Trotz der geringen Durchbildung dieser Prunksucht, die für die weniger Reichen übrigens sehr einzuschränken ist, steckt doch in der Art, wie man seine äußere Erscheinung zur Geltung zu bringen suchte, zum Teil schon ein feineres Schönheitsgefühl. Eine eigentliche Überladung mit Schmuck beginnt man hie und da schon zu vermeiden. Vor allem ist aber jede Plumpheit der Gestalt verhaßt. Feiner Wuchs soll auch zur Geltung kommen. Daher die schon seit längerer Zeit eingetretene Verengung der Taille der Frauen, aber auch der Männer. Deren Rock, der zunächst nur oben eng war und in seiner großen Länge und unteren Weite wieder etwas Weibliches hatte, ward allmählich kürzer, die nun hervortretenden Hosen wurden enger, die Schuhe ebenfalls enger und spitzer. Kraft und Stärke durften bei dem Ritter nicht vermißt werden: aber alles Ungefüge sollte, wieder nach romanischem Muster, im Äußeren des Mannes schwinden. Vor allem aber sollte die Frau ein feines, schlankes, zartes Geschöpf sein, und der für sie geltende romanische Schönheitsmaßstab wird von den Dichtern schließlich auch an den Mann angelegt. Eine Grundbedingung solchen Schönheitsstrebens war natürlich eine gesteigerte, keineswegs freilich aus hygienischen Gründen hervorgehende Körperpflege. Unsauberkeit der Wohnung war geduldet, Unsauberkeit des Körpers verpönt. Häufiges Baden war ja althergebracht: jetzt machte man daraus einen feineren Toilettenvorgang und nahm Wohlgerüche hinzu, die man jetzt überhaupt liebte. Häufiger wechselte man sodann die Kleider, gewiß aus stärkerer Abneigung gegen unschönen Geruch. Man pflegte nun aber auch sorgsam das Haar, die Zähne, die Nägel wie die Hände. Das schon lange übliche Handschuhtragen war zur Bewahrung der Sauberkeit durchaus notwendig. So bedeutet denn die aristokratische Verfeinerung der ritterlichen Gesellschaft zugleich eine größere Ästhetisierung des Lebens. Darauf geht ja auch jenes neue gesellschaftliche Ideal der mâze, der unleidenschaftlichen Schicklichkeit, aus, darauf die Fülle jener Anstandsregeln, darauf die erstrebte Zierlichkeit des Verkehrs. Auch die Sprache hob sich zu größerer Schönheit, vor allem seitdem die Dichtung durch die romanische Mode zu einem wichtigen Element des ritterlichen Lebens wurde und aus dieser Gesellschaft heraus auch zahlreiche Dichter erstanden, unter ihnen solche von hoher und höchster Bedeutung, die über die modischen Nachahmer der Franzosen weit hinausragten.
So gewinnt denn die ritterliche Kultur zum Teil schon einen künstlerischen Charakter. Auch die bildenden Künste nehmen jetzt, freilich nicht allein im eigentlich ritterlichen, mehr die Kleinkunst verwendenden Bereich, sondern überhaupt in den großen kirchlich-weltlichen Kreisen unter dem Einflusse der Romanen einen außerordentlichen Aufschwung. Seit längerer Zeit war in der Herrenkultur eine Neigung zu größerem Glanz verbreitet, und das machte sich gerade künstlerisch geltend. Jene eifrige Bautätigkeit, die die salischen Herrscher im Wetteifer mit den Bischöfen die großen romanischen Kathedralen in den rheinischen Städten schaffen ließ, entsprach der politischen Machtstellung des Reiches und seinem größeren Reichtum. Man ersetzte die einfacheren Bauten früherer Zeit durch prächtigere. Wie wir von Anfang an in den romanischen Bauten den aristokratischen Zeitgeist sich spiegeln sahen (s. S. [54]), so entfaltet sich dieser Charakter in der Blütezeit des Stils noch mehr und kommt zu glänzenderem, leichterem, feinerem Ausdruck. Auch weltliche Bauten der vornehmen Schicht, Pfalzen, Burgen und Patrizierhäuser, werden nun zu Denkmälern dieses vornehm-geschmackvollen Stils. Vor allem ist es die Hohenstaufenzeit, in der sich dieser Glanz recht entwickelt. Auch jetzt wurde eifrig gebaut, freilich entstand weniger von Grund aus Neues als eine Fülle von Zutaten und Umgestaltungen. In der Zeit vom Ende des 12. bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts wird nun jene Neigung zum Glanz immer mehr zu einer stark dekorativen Strömung: auf prächtige Außenbauten wird Wert gelegt, auf zierlichen Schmuck im einzelnen. Bezeichnend sind etwa die Blendarkaden der spätromanischen Bauten dieser Zeit des Überganges zur Gotik. Die Bauten der Cistercienser richteten sich bewußt gegen diese Strömung.
