Wir erklimmen auf einem jener Pfade, der sich den Berg hinauf windet, die Höhe desselben, nachdem wir zuvor noch einen Blick auf ein trauliches Plätzchen gethan haben, welches sich buchtartig in die Berge hineinzieht. Dort, wo der Hügel nach Nordwesten wie ein Vorgebirge steil abfällt, gleitet das Auge an der laubholz-bewachsenen Berglehne hin. Alte, kräftige Buchen neigen sich über die Wohnungen im Thale, sie mit ihren dichten Zweigen zu überschatten. Unter ihnen tauchet die deutsche Kirche mit dem goldenen Kreuze des Thurmes und das Schloß malerisch empor. Links sind tiefe, romantische Schluchten, rechts, jenseit der Neiße, flachen sich die dortigen Hügel zur Neißaue ab. Noch reicher und umfassender wird der Blick, gehen wir zu einem jener steilen Abhänge in entgegengesetzter Richtung, wo sich der Höhenzug nach Süden wendet. Hier ist die Natur wild. Wie Felsen thürmen sich zerklüftete und abgerissene Bergabhänge gar steil auf. An ihnen liegt das Alaunwerk, welches seit den ältesten Zeiten hier gewesen ist, und um dasselbe sind, gleich Vorbergen des nahen Höhenzuges, die schwarzen Massen ausgelaugter Alaunerde und Asche aufgeschüttet. Aus dem dunklen Grün der Haiden schlängelt sich wie ein Silberstreifen die Neiße hervor. Zu beiden Seiten derselben sind Wiesen und Felder; aber bald werden sie von den Haiden begrenzt, deren Flächen sich weithin ausdehnen. Doch jenseit derselben, am Saume des Horizontes im Süden, steigen die Berge empor. Die Bilder, welche hier nah und fern vor dem Auge vorüberziehen, stehen durch ihren meist erhabenen Charakter im Contraste zu dem Gemüthlichen und Traulichen des Thales, so daß dieses durch jene bedeutend gewinnt. —
Die Gegend, in welcher der Mensch weilet, wirket auf ihn ein. Die Töne ihrer Bilder klingen an sein Herz an und wecken Stimmungen in demselben. Die Luft, die Vegetation, die ganze Scala der Beziehungen, in welche der Mensch zu der Natur einer Gegend tritt, sucht ihn geistig und körperlich zu bestimmmen. Jene Beziehungen gleichen dem Wassergeäder in der Tiefe der Erde, welches aus den Erdschichten die Heilkräfte saugt und zum Gesundbrunnen zusammenfließt, welcher von Vielen gesucht wird. So hat in der anmuthigen Lage des Bades, in der Natur um Muskau, welche die Kunst idealisirt hat, schon mancher Kranke Stärkung und Kräftigung, der Gesunde aber reichen Genuß und Erhebung gefunden.
Doch in den geheimnißvollen Tiefen der Erde bereitet die Natur die Fluth der heilsamen Quelle, welche sie den Kranken zur Genesung beut. Die Quellen des Herrmannsbades gehören in die Klasse der salinischen Stahlwässer. Außer den Mineralbädern giebt es hier vortreffliche Moorbäder, und beide werden mit einander verbunden. Daran reiht sich das russische Dampfbad und das Kiefernadelnbad, welches grade hier in vorzüglicher Güte hergestellt werden kann. Die Heilquellen Muskaus sind oft analysirt worden, bereits 1824 vom Dr. Hermstädt, am gründlichsten von Duflos.
Während die liebliche Natur um das freundliche Städtchen durch den Genius des Fürsten zur reinsten Vollendung idealisirt ist, ist unter den Anlagen in den Bergen und seitwärts derselben eine eigene, unterirdische Welt. Schon Jahrhunderte fährt da der Bergmann bei seinem Grubenlichte in den Schacht, um die Alaunerze zu Tage zu fördern, oder die Braunkohle zu brechen, und weithin ziehen sich die unterirdischen Gänge. Um ihn herum in der düstern Stille trieft es wie Thau von dem Gesteine und Erdreiche. Die sich senkenden Tropfen sättigen sich an den mineralreichen Stoffen und vereinigen sich zu der Quelle eigenthümlicher Mischung. Die aber arbeitet sich empor aus der Tiefe der Erde, ein edles, kostbares, flüssiges Erz der Berge, eine Gabe der Gegend. Der Fürst hat bei der Ausführung seines großartigen Werkes alle Voraussetzungen benutzt, welche ihm die Geschichte und Natur der Gegend bot, und in diesem Hineinziehen, Benutzen und Vervollkommnen des Gegebenen besteht das Ausgezeichnete seiner Schöpfungen. Das einst Neu-Entdeckte war hier uralt, der Quelle heilende Kraft wurde in den Dienst der Menschheit genommen, und das Herrmannsbad im herrlichen Parke errichtet. Möge ihm der Segen bleiben, der einst bei seiner Einweihung ausgesprochen wurde, eine Stätte zu sein, wo Leidenden wiederum wird das höchste Gut — die Gesundheit!
