Bei den größeren Grundherrschaften, insbesondere den geistlichen, war die wirtschaftliche Leitung nun zum Teil auf die ursprünglichen Verwalter oder Vertreter, auf die Meier übergegangen. Sie vermittelten die Lieferungen bestimmter Zinsbauern, d. h. sie gaben bald nur ein Bestimmtes, sie bewirtschafteten eine Art Vorhof, natürlich das beste und größte der Güter ihres Bezirks. Gerade sie zeigen nun auch zuerst eine Aufwärtsbewegung, sie vermehren ihr Gut durch Rodung, auch durch Übernahme von Herrenland gegen Zins, ihr Gut wird erblich, sie behalten die Zinsabgaben zurück, sie nähern sich den Rittern, die ja, wie sie meist selbst, zum guten Teil Ministeriale waren, oder werden nahezu freie Gutsbesitzer. Sie machen es also nicht anders als die Vögte, als überhaupt alle, die für Leistungen und Amtsverrichtungen mit Land belehnt waren und dieses Lehnsgut zur erblichen, immer möglichst zu erweiternden Herrschaft gemacht hatten. Dabei wird über die unverschämten Übergriffe der Meier des öfteren geklagt. Entsprechend handelte nun auch schließlich die Klasse der besseren Zinsbauern. Bei der Lockerung der Grundherrschaft nahmen sie auch, was sie kriegen konnten, an Nutzberechtigungen wie Landstücken, umgingen die Meier und lieferten dem Herrn unmittelbar, suchten die Abgaben zu mindern oder sich ihnen zu entziehen, gewannen jedenfalls bei deren Festlegung als Geldabgaben durch das Sinken des Geldwerts und näherten sich, wenn die Erblichkeit ihres Zinsguts erreicht war, den noch bestehenden Resten der vollfreien Bauern, abgesehen eben von ihren Abgaben, soweit sie diese nicht ganz zu beseitigen verstanden. Und selbst die Kopfzins zahlenden, auf dem Herrenhof fronenden unfreien Zinsbauern, deren Abstufungen überhaupt sehr mannigfaltig sind, gewannen durch jene Festlegung der Leistungen. Dadurch, daß man weiteres Herrenland gegen Zins auch an sie austat, wurden sie zum Teil allmählich zu »freien« Zinsbauern. Durch Ansetzung auf einer Hufe wurde aber auch schließlich der eigentliche Unfreie, der immer seltenere Leibeigene ohne Land, zum Zinsbauern, wenn auch zum unfreien.
Im ganzen handelt es sich nicht um etwas durchaus Neues, die bäuerliche Schicht war auch früher von größerer Bedeutung, als man lange annahm, aber es hat doch jetzt eine stärkere soziale Hebung der ländlichen Schichten eingesetzt, wobei von allgemeiner Gleichförmigkeit der gewonnenen Stellung freilich in keiner Weise die Rede ist, und für das 13. und zum Teil das 14. Jahrhundert läßt sich entschieden von einer Zeit bäuerlichen Gedeihens sprechen. Die Abgaben stiegen nicht, wohl aber der Wert und Ertrag des Bodens. Wie wäre es sonst möglich gewesen, daß etwa der österreichische Bauer in äußerem Prunk zuweilen dem Ritter gleichzutun suchte. Freilich hatte sich gerade durch die freiere Güterbewegung, insbesondere durch die Hufenteilung, neben den reicheren, größeren Bauern eine zahlreiche Klasse von Kleinbesitzern gebildet, denen es vielfach schlecht ging. Bezeichnend ist aber die Wiederbelebung des alten genossenschaftlichen Geistes besonders auch durch die freieren Zinsbauern; sie regelten wie die Reste der freien Bauern ihre Angelegenheiten wieder mehr und mehr selbst, nachdem schon früher die Feststellung eines besonderen Hofrechts seitens der Grundherrschaft sich als notwendig ergeben hatte. Von neuem erwuchs die enge Lebensgemeinschaft der Dorfgenossen, die dem einzelnen wirtschaftlichen, sittlichen und sozialen Halt gab, ihn auch freilich in allen Dingen gängelte und dem ganzen Dasein etwas Starres gab. Auch am Gerichtsleben nahm der Bauer noch teil: diese höheren und niederen Dorfgerichte, im Freien tagend, wurzelten