VII. Die Bergkirche.

Muskau mit seiner schönen, neuen, deutschen Kirche liegt an dem Fuße an einer langen, von vielen Schluchten durchbrochenen Hügelkette. Da, wo sich das goldene Kreuz des Thurmes, welches einst die selige Frau Fürstin Pückler errichten ließ, bis zur Höhe des Berges erhebt, ist ihm gegenüber ein herrlicher Punkt, von welchem aus der Blick frei über die Stadt und den Park bis zu den Hügeln jenseit der Neiße schweift und den Fluß aufwärts und abwärts, bis sich seine Kraft verliert in der Haiden unübersehbarem, grünen Meere. Dort, nicht weit von des jähen Hügels Rande stehet ein Kirchlein, fast Ruine, ehrwürdig in seinem hohen Alter, eine Mutter der Töchter im Thale. —

Tritt man durch das Thor des Kirchhofes, dessen Bogen der zerstörenden Macht der Zeit widerstand, so sieht man viele Gräber, eine dichte Saat. Um dieselben zieht sich eine alte, starke Mauer aus Feldsteinen. Mitten unter den Gräbern erhebt sich das Kirchlein. Der Thurm bei demselben ist längst zerfallen. Ein schlechtes Breterdach vermag den Wettern nicht zu wehren; doch halten sich noch immer die Bogen über dem Altare. In den Wänden des Schiffes, nahe an dem Simse, sind drei Fenster, durch welche ein spärliches Licht fiel; aber der Altar erglänzte in hellern Strahlen, welche durch mehrere Fenster drangen, und zur Rechten desselben ist die zerfallene Sakristei. Längst ist hier die katholische wie die spätere evangelische Verkündigung des Christenthums verhallt. In den öden Räumen wohnet das Schweigen; doch die rastlos schaffende Natur arbeitet fort über den Trümmern. Um die Kirche und in derselben wächst Moos, Fliedergesträuch und manche Blume zur Zierde der alten, heiligen, verwaisten Stätte, und es ist, als wenn die ergrünende und erblühende Pflanze über dem zerfallenen Gesteine triumphirend fragte: „Vergänglichkeit, wo ist dein Sieg?“

Die Bergkirche wird für die älteste der Herrschaft gehalten. Zeugen ihres hohen Alters waren die drei Glocken derselben. Die mittlere trug eine alte, deutsche Inschrift, die nicht zu lesen war, die kleine die Jahreszahl 1408. Auf den Thurm der neuen Kirche gebracht, schmolzen jene Glocken erst in den Flammen des 2. Aprils 1766. Ein Zeuge ihres hohen Alters ist ihr Bau aus Feldsteinen, ist wohl auch das zerfallende Gewölbe über dem Altare. Ein Zeuge ihres hohen Alters ist sie selbst, die Kapelle; denn nicht die schönen, geräumigen Kirchen, an welchen die Lausitz jetzt so reich ist, waren die ersten gottesdienstlichen Gebäude, sondern die Kapellen, in deren Nähe sich später wie hier größere Kirchen erhoben. Jenes Kirchlein sah das Heidenthum sinken, es überdauerte den Katholicismus hiesiger Gegend. In ihm wollte Lazarus Welck, wenn sein Leben verwelkt wäre, bestattet sein. Dort schläft auch Melchior Tilenus, der erste evangelische Diaconus, neben seinem Collegen. Nachdem am 2. April 1766 die St. Andreas-Kirche abgebrannt, die deutsche aber ausgebrannt war, wurde beinahe 20 Jahre lang der wendische Gottesdienst in der Bergkirche gehalten. Der Gebrauch derselben zu gottesdienstlichen Zwecken hörte auf. Durch des Fürsten Sorge ist sie eine Ruine geworden.[A]