Die eigentliche Gotik, in Frankreich aus zum Teil bereits vorhandenen Elementen unter Führung Nordfrankreichs ausgebildet, weist auch als Hauptzug die Dekoration auf, so sehr die technisch-konstruktive Seite, nämlich die Lösung des Gewölbeproblems, das Kreuzrippengewölbe, die Bedeutung des neuen Stils ausmacht. Trotzdem die deutsche Baukunst lange schon Fühlung mit der aufstrebenden französischen Kunst hatte, öffnete sie sich diesem Stil keineswegs rasch, was ja bei der Höhe der in Deutschland erreichten Entwicklung auch verständlich ist. Erst um 1250 hat er sich, langsam und auf verschiedene Weise eindringend, völlig in Deutschland eingebürgert, eben im Zusammenhang mit der internationalen kulturellen Vorherrschaft Frankreichs. Auch in Deutschland entwickelte sich nun eine feine und reiche Formengebung, wenn auch das Bürgertum mit der Entfaltung des Luxus bei den Franzosen nicht wetteifern konnte und die Bauten bald nach der einfachen Seite hin beeinflußte. Aber welche künstlerische Höhe, welche Entwicklung des Schönheitsgefühls zeigen nun doch die Hauptbauten der Gotik im 13. Jahrhundert! Ein phantastisches Streben in die Höhe, eine liebevolle Ausgestaltung des einzelnen sind charakteristisch. Es schwindet zugleich die Bedeutung der Wandmalerei; die Malerei wird nun auf die hohen Fenster als Objekt beschränkt; schon vor dem 13. Jahrhundert erreicht diese Glasmalerei ihre Blüte. Das ganze Innere wird nun in ein geheimnisvolles Licht getaucht, das wieder eine dekorative Seite hat, vor allem aber eine ganz eigenartige Stimmung hervorbringt. Die Gestalten der heiligen und kirchlichen Geschichte den Gläubigen nahezubringen, wurde nun vor allem Aufgabe der nicht mehr auf das Portal beschränkten Plastik, die zugleich für den erstrebten reichen Innenschmuck und die dekorative Gestaltung der Säulen, Pfeiler, Galerien usw. sorgen, dauernd freilich dabei die Dienerin der Herrscherin Architektur bleiben mußte. Die hochentwickelte französische Plastik war das Vorbild der deutschen, aber die schönsten deutschen Denkmäler sind doch zugleich Erzeugnisse deutschen Geistes und geben dem deutschen Individualismus wie dem neuen realistischen Sinn künstlerisch wunderbaren Ausdruck. So hat denn Dehio das 13. Jahrhundert, in dem außer der Dichtkunst auch die übrigen Künste zu gleichmäßiger Entfaltung kamen, »das am meisten ästhetische Jahrhundert« genannt, »das wir erlebt haben«, wie es überhaupt kulturell überaus hoch stand.
