Dieser ältesten Tochter des Standesherrn war es vergönnt, die treue, sorgsame Pflegerin ihres Vaters im hohen Alter zu sein, während die andern Geschwister ihr Lebensweg in die Ferne geführt hatte. Für die Standesherrschaft war damals eine prüfungsvolle Zeit. Feuersbrünste hatten viele Wohnungen zerstört, und am 2. April 1766 war auch die Stadt mit ihren Kirchen verwüstet und eingeäschert worden. Nach den Lasten des Krieges kamen die schrecklichen Hungersjahre 1771 und 72. Es gab allenthalben zu helfen, und die Herrschaft hat manches Opfer gebracht. Auch die gräfliche Familie hatten harte Schläge getroffen. Die Gemahlin des Grafen Herrmann war nach kurzem Glücke gestorben. Die Comtesse Louise wurde die treue Fürsorgerin für die zwei mutterlosen Waisen; aber der unerbittliche Tod entriß ihren Armen das eine der geliebten Kinder, den kleinen Grafen Herrmann. — Fern von dem Vater weilten seine übrigen Kinder; aber es kam ein Tag, der sie alle, auch die zweite Tochter und deren Gemahl, die aus dem fernen London herbeigeeilt waren, zum fröhlichen Wiedersehen im Vaterhause vereinen sollte, den 15. November 1773. Gar sinnig waren die Feierlichkeiten, welche die Schwester zur Verherrlichung jenes Tages angeordnet hatte.
Auf der Hügelkette jenseit der Neiße, der alten Bergkirche gegenüber, ist einer der höchsten Punkte des Parks. Dort war ein Pavillon in Form einer Octogone aufgeführt worden. Das niedliche, tempelartige Gebäude schien ganz aus Tannenzapfen zu bestehen. Aus Tannenzapfen waren die Wandleuchter, die Kronleuchter, der Kamin, das altarähnliche Postament, aber am kunstvollsten waren die Verzierungen der Wände im Innern; denn aus größern und kleinern Tannenzapfen, welche von Moos und grünen Fichtenreisern durchwebt waren, hatte man wie in Mosaikarbeit mannigfache, niedliche Gruppen an einander gereiht. — Von hier aus, von den Fenstern des Pavillons, wollte die Gräfin vereint mit ihren Geschwistern auf die Fluren schauen, auf welchen sie der Kindheit schöne Tage verlebt hatten, auf das Neißthal, Schloß und Stadt. Wohl trübte dichtes Schneegewölk den anfänglich so heitern Himmel des Novembertages; aber jenen glücklichen Menschen strahlte hell die Sonne des freudigen Wiedersehns. Als sich die Herrschaften, begleitet von der Frau Gräfin von Lüttichau und deren Gemahle, dem Zapfenhäuschen näherten, ertönte in dem Thale ein Choral, und Hunderte von Fackeln vertrieben die allzufrüh hereinbrechende Nacht. Die damals fünfjährige Clementine empfing die Eintretenden mit einem Gedichte, welches sie von dem Postamente herab mit einer Freimüthigkeit und geniengleichen Anmuth vortrug, die das Erbe ihrer geistreichen, schönen Mutter war.