Weder von den Hügeln jenseit der Neiße, noch von einem andern, entfernteren Punkte des Parkes aus gewährt die Kapelle zur Zeit einen deutlichen, schönen Anblick. Ein desto reicherer erschließt sich aber an jener Ruine dem Geiste, welcher an historischen Analogien in eine ferne Vergangenheit dringt, deren Gestalten die Phantasie das Leben bringt. Und es trägt uns jene das Jetzt und Einst verbindende Macht an dem zerfallenden Gemäuer in die Tage, wo sich hier nach hartem Kampfe die erste deutsche Burgwarte erhob, unter deren Schutze der Grund zu der Kapelle gelegt wurde; in die Tage, wo muthige Glaubensboten dem Hügel gegenüber, wo ein slavisches Götzenbild gestürzt worden war, triumphirend das Kreuz aufpflanzten; in die Tage, wo die starke Ummauerung des Friedhofes noch schützen mußte gegen die wiederholten Ueberfälle der Sorben, bis sich ihre Glauben und Freiheit liebenden Ludki vor dem Geläute der Glocken immer tiefer in die Wildniß der Wälder zurückzogen; in die Tage, wo sich Herzen erschlossen dem Lichte der ewigen Wahrheit, welches, wie die Kapelle auf dem Berge weit hinausschaute in das Land, so von da hineinstrahlte in die Wälder der Herrschaft; in die Tage, wo das Kirchlein die Menge der Beter nicht mehr faßte und ihm Töchter erstanden zu seinen Füßen im Thale. —

Geht man von der Ruine bis zu dem nahen, steilen Rande des Berges, so hat man, besonders an einem Frühlingstage, den herrlichsten, reichsten Anblick. Da kann man die Schöpfungen des Fürsten überschauen; da liegen Stadt und Schloß vom Park umfangen im Thale; da treten des schönen Gartens Gruppen, eine lieblicher als die andere, hervor und zusammen zum herrlichen Ganzen; da wechselt nach der Sonne verschiedenem Stande die Beleuchtung; da treibt des Lenzes Kraft Blätter, Knospen und Blüthen: — aber du mußt hinter dich schauen zu der zerfallenden Kapelle, soll sich dir die Freude des Anblicks erhöhen. Denn da wird dir in den Sinn kommen, daß einst des Lenzes Pracht, des Lebens Herrlichkeit wird, was sie ist, — Ruine, Asche, und du wirst dich ihrer freuen, so lange sie währet. — Die Ruine der Bergkirche ist ein herrlicher Punkt der Gegend sowohl durch ihre Lage als auch als elegischer Gegensatz zu der Landschaftsverklärung, die als Park Schloß und Stadt umgiebt.

Anmerk. Neue, eigens geschaffene Ruinen in einem Park haben etwas Komisches; wirkliche Ruinen sind eine Zierde desselben. „Sie erscheinen wie riesige, diesem Boden mit Nothwendigkeit entwachsene Krystalle. Man muß den Instinkt bewundern, mit welchem die ersten Ankömmlinge den Platz für ihre Städte, Dörfer, Burgen und Kirchen wählten.“ Bratranek, Aesthet. d. Pfw. S. 434. Dies gilt auch von der Bergkirche. — Nachrichten über die Bergkirche finden sich in der Muskauischen Kirchen-Zierde von J. C. Crusius, weiland Kantor zu M. — ein seltenes, für die Geschichte der Standesh. wichtiges Werk — in dem kurzen Entwurfe einer oberl. wend. Kirchenhistorie, Budissin 1767 S. 38 — ferner bei Langner, S. 22, 23. — Dr. Jäger, Leben des Fürsten S. 337.

[A] Diese Kirchenruine stand malerisch inmitten uralter prächtiger Linden, sie war mit dieser Umgebung eine große Zierde der Landschaft. Diese Linden wurden im Jahre 1848 von den Bauern des Dorfes Berg, welche die Bäume als ihr Eigenthum beanspruchten, niedergehauen. Durch diesen Vandalismus hat die Ruine ihr jetziges nüchternes und unbedeutendes Ansehn erhalten. Anm. d. Herausgebers.