Ein Mann aus einem der Stadt benachbarten Dorfe hatte den ganzen Tag über Holz gefällt, um dem dichten Walde mehr Land zur Wiese abzugewinnen. Es begann dunkel zu werden; er wollte nach Hause gehen. Da durchzogen vom Walde her, gleich Geistern in langen, weißen Gewändern, Nebelstreifen die Flur. Dem Landmann graute. Er beflügelte seine Schritte. Doch länger als sein Fuß war ein langer Nebelstreifen. Es war als hätte er Haupt und Hände. Schon hatte er den Armen erreicht. Mit Centnerlast legte er sich auf seine Schultern, und eine Stimme sprach: „Ich bin die Pest! Du trägst die Pest!“ Heiße Angst erfaßte den Armen, sein Blut begann zu sieden; fieberhaft hämmerten die Pulse, und zahllose Schweißtropfen rannen die Stirn und Wangen herab. Er wandte sich hierhin und dorthin auf der Flur — vergebens; die Pest folgte ihm. Er schüttelte gewaltig, die Last abzuwerfen — vergebens; immer fester umklammerte ihn des Todes Macht. Er eilte vom Thale zum Hügel — vergebens! Wie der heißhungrige Wolf, der seine Zähne in das Genick des Hirsches geschlagen hat, war er zusammengekettet — mit der Pest. In wilder Verzweiflung war er also die Fluren durchjagt und auch die Stunden des Abends. Schon verkündete der Glockenschlag Mitternacht. Da stand er auf einem Hügel vor seinem Dorfe. Längst war das Feuer auf den Kaminen erloschen. Auch seine Hütte umfing tiefer Frieden. Dort schlummerte in der Gesundheit Fülle sein Weib mit den Kindern, die den Vater bei Verwandten wähnten. Ein Tag war froh verlebt, und sein Werk vollbracht. Die Nacht und der Schutz des Himmels walteten über den Schläfern. — Schon wollte sich der Unglückliche seiner Wohnung, den Seinen nahen; doch er wußte, daß er ihnen den Tod brächte, daß er mit ihm einzöge in das Dorf. Ehe dies geschehen sollte, wollte er lieber verlassen sterben auf einsammer Flur. — Und wiederum stürmte er in wilder Verzweiflung von dem Dorfe weg in das Feld und die Nacht hinein. Immer größer wurde seine Angst, immer heftiger sein Schmerz; aber es trieb ihn nicht mehr die Pest allein, sondern auch die Liebe. So hatte er die Neiße erreicht, da, wo jetzt im Park die Hügel jäh zu dem Flusse herabfallen, wo sich der Strom je und je wieder gefahrvolle Tiefen wühlt, wo „das böse Ufer“ ist. Er nahm Abschied vom Leben und sandte den Seinen den letzten Segensgruß; denn er war entschlossen, ein Opfer anstatt vieler zu fallen. Er wollte die Pest mit sich begraben in der Neiße. — Schon wollte er sich in den Strom stürzen, schon schritt er zur That: — da ließ es ihn los. Eine Stimme sprach: „Solche treue, aufopfernde Liebe habe ich nirgends gefunden. Hier darf meine Herrschaft nicht sein!“ Und im Grauen des Morgens zog wiederum ein langer, weißer, geisterhafter Nebelstreifen von der Neiße zu dem nahen Hügel. Der öffnete sich. Dort tauchte die Pest hinab. Der Landmann eilte in den Strahlen der aufgehenden Sonne nach banger Nacht hochbeglückt zu den Seinen. Seitdem hat aber die Pest weder die Standesherrschaft, noch die Lausitz heimgesucht.
Anmerk. Ueber die gesunde Lage des Städtchens s. Peschek, L. Wochenbl. 1790, 81–84. Das Dorf Groß-Voygenz soll noch auf der Schreiberschen Specialkarte v. 1745 angegeben sein. So Past. Halke, handschriftl. Chronik von Gablenz.
VI. Die Ludki.
In dem langen, blutigen Kampfe der Deutschen gegen die Slaven mochte die dichten, unwegsamen Wälder der Standesherrschaft dem alten Glauben und der Freiheit der Wenden lange Zeit ein Asyl sein. Auch hier findet sich die Sage von den Ludken.