Diese ästhetische Seite zumal der ritterlichen Kultur hat nun freilich ihre Kehrseite. Der Niederschlag dieser Kultur in einer reichen, sie verherrlichenden Dichtung täuscht leicht darüber, daß diese Welt zum Teil doch nur in der dichterischen Phantasie lebte. Es war im ganzen eine Welt des Scheins. Zum höfischen Leben mangelte vielen nicht nur der genügende Besitz, sondern auch die Neigung, selbst den Frauen. Abgesehen von der ständigen höfisch-kriegerischen Umgebung der Fürsten und Herren und einem stark abenteuerlichen Element »fahrender« ritterlicher Turnierer und Sänger mochten unter den übrigen Rittern viele sein, die daheim das grob-ländliche, nicht gerade üppige Herrenleben führten, die Hausfrau, die selten genug die Modedame war, nach alter Weise walten ließen und wenig höfisch behandelten, in der Geselligkeit den Trunk mit ihren Genossen als Hauptsache ansahen und in ihren Sitten alles zu wünschen übrig ließen. Manche mochten das eine draußen tun und das andere daheim nicht lassen, fühlten sich dann aber in höfischer Aufmachung nichts weniger als behaglich, und selbst in der eigentlichen höfischen Schicht herrschte, wie schon gesagt, in erster Linie der Zwang der Konvention, der Mode. Das zeigte sich vor allem später, als der weiter unten (S. [116] f.) zu charakterisierende wirtschaftliche und soziale Rückschlag kam. Da waren die gepriesenen Ideale rasch vergessen, oder man übertrieb noch ihre Äußerlichkeit und schloß sich um so hochmütiger ab. Die ohnehin derb und plebejisch werdende Zeit färbte auch beim Ritter ab, die Frau trat gesellschaftlich völlig zurück, die Trunksucht stieg wieder mächtig. Die Anzeichen dieses Verfalls begegnen ziemlich früh. Schon in Ulrich von Lichtensteins »Frauendienst« finden wir rohe Raubritter geschildert, andererseits auch wirtschaftlich gesonnene, philiströse ländliche Ritter, die dem Dichter ebenso unhöfisch scheinen wie jene. Er selbst zeigt in seiner phantastischen Verzerrung des Frauendienstes die früh eingetretene Entartung desselben; man sah das Wesen der Sache jetzt in der extremen Übertreibung. Andererseits war dem Rittertum noch später ein längerer Glanz in einzelnen Gegenden beschieden, wie in Tirol oder dort, wohin die neuen Ideale am spätesten gedrungen waren, im Norden und Osten, und auch sonst behielt es vielfach einen höheren Nimbus, noch im 15. Jahrhundert, z. B. in Franken, bewahrte jene Ästhetisierung des Lebens freilich nur in geringen Äußerlichkeiten.
Kulturgeschichtlich bedeutsam ist vor allem der weltliche Grundzug des Rittertums. Wir sahen zwar (S. [81]), daß der Ritter theoretisch immer der christliche Ritter ist. Man kann weiter an die Bedeutung der Gralsage erinnern, auf die Grundanschauung im »armen Heinrich« hinweisen, manchen Ritter, der im Kloster endete, nennen und viele Züge echter Religiosität bei den Dichtern anführen. Gleichwohl ist die ritterliche Kultur eine erste höhere Laienkultur, freilich ohne Opposition gegen die Kirche oder auch nur gegen die asketische Anschauung derselben. Beim Rittertum gipfelten diese weltlichen Standesideale eben in jener ausgeprägten Weltfreude, in dem Preis der Frauenliebe, in genußsüchtiger Lebenslust. Diese Weltlichkeit hat nun freilich auch teilweise zu einer stärkeren Gegensätzlichkeit gegen die Kirche und ihren Geist geführt. Wir können von einer gewissen Humanität, einer ausgesprochenen Duldsamkeit den Heiden und Juden gegenüber reden. Die Töne, die dann Walter von der Vogelweide dem Papst gegenüber gefunden hat, zeugen von größerer innerer Freiheit, wenn auch natürlich nicht von Unkirchlichkeit. Die volkstümlichen Spielmannsdichtungen gehen übrigens den Idealen des Mönchstums gelegentlich schärfer zuleibe.