Da stand nun der greise Standesherr in silberweißem Haare inmitten seiner geliebten Kinder. Außerhalb des Pavillons fielen, wie Myriaden von Sternchen, die Schneeflocken zur Erde, und der Sturm löschte die Fackeln aus. Dunkel deckte die heimathliche Flur und unter der Herrschaft des Winters war sie erstarret; aber wie Blumen des Lenzes blühten in dem Herzen der Versammelten herrliche Erinnerungen auf. Es war eine jener Stunden in einem Familienleben gekommen, wo der Freude, des Wiedersehens Macht den höchsten Lebensgenuß bringt, wo die Lippe schweigt, aber das Auge thränt und in dem Herzen das Wort ist: „Herr, wir sind zu geringe aller der Treue und Barmherzigkeit, die du auch an uns gethan hast!“ — Jener Punkt der Berge ist seitdem der Familie immerdar eine heilige Stätte gewesen. Oft hat ihn in der Erinnerung an seine Lieben der greise Standesherr erstiegen, dem nur noch wenige Jahre seines Lebens zugemessen waren, oft sein Sohn, oft dessen Tochter, die Erbin Muskaus. Der Zahn der Zeit hat bald an einem Gebäude genagt, welches nur für einen seligen Augenblick errichtet war. Mannigfache Gestalten bis zu seiner jetzigen hat seitdem der Pavillon angenommen. Als sich dort der selige Archidiakonus Langner des aus seiner Asche wieder emporsteigenden Muskaus, besonders seiner wendischen Kirche freute, stand auf jenem Berge ein massives Häuschen s. das Gedicht in d. actenmäß. Berichte &c. S. 49. —
Gleich als sorgte die Natur für die Stätten, welche Menschen einst heilig waren, verbürgt diesem Punkte der Berge die herrliche Fernsicht, die er besonders in den Frühstunden gewährt, eine Auszeichnung vor allen andern. Im Süden sind Felder und Wiesen mit herrlichen, alten Eichen. Sie werden vom Walde umschlossen, hinter welchem am fernen Horizonte die blauen Häupter der Berge, die Landeskrone, Tafelfichte u. a. emportauchen. Im Nordwesten lagert sich unermeßliches Waldgrün über das Flachland, aus welchem sich hie und da einige Hügel mit Fichten bewachsen erheben. Hinter uns wird der Blick durch den Wald wie durch eine Mauer gehalten. Jenseit der Neiße aber sind die Bergabhänge, an welche sich die Stadt lehnt, die Schluchten, das Bad, die Bergkirche, das Plateau des Dorfes Berg. Doch am lohnendsten ist der Blick in das Neißthal. Da ziehet die Neiße durch des Parkes Haine; da sind Baumgruppen aufgethürmt, eine lieblicher, als die andere. Zwischen ihnen tauchen die Gebäude des freundlichen Städtchens hervor, die deutsche und wendische Kirche, das Rathhaus u. a. In den Vordergrund des reichen Panoramas tritt das Schloß mit seinen Thürmen. Die dort weilten, die längst entschlafen, feierten einst auf dieser anmuthigen Höhe des Parks eine Stunde frohen Wiedersehens, und einen eigenen Reiz hat des Hügels Gipfel wegen seiner herrlichen Fernsicht, eine Bedeutung in der Geschichte der Familie der Reichsgrafen von Callenberg, denen Jahrhunderte die Standesherrschaft gehörte.
Anmerk. Der Freiherr v. Diede st. 1807 als der Letzte seines Geschlechtes. Vergl. über diese Familie Justi’s hessische Denkwürdigkeiten II. 240–254. Die Höhe des Zapfenhäuschens erhebt sich 452′ über den Spiegel der Nordsee. In dem Werke des Fürsten „Andeutungen über Landschaftsgärtnerei“ heißt es: „Auf diesem Punkte steht jetzt ein halbverfallener Pavillon, und befand sich in ganz alten Zeiten, der Sage nach, ein Schloß oder Wartthurm, von dem auch noch einige Rudera zertrümmerter Mauern und Keller übrig sind, wie man deren auch in dem nahen Walde von Keula findet.“ Das Zapfenhäuschen, diese der Familie so liebe Stätte, ist später zu dem Geburtstage der Standesherrin, am 9. November 1781 von deren Gemahl, Herrmann v. Callenberg, in andrer Form und reicherem Schmucke erneut worden.
XXI. Sonst und Jetzt.
Muskau mit seinen Umgebungen hat sich im Laufe der Zeit sehr verändert. Die vorzüglichsten dieser Veränderungen und Umgestaltungen sollen zeigen, wie das Sonst dem Jetzt gewichen.
Wahrscheinlich ist der Ort gleich anfänglich im Neißthale und zwar von Slaven erbaut worden. Darauf führet der Name, welcher derselben Wurzel entsprossen ist, wie der der alten heiligen Hauptstadt Rußlands. Die Slaven berücksichtigten bei ihren Ortsbenennungen hauptsächlich das Terrain. So wurde die an einem sumpfigen, moorigen Landstriche, an einem Muzk, gegründete Ansiedlung Muzkow genannt. Weil aber die Wenden Muskau Mužakow nennen, so hat sich die Meinung verbreitet, daß der Name von dem ungewöhnlichen Augmentativ Mužak d. h. ein großer Mann, herkomme, welche zu der Sage Veranlassung gegeben hat, daß einst um Muskau ein Heldenvolk gewohnt und gegen die Feinde des deutschen Reichs tapfer gestritten habe, s. Langner S. 11. Eine historische Fiction ist das Referat A. Hoßmanns, daß sich um 300 n. Chr. ein römischer Feldoberst Muskau mit seinen Mannen hier niedergelassen und die Stadt erbaut habe.