Anmerk. Ueber das Bad und seine Heilkräfte s.: Das Herrmannsbad bei Muskau, dargestellt in Hinsicht auf seine Umgebungen, sowie seine bewiesenen Heilkräfte. Sorau 1825 gr. 8. mit 5 Abbildungen in fol. Steindruck. — Borott, Tagebuch im Musk. Herrmannsbade geführt, mit einer vollständigen Beschreibung des russ. Dampf- u. Schwitzbades, nebst dessen Wohlthaten und Wirkungen &c. Zittau 1824. — Dr. Prochnow: Muskau, seine Kur-Anstalten und Umgebungen. Laus. Magazin, 1824, 337–393; 1825, 101–108; 157–159. Musk. Wochenbl. 1822, 217; 1824, 182. — Schles. Provinzialblätter 1825, 367–375. 1824, 240–245. Mineralwasser: Nachl. 1766, 223. Dr. Jäger S. 355. — Ueber das Alaunwerk: Vogels Nachrichten darüber und besonders über eine ausgebrannte Halde, Laus. Magaz. 1802, 1, 84–96.
XX. Das Zapfenhäuschen.
Mancher Punkt des Parks, ausgezeichnet durch seine herrliche Aussicht, hat schon früher, ehe er in den Plan des Ganzen hineingezogen wurde, durch Feste in der standesherrlichen Familie eine Bedeutung erhalten. Die Erinnerung daran erlischt immer mehr.
Dem Standesherrn Johann Alexander von Callenberg, dessen erste Ehe kinderlos blieb, wurden in zweiter Ehe mit Rahel Louise Henriette, Reichsgräfin von Werthern, vier Kinder geboren. Georg Alexander Heinrich Herrmann, der Erbe der Herrschaft, vermählte sich mit einer Tochter der Provençe, der Gräfin de la Tour du Pin, der allzufrüh heimgegangenen Mutter der Clementine Kunigunde Charlotte Olympia Louise und des Johann Alexander August Herrmann, bei dessen Geburt sie starb. Sein jüngerer Bruder Curt Heinrich, geboren den 8. April 1749, wurde Pfalz-Zweibrückischer Kammerherr, Obristlieutenant bei der Reichsarmee, oberrheinischer Kreis-General-Adjutant und ist 1817 den 27. Januar in der Gruft seiner Väter beigesetzt. Von den beiden Schwestern vermählte sich die jüngere, Ursula Margaretha Constantia Louise früher als die ältere, den 10. Januar 1772 mit dem Freiherrn Wilhelm Christoph Diede zum Fürstenstein, dem Letzten dieses alten Geschlechts. Er war Herr zu Fürstenstein, Wellingerode, Radewitzhausen, Immichenhain, Ziegenberg u. s. w., Ritter des Ordens vom Danebrog, Commandeur des K. Ordens St. Josèph, Königl. Dänischer Kammerherr und Gesandter am K. Großbritann. Hofe, der Kaiserl. und des H. R. Reiches Burg zu Friedberg Regiments-Burgmann und der Löbl. freien Reichs-Ritterschaft Mittel-Rheinischen Cantons wohl erbetener Ritter-Rath. Die ältere Schwester Henriette Louise, geboren den 11. Februar 1745, wurde den 24. Juni 1774 die Gemahlin des Reichshofrathes Karl Christian, Grafen und Edlen Herrn zur Lippe. Als sie am 10. September ihre alte Heimath verließ, um von Muskau gen Wien zu ziehen, begleiteten sie Tausende von Segenswünschen und manche Thräne des Dankes floß diesem menschenfreundlichen, edlen, frommen, erhabenen Charakter. Den 19. Februar 1799 ist sie zu Regensburg gestorben. Ihr Gatte suchte Trost in dem unersetzlichen Verluste, indem er ihre Lebensbeschreibung aufzeichnete, welche herrliche Blicke in ein echt christliches, edles, in Prüfungen bewährtes Herz thun läßt. —