Aber von einer Scheidung zwischen Rittertum und Kirche ist in keiner Weise die Rede. Die äußere Kirchlichkeit wird besonders betont. Überdies war die Anziehungskraft der ritterlichen, »höfischen« Kultur so groß, daß sich selbst die Glieder der führenden Kulturmacht, der Kirche, ihr nicht ganz verschlossen. Diese an den weltlichen Höfen ihre Mittelpunkte findende Kultur war trotz ihrer geschilderten Schwächen mit einem glänzenden idealen Schimmer umgeben, wenn die Welt auch nur kurze Zeit eine wirkliche Blüte edler, höfisch gebildeter und doch männlich-kräftiger Ritterschaft gesehen haben mag, etwa um die Zeit des Mainzer Festes 1184 unter Friedrich I. Rotbart. Nun ist freilich richtig, daß sich das Rittertum eben mit dem Abschluß der Standesorganisation und der völligen Ausbildung der kriegerischen und gesellschaftlichen Standesideale immer schärfer absonderte, die Ebenbürtigkeit zur Bedingung der Zugehörigkeit erhob und sich vor allem vom Bauer, dem »Törper«, »Tölpel«, dessen ländliche Arbeit man nun hochmütig verachtete, zu unterscheiden suchte, obwohl mancher Ritter mit Bauern zechte und mit Bauernmädchen tanzte. Gleichwohl bestrebte sich jene nichtritterliche Welt auf alle Weise, dem Rittertum wenigstens äußerlich nachzuahmen. Und damit gelangt die aristokratische Richtung dieser Jahrhunderte auf ihren Höhepunkt. Das Rittertum, in dem sie sich verkörperte, war zunächst die in allen weltlichen Dingen maßgebende Schicht. Die Fürsten, an die es sich angliederte, zählten sich doch wieder selbst zu den Rittern. Innerhalb des landwirtschaftlichen Lebenskreises, in dem Deutschland noch aufging, waren die Ritter Führer und Herren, aber auch in den aufkommenden Städten gaben noch die ritterlichen Ministerialen, die Geschlechter den Ton an und waren den ländlichen Rittern nicht selten näher verbunden.
Der Adel, insbesondere auch der niedere Adel, war in politischer, militärischer und sozialer Beziehung der wichtigste Stand. Aber man darf auch seine geistige Rolle nicht unterschätzen (vgl. S. [93]). Vor allem war er aber der Träger einer neuen bewunderten gesellschaftlichen Kultur geworden. Diese ästhetische Verfeinerung des Lebens, die an sich schon einen aristokratischen Charakter trug, wurde zum allgemeinen kulturellen Vorbild. Geistliche zunächst hatten schon früh – sie waren ja allein die Schriftgelehrten – französische höfische Dichtungen, freilich nicht ohne geistlichen Einschlag, ins Deutsche übersetzt, und später fehlte es nicht an Geistlichen, die die eigentlich ritterliche Dichtung pflegten oder ihre Ideale priesen. Auch in den Klöstern mochte sich mancher Mönch an der ritterlichen Epik wie am Minnesang erfreuen. Vor allem fanden aber die Bischöfe und geistlichen Würdenträger, die ja in der Regel aristokratischer Abkunft waren, Gefallen daran und zogen Sänger an ihre Höfe, die überhaupt den weltlichen Höfen in ritterlichem Glanz, in Festen und Turnieren, denen die Geistlichen natürlich nur zuschauten, oft wenig nachstanden. – Daß die reichen Bürger sodann, wenigstens damals, in der ritterlichen Kultur die einzig erstrebenswerte sahen, geht schon aus der aristokratischen Zusammensetzung des städtischen Patriziats hervor. Auch der gerade in frühen Stadien rasch reich werdende Kaufmann spielte in ihm bald eine Rolle und tat es dem grundbesitzenden städtischen Adel und den Ministerialen gleich. Gottfried von