Die Ludki waren kleine, zwergartige Wesen. Sie lebten fern von den Menschen in verborgenen Höhlen, in welchen sie ihre zierlichen Haushaltungen hatten. Die Berge und Hügel sollen die Wohnung jener Unterirdischen gewesen sein, in denen sich Urnen finden; doch werden auch besonders die waldigen, sumpfigen, öden Gegenden als Stätten ihres Weilens von der Sage bezeichnet. Dort leben sie von der Jagd und dem Fischfange und den Früchten der Wildniß, ja wohl auch von etwas Ackerbau und Viehzucht, wenn ihr Aufenthaltsort von Städten und Dörfern weit entfernt war. Die Noth trieb sie bisweilen, die Bewohner benachbarter Dörfer um Lebensmittel zu bitten. Auch borgten sie sich von ihnen allerlei Geräthschaften, als Aexte, Sägen, Schüsseln, Teller u. s. w., welche sie ehrlich, ja oft mit Geschenken wieder brachten. Sie nahten sich meistens des Nachts, in Angst und Furcht. Mischten sich bei Freudenfesten die Menschen bunt durch einander, dann mischten sich auch oft die Ludki unter dieselben, um als Musikanten eine Art Hackebret oder Cymbal mit Tangenten meisterhaft zu spielen, oder wohl gar als Tänzer an dem Feste Antheil zu nehmen. Lange Zeit führten die menschenscheuen und doch menschenfreundlichen Ludki ihr einsames, kümmerliches Leben in den waldigen Verstecken der Gegend. Aber es erhoben sich christliche Kirchen. Der Schall der Glocken drang in die dichten Wälder. Die mächtigen Töne derselben konnten sie nicht vertragen. Sie verschwanden seitdem.
Jene Ludki, welche in den Todtenhügeln wohnten, waren ohne Zweifel die Abgeschiedenen. Sie setzten dort nach dem Glauben der Slaven das irdische Leben in verjüngtem Maaßstabe fort. Bisweilen kamen sie aus dem kümmerlichen Jenseits zu den Menschen in die Kreise ihres früheren Lebens, um sie alsbald wieder zu verlassen. — Aber die ursprüngliche, religiöse Bedeutung der Sage wird von der politischen überwogen. Sie weiset auf eine Zeit hin, in welcher die Freiheit der Slaven durch das Schwert der Germanen den Todesstoß erhielt, an dem sie sich langsam verblutete, und die Ludki in ihren waldigen Verstecken, die dem Glockengeläute wichen, sind die Schemen, die Schatten, die letzten Ueberreste der einst selbständigen, freien Slaven. Ein edler Nationalstolz, Liebe zu den alten Göttern, der Freiheit und dem Vaterlande war einst der Grundzug in dem Charakter der Sorben, der sich in langer, heldenmüthiger Gegenwehr gegen die Deutschen gezeigt hat. Sie unterlagen. Es erhoben sich Burgwarten, und an der Stelle der slavischen Knesen traten deutsche Ritter, welche über die Besiegten herrschten. Edlen Gemüthern, den Führern und Leitern des Volkes, den Vaterlandsfreunden, war ein Leben ohne Freiheit nichts werth. Sie zogen sich zurück in die Einsamkeit und Abgeschiedenheit in den Wäldern. Die große, sinkende Nation hatte nur noch Ludki d. h. Völkchen, welche wohl eine freiwillige Verbannung, nicht aber das Joch der Deutschen ertragen wollten. —
Die dichten Wälder hiesiger Gegend wurden den die Freiheit liebenden Ludken ein sicheres Asyl. Hier mochten sie fort und fort ihre Götter verehren, die ihrem Volke einst Glück und Segen gespendet hatten und von welchen sie die Wiederherstellung der verschwundenen Herrlichkeit desselben erflehten. Hier mochten sie erzählen von Opfern, dem Vaterlande vergeblich gebracht, und manchen Gefallenen beklagen. Schüchtern und heimlich kamen sie zu ihren unterjochten Brüdern, war es, um von ihnen zu empfangen, was ihr Loos erträglich machte, war es, um ihnen zu bringen eine Gabe der Liebe, war es, um zu erfragen, ob sich die Nacht der Knechtschaft nicht irgendwie lichte. Grimm und Wehmuth in den Herzen spielten sie an den Festen, wo der Einzelne in der Menge unbemerkt verschwindet, manch’ altes, heiliges Nationallied, und die Macht der von Wenigen verstandenen Klänge riß nicht nur alte Wunden auf, sondern brachte auch gesunkenen Hoffnungen noch einmal ein kurzes entblühendes Leben. Die Deutschen befestigten ihre Herrschaft. Kirchen um Kirchen wurden gebaut. Das Geläute der Glocken war das Grabgeläute für den heidnischen Glauben und die Freiheit der Slaven. Das Geläute der Glocken war aber auch ein Geläute, welches der Gegend einen neuen Morgen verkündete. Seine Sonne war die Religion des Welterlösers.
Anmerk. Ueber die Ludki s. Anhang zu den Volksliedern der Wenden V. 22. und Chronik der Stadt und des Amts Senftenberg S. 15. f. —