte der bildenden Künste (VI, S. 423 u. s. w.) eine eingehende Erörterung. Insbesondere werden dort bei der jüngsten Restaurierung des Hansesaales aus der Uebertünchung wieder an’s Licht getretene Wandgemälde hervorgehoben, von welchen mit zureichender Sicherheit anzunehmen ist, daß sie vom Meister Wilhelm herrühren. Es ergaben sich die Spuren von neun lebensgroßen Gestalten, Spruchbänder haltend, zumeist jedenfalls Propheten. „Sie zeigen“ — wir citieren Schnaase — „die Hand eines vorzüglichen Meisters, übertreffen in der Linienführung und Modellierung alle vorhergegangenen kölnischen Wandmalereien und erinnern mehr an die nahestehenden Tafelmalereien.“ Leider konnten diese Ueberbleibsel altkölnischen Kunstlebens nicht, angemessen wiederhergestellt, an Ort und Stelle erhalten bleiben; drei Brustbilder von Propheten wurden indeß mit dem Mörtelputze von der Wand abgelöst und dem städtischen Museum überantwortet. Außer den Prophetenbildern waren noch andere Darstellungen, theils in Bruchstücken, theils noch wohlerhalten oder doch kenntlich, sichtbar geworden, insbesondere kleinere, in Dreipässe eingeschlossene Figuren symbolischer und legendarischer Art, wahrscheinlich im 15. Jahrhundert ausgeführt. In Anbetracht der kunsthistorischen Bedeutung der vorbezeichneten Schöpfungen der Kölner Malerschule hat gleich nach Aufdeckung derselben ein gründlicher Kenner und eifriger Förderer der christlichen Kunst, der Maler F. A. Martin in Roermond, den Fund seinem ganzen Umfange nach durchgepaust und möglichst getreu nach den Originalen coloriert. Es wäre zu wünschen, dass diese Nachbildungen durch den Uebergang in eine öffentliche Sammlung von Kunstwerken für alle Zukunft gesichert und einem jeden, welcher sich für Derartiges interessiert, zugänglich gemacht würden.
(Köln. Volkszeitung, Nr. 108.)