Straßburg entstammt diesen Kreisen der städtischen Aristokratie, und in Konrad von Würzburg sind wohl ritterliche und bürgerliche Elemente vereinigt. Die Geselligkeit, die Tracht waren durchaus höfisch, man hielt auch Turniere ab, so 1226 zu Magdeburg einen »Gral« für alle »Kaufleute, die da Ritterschaft wollten üben«. Andererseits ist die große, auch im übrigen Abendland zu beobachtende Rolle der Patrizierherrschaft in den Städten, von der wir (S. [102]) noch hören werden, an sich schon ein Zeichen jenes aristokratischen Zeitgeistes und schon deshalb natürlich und zeitgemäß gewesen. So gab es eine, geistliche und bürgerliche Elemente heranziehende, wesentlich ritterliche Gesellschaft aristokratischer Färbung, die für ihre Zeit bezeichnend war, der zwar hin und wieder die geistlichen Asketen grollten, die in einem ausgeprägten Gegensatz aber nur zu einer Schicht stand, auf der gerade alles wirtschaftliche Gedeihen damals noch beruhte, zur bäuerlichen. Aber auch diese Schicht suchte in ihrem reicheren Teil dem allgemein bewunderten Lebensideal um so mehr nachzueifern, je näher dieser Teil dem landsässigen Ritter stand und je häufiger er sich, so namentlich in Bayern und Österreich, mit ihm berührte. Manch ritterlich-bäuerliche Heirat kam zustande, mancher Ministeriale war ursprünglich bäuerlichen Standes. Reiche Bauern, namentlich die junge Generation, machten nicht nur in der Kleidung, Wappnung und im Lebensprunk die französiert-aristokratische Mode mit, sie tanzten auch nach höfischer Weise und begehrten ritterlichen Sang zu hören, sie übten sich sogar selbst, zum Spott der Ritter, gelegentlich im Minnedienst und anscheinend auch im Turnier.
Natürlich ging das alles mit jenem Verfall des ritterlichen Lebensideals selbst vorüber, aber immerhin war in diesem Zeitalter für das ganze Abendland der Grund zu einer höheren gesellschaftlichen Kultur gelegt, und ihre Überlieferungen wurden vor allem von der ritterlich-adligen Gesellschaft auch weiter gepflegt, trotz des Aufkommens einer neuen demokratisch-volkstümlichen Zeit.
Es erhebt sich die Frage, ob dieser Blütezeit der aristokratischen Kultur das volkstümliche Element ganz gefehlt hat, und damit berühren wir wieder unser Hauptproblem. Nicht zunächst der aristokratische als vielmehr der un- und internationale französierte Charakter der ritterlichen Kultur spricht gegen ihre Volkstümlichkeit, ebenso aber der daraus sich ergebende konventionelle Zug, die »Verbildung«. Nationale Elemente fehlen indes nicht ganz (s. auch S. [82]): die Kampflust wie die Jagdleidenschaft, die der Ritter mit dem Herrn des frühen Mittelalters teilt, sind trotz der französischen Färbung mancher Kriegs- und Jagdsitten altgermanisch, auch gewisse Elemente der männlichen und weiblichen Erziehung. In dem naiven Verhältnis zur Natur, der einfachen Naturfreude, der Frühlings- und Sommerlust, zeigt auch die Dichtung alte volkstümliche Züge. Öfter, wie bei Walter von der Vogelweide, verrät sie schon ein feineres Inbeziehungtreten des menschlichen Innern zur Natur. Gekünstelt dagegen ist die äußerliche, auf Glanz und Wunder hinarbeitende Naturbeschreibung der Epen, von Wolfram von Eschenbach und Gottfried von Straßburg etwa abgesehen. Natürlich zeigt aber die Dichtung trotz der fremden Einflüsse auch sonst vielfach deutsche Färbung, und ihre schönsten Erzeugnisse, wie die Lieder Walters oder der