IV. Die Wehklage.
Die beiden Neißeufer im Park sind vor Kurzem da, wo der Eichbusch ist, durch eine Brücke, welche sich kühn und leicht über den Fluß schlägt, verbunden worden — ein Werk des jetzigen Protectors und Mehrers des grünen Reiches des Fürsten. Sonst war dort ein alter, hölzerner, schwankender Steg. Mancher hat an demselben, wenn die Neiße voller ging, seinen Tod in den Wellen gefunden; aber vor dem Unglücke warnte die Wehklage, obwohl nur von Wenigen, Hellsehenden, bemerkt. Unterhalb der Brücke bildet die Neiße eine kleine Insel. Dichter schlangen sich da einst die Aeste alter Weiden und Erlen in einander, und üppiger wucherte der Nachwuchs empor. Kaum vermochte der Sonnenstrahl das geheimnißvolle, grüne Dunkel zu durchbrechen, und schaute man die zusammengestürzten alten Bäume und Stämme der romantischen Wildniß, so bekam man eine Ahnung, wie es einst in hiesiger Gegend, in dem Neißethale, ausgesehen haben mochte. In jenem Gebüsche hat der Sage nach die Wehklage oft ihre Stimme erhoben vor einem Unglücke. —
Die Sage von der Wehklage — bože sedleško — oder Gottesklage — boža losč — in beiden Lausitzen heimisch, ist ein Ueberrest alt slavischer Religions-Vorstellungen. Die Wehklage ist ein Sendbote guter Gottheiten, ein Schutzengel. Bald hat sie sich gezeigt als eine weißgefiederte Henne, bald als liebliches Kind, bald als eine Frau von Anmuth und Wehmuth in weißem Kleide; denn das Weiß ist bei den Wenden nicht blos die Farbe der Unschuld, sondern auch der Trauer. — War ein Unglück im Anzuge, so ertönten die Klagelaute des Geistes; sollte ein Familienglied sterben, dann setzte sich die Wehklage im Dunkel des Abends vor das Gehöfte, den Todesfall vornweg zu betrauern und zu beweinen. In dem Heulen des Sturmes, in dem Rauschen der Wellen, in dem geheimnißvollen Weben des Nachtwindes vernahm man ihre Stimme, und gar oft zeigte sich der mitleidige, warnende Schutzgeist denen, welchen es vergönnt war, ihn zu schauen, am meisten aber in hiesiger Gegend.
Der Tag nahte heran, an welchem drei Menschen in den Fluthen der Neiße bei der Mühle den Tod finden sollten. Mehrere Tage vorher bei einbrechender Dämmerung hörte der Müller ein ängstliches Klagen und Jammern aus dem Gesträuch am jenseitigen Ufer. „Es betrifft nicht dich, sondern Andere!“ lautete ihre Antwort, und gleich einem Nebel verschwand die Wehklage vor seinem Auge, nachdem sie die Opfer des Todes theilnehmend zuvor beklagt hatte. — Auch vor dem Brande 1766, welcher die ganze Stadt in Asche legte, ließ sich die Wehklage oft in dem Hause hören, in welchem die Flammen ausbrechen sollten. Räthselhaftes Heulen durchtönten bald von hier, bald von dort aus das Gebäude, unheimliches Klagen und Jammern wurde immer und immer wieder vernommen, besonders da, wo um Mitternacht der scheidende Tag dem kommenden die Herrschaft übergiebt. — Endlich fragte man den Geist. In heulenden, dumpfen Tönen antwortete er: „Es wird nicht nur bei dir sein, sondern auf allen Gassen!“ Die Wehklage hat gewarnt und geweissagt. Bald war Muskau ein Aschenhaufen. —
Noch immer warnt und weissagt die Wehklage; denn gar mütterlich besorgt ist die Natur um den Menschen durch Anzeichen der Veränderungen und unheilbringende Erscheinungen. Ist Thauwetter im Anzuge, soll das Eis brechen und der Strom schwellen; so verkündet dies ein dumpfes Brausen in den Bäumen. Kreuzen sich die Strömungen in der Luft, will der Wind eine andere Bahn einschlagen, soll Sturm kommen; so zeigt dies oft ein dumpfes Heulen in den Häusern vorher an, die Bewohner derselben mahnend, Feuer und Licht wohl zu bewahren. Steigen die Nebel auf, welche der Gesundheit schaden, so formen sie sich wohl oft der Phantasie zu geistergleichen, weißen Gestalten, welche zu fliehen sind. — Noch immer warnt und weissagt die Wehklage. Denn wie die Natur, welche uns umgiebt, mächtige Veränderungen vorher empfindet und anzeigt, so geheimnißvoll unsre eigene Natur. Bei dem Sinken der Sonne, in der Stille der Nacht hat sich unser oft schon ein Vorgefühl eines nahen Leidens bemächtigt. Selbst ferne Verluste und Todesfälle bewegen in wunderbarer Sympathie das Herz: es beginnt unwillkürlich zu trauern, es stimmen sich wie durch eine unsichtbare Hand die Saiten der Seele zur Klage, und die Natur um uns und in uns ist selbst die warnende, weissagende Wehklage der alten, slavischen Religionen. —
Wie ein Heiligthum jenes Schutzgeistes war das wilde, dichte Gebüsch der Neißinsel im Park. Es warnten des Windes Heulen und der Abendnebel vor der Nacht und den Fluthen der Neiße. Die Stimmen und Gestalten der Natur wurden schlichten Söhnen derselben zu einer göttlichen Macht.
Anmerk. Von der Wehklage erzählt das Volk in der Lausitz, besonders in hiesiger Gegend. Vergl. Horcanski: Laus. Provinzialblätter, Leipzig 1782 3. Stck. S. 260. Ueber den fürchterlichen Brand am 2. April 1766 s. Langner.
V. Das böse Ufer.
Die gesunde Lage Muskaus im Neißthale ist oft gepriesen worden. Gleich der Standesherrschaft ist aber auch die gesammte Lausitz mit ihren vielen, immer grünen Wäldern, mit ihren wechselnden Hügeln und Thälern selten von schweren Krankheiten heimgesucht worden. Ob das Dorf Groß-Voygenz, einst zwischen Stadt und Gablenz gelegen, durch den schwarzen Tod oder im dreißigjährigen Kriege eingegangen ist, läßt sich nicht bestimmen. Warum aber die Pest diese Gegend gemieden hat, giebt folgende Sage an, welche zwar auch anderwärts wiederklingt, hier aber in dieser Form heimisch ist. —