„Noch einmal berührte mich mit magischem Stabe der Zauberer. Ich erblickte die Fluren wieder, deren Verschönerung ich den besten Theil meines Lebens gewidmet. Was seh’ ich? Schiffbar ist der Fluß geworden, der meinen Park durchströmt; aber Holzhöfe, Bleichen, Tuchbahnen, nützliche Dinge, nehmen die Stelle meiner blumigen Wiesen, meiner dunklen Haine ein! Das Schloß — darf ich meinen Augen trauen? — beim Himmel! es ist in eine Spinnanstalt umgeschaffen. „Wo wohnt der Herr?“ ruf’ ich ungeduldig aus. — „In jenem kleinen Hause, das ein Obst- und Gemüsegarten umgiebt“ tönet die Antwort. „Und gehört meinem Urenkel denn das Alles nicht mehr, was ich einst mein nannte?“ „O nein, das hat sich mit der Zeit wohl unter hundert verschiedene Besitzer vertheilt. Wie könnte Einer so viel haben und Freiheit und Gleichheit bestehen!“ —

Reiches, frisches Grün schmücket den Park. Das Grün ist ein Sinnbild der Hoffnung, die erst mit dem Leben scheidet. Das Grün der Haine des Parks war ein Sinnbild, ein Unterpfand der fröhlichen Hoffnung auf seine Erhaltung.“ —


Wiederum nahte der liebliche Frühling der heimathlichen Lausitz, und das fröhliche Osterfest kam heran. Doch schüchterner als sonst öffnete sich das Auge des Baumes, dem Lenze entgegen zu schauen, langsamer schwoll die Knospe, es säumte das Reis in seinem Wuchse, und es zögerte das Jahr, neue, herrliche Parkbilder zu zeichnen. Wie Furcht und bange Erwartung, welche freudige Gefühle des Herzens fesselt, war es allenthalben in der erstehenden Natur. Der Würfel fiel. Muskau wurde verkauft. An des Lenzes Grenze verließ 1845 der Fürst seiner Väter Schloß, seine Herrschaft, seinen herrlichen Park. — So muß oft der Mensch von dem, was er geschaffen, grade da scheiden, wo es ihm einen neuen Genuß, eine reiche Freude nach vielen Mühen gewähren soll! Düsteres Gewölk trübte den Himmel und verhüllte dem Scheidenden an der Grenze seiner Herrschaft den Blick nach rückwärts. Dort waren die Räume seiner Kindheit, die Stätten hoher Freuden, dort waren die Fluren, in deren Verherrlichung und Verklärung ihm ein reiches, immer neues Glück geworden war. — Doch zu dem Scheidenden gesellte sich eine Freundin — die Erinnerung. Frei von allem Mangelhaften, dem Loose des Irdischen, herrlich verklärt führt sie die Vergangenheit in die Gegenwart und Zukunft hinein; die Welt, die uns einst umgab, in der wir wirkten und schafften, der wir das Gepräge unseres Geistes und Herzens gaben, ist wiederum so ganz unsere eigene geworden — sie ist in unserm Innern und dort schöner als je.


Von den Grafen Hatzfeld und Nostitz ging die Standesherrschaft, welche in dem Laufe der Jahrhunderte auch den Kaisern Ferdinand I. und Rudolph II., sowie dem Markgrafen zu Brandenburg-Anspach, Georg Friedrich, gehört hatte, bald über an Wilhelm Friedrich Karl, Prinzen der Niederlande, Gemahl der Prinzessin Louise Auguste Wilhelmine Amalie, der Tochter der unvergeßlichen Königin von Preußen, Louise. — Die Acquisitation der Standesherrschaft durch einen Prinzen aus dem glorreichen, hochherzigen Hause Nassau-Oranien ist eine That, welche Muskau zu hohem Segen gereichte, sie ist aber auch eine That, gethan aus Liebe zu der Schönheit der Natur, zum Schutze der Kunst, des Idealen gegen den Materialismus und die Prosa der Zeit.


Das Jahr hatte bereits die Hälfte seiner Bahn zurückgelegt und die Fülle seiner Pracht und seines Schmuckes ausgetheilt. Im Juni 1846 kam der königliche Prinz in seine neue Standesherrschaft und den 19. August hielt er mit seiner hohen Familie seinen feierlichen Einzug in dieselbe. Wohl waltete da allenthalben hohe festliche Freude; aber es war, als theilte sie mitfühlend des Parks herrliches Revier. Reicher breiteten sich die grünen, blumigten Teppiche der Wiesen aus; feierlicher erhoben sich die Hallen der Haine; wie zur Huldigung traten aus der Tiefe des schönen Ganzen die lieblichen Gruppen hervor; ein Urbild aus dem Reiche des Schönen, geschaut einst in heiliger Osternacht, verwirklicht durch den fürstlichen Meister, grüßte innigst seinen neuen, königlichen Herrn. Und wie geheimes Wehen erging in feierlicher Stunde aus der verklärten Natur ein Wort an den, dem sie in ihrer Schönheit huldigte, das Wort: Gestatte mir, o Herr dieser Fluren, mir, der es nicht vergönnt ist, sich selbst zu schauen, daß ich in deinem Auge mich spiegle! Laß mich dir werden eine Quelle stiller, reiner Freuden! Schütze und schirme mich in meinem Weben und Schaffen nach den Gesetzen der Schönheit bis in die ferneste Zeit hinaus! Wie jeder Lenz mir frisches Grün bringt, so spende dir jedes Jahr hohes Lebensglück, und meiner tausendjährigen Eichen majestätische Pracht sei eine Weissagung auf deines Hauses immer währende Herrlichkeit! —


Auch die Natur ist ein Buch der Offenbarung unseres Gottes. Seine Ehre verkündet der Blume Farben-Pracht, der Wiese frisches Grün, Baumes fröhliches Wachsen, und hoch in Andacht und Freude schlägt des Christen Herz, wenn er in dieser wunderbaren, herrlichen Schrift liest. In der verklärten Natur, welche das lausitzer Muskau umgiebt, tritt ein altes, heiliges Wort des Lobes und Preises und Dankes in unsere Seele: „Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen — auch auf dieser Flur!“ Ps. 8, 1.