Parcival Wolframs, sind doch vor allem als Blüten deutschen Wesens, größerer Innerlichkeit und Tiefe aufzufassen. Trotz allen fremden Firnisses war man doch wieder auf die deutsche Art stolz. »Deutsche Zucht geht vor ihnen allen«, heißt es bei Walter. Von der Bedeutung, die gerade der niedere Adel für die Mündigwerdung der nationalen Sprache über die Dichtung hinaus hatte, werden wir noch (S. [112]) hören. Trotz jenes Gegensatzes zum unkultivierten Bauern zeigen sich nun weiter innerhalb der höfischen Dichtung selbst ausgesprochen volkstümliche Neigungen. Ihr Hauptträger ist der Bayer Neidhart von Reuental mit seinen realistischen Liedern, die unzweifelhaft in Form und Inhalt mit alten ländlichen Tanzliedern zusammenhängen, aber sich doch im Rahmen der höfischen Kunstdichtung halten, wie denn auch der Bauer darin dem Spott des Ritters dient. Walter war über solche »Unfuge« entrüstet, aber manche höfischen Dichter folgten doch Neidharts Spuren und zeigten mit ihrer »höfischen Dorfpoesie« eine volkstümliche Gegenströmung gegen die überfeinerte Minnedichtung (siehe unten S. [139]).
Man darf überhaupt über dem in unserem geschichtlichen Bewußtsein alles überragenden Glanz der höfisch-aristokratischen Kultur nicht die Bedeutung und die still wirkende Betätigung der niedrigeren Volkskreise übersehen. An sich weist ja schon das Rittertum selbst wenigstens in seinen aus unfreien Ministerialen erwachsenen Teilen auf eine seit längerem zu beobachtende Aufwärtsbewegung der niederen Schichten hin. Noch deutlicher und allgemeiner zeigt sich diese in der wirtschaftlichen und sozialen Hebung der breiten bäuerlichen Schicht gegenüber der Grundherrschaft und in der Festigung und wachsenden Bedeutung des städtischen Bürgertums. Gerade der aristokratische Zug der Zeit führte ebenso wie die gesteigerte Lebenskultur und die kriegerisch-politischen Interessen zu einer Abwendung der Herrenschicht – vom Osten ist zunächst nicht die Rede – von der persönlichen landwirtschaftlichen Betätigung, die zum Teil völlig aufhörte. Man lebte lieber von Lieferungen und Naturalabgaben, die sich dann mit der aufkommenden Geldwirtschaft zum Teil in feste Geldabgaben, freilich in sehr ungleicher Weise, wandelten. Bei dem allmählichen finanziellen Verfall namentlich des niederen Adels setzte allerdings bald wieder die Sucht ein, diese Abgaben zu erhöhen und den Bauern auszupressen: aber zunächst war die Höhe der Abgaben gering (über die Gründe ihrer Minderung wie der Schonung der Bauern s. S. [96]). Besonders die Fronden traten stark zurück. Die Zinsbauern wurden durch die Festlegung der Leistungen, die weiteren Ansprüchen vorbeugte, selbständiger. Überhaupt kam man namentlich bei großen Grundherrschaften eben aus wirtschaftlichen Gründen dazu, den großen Betrieb mehr zu dezentralisieren und durch Zerlegung des Herrenlandes in Zinsgüter den Ertrag zu steigern. Im Westen gab es große Besitze schließlich überhaupt nicht mehr: alles war in bäuerliche Betriebe aufgelöst. Günstig für die Bauern war zum Teil die Entwicklung der Landesherrschaft. Die Abhängigkeitsverhältnisse gegenüber einem Grundherrn, der Landesherr war, wurden dadurch, wie man mit Recht hervorgehoben hat, zu öffentlich-rechtlichen. Die Verschiedenartigkeit derselben trat zurück vor der Einheitlichkeit der Untertanenschaft: der einzelne wurde persönlich und wirtschaftlich unabhängiger.