durchaus im Volk, und in den später zahlreich aufgezeichneten »Weistümern«, die ja freilich vor allem das wirtschaftliche Leben regeln, steckt auch noch ein gut Teil rechtsschöpferischer Kraft. Mächtig hatte sich auch wieder das Selbstbewußtsein der ländlichen Bevölkerung gehoben. Die milden Saiten, die die Grundherren seit längerem im ganzen ihren Grundholden gegenüber aufgezogen hatten, erklären sich aus der Erkenntnis, daß man auf sie angewiesen war. Man mußte sie gegenüber der zunehmenden Abwanderung, die zuerst gelegentlich der Kreuzzüge, dann nach dem Osten, dessen Kolonisation zu einer gewaltigen Bewegung geworden war, endlich infolge der Anziehungskraft der neuen städtischen Gebilde einsetzte, zu halten suchen. Eben dieser Umstand festigte den bäuerlichen Geist. Man ließ einen weltlichen Grundherrn, der die Bauern drückte, alsbald im Stich und nahm von einer geistlichen Herrschaft ein Zinsgut; aber man leistete auch dieser gegenüber nur das Nötigste. Die Grundherren minderten ihre Ansprüche ständig und sahen sich auch vielfach gezwungen, die freieren Formen der Erbpacht und Zeitpacht, die, an sich doch wohl älter, sich vor allem auf dem Neuland im Osten unter den freieren Verhältnissen entwickelt hatten, in größerem Umfang anzuwenden, und so hob wieder die größere Selbständigkeit das bäuerliche Selbstgefühl. Den vielfach auftretenden verarmten Bauerndrückern und Raubrittern gegenüber griff der Bauer z. B. in Bayern und Österreich zuweilen zu gewalttätiger Vergeltung. Trotz der Verbote ging er dort auch meist gewaffnet einher, trug das Haar lang usw. und sah in seinem Wohlstand auch wohl mit Verachtung auf einen »armen Hofmann« herab. In Westdeutschland verweigerte der Bauer gelegentlich den Zins und so fort.
Wenn also der Bauer meist gedieh, so war doch seine Wirtschaftsweise trotz mancher grundherrschaftlichen Einflüsse keineswegs besonders fortgeschritten. Es ist im Grunde der herkömmlich fortgepflanzte Betrieb alter Zeit, an dem man auch die späteren Jahrhunderte hindurch zäh festhielt. Dieses Gepräge hergebrachter Einfachheit trug überhaupt das ganze bäuerliche Leben. Jenes Mitmachen der höfischen Mode war doch eine auf bestimmte Kreise beschränkte und vorübergehende Erscheinung. Die gewöhnliche Kleidung war überaus bescheiden, die graue Arbeitstracht, die dem Bauern nach allgemeiner Anschauung auch allein gebührte. Bei seinen Festen, insbesondere den Hochzeiten, mochte er sich ungebührlich kleiden und sonst einen rohen, massigen Luxus entfalten, sich z. B. tagelang der Völlerei ergeben: aber wenn er auch sonst eine barbarische Gefräßigkeit zeigte, so war seine Nahrung doch ohne Abwechslung und beschränkte sich auf die alten Speisen. Auch der Wein ist für ihn ein seltenes Getränk geblieben. Ganz nach altem Gepräge waren Haus und Hausrat. Der ästhetische Sinn der Zeit tritt beim Bauern nicht hervor; insbesondere war die Körperpflege gering und die Reinlichkeit wenig geschätzt. Ebenso fern steht er den geistigen Interessen, die sich auch in Laienkreisen zu verbreiten beginnen, wie der elementaren, von Geistlichen vermittelten Bildung.
Sein inneres Leben ist einförmig und wird wiederum von Arbeit und Wirtschaft beherrscht, zugleich aber von dem vertrauten Verbundensein mit der Natur und alten Glaubensvorstellungen beeinflußt. In einfacher, oft derber Natürlichkeit äußern sich seine Triebe, und seine Feste sind vielfach die alten Naturfeste. Dazu war das Kirchweihfest, die Kirmes getreten. Seine Lebensfreude kommt bei Festen und an Feiertagen vor allem in der Form des alten Tanzreihens, den Tanzlieder, dem Vorsänger vom Chor nachgesungen, begleiten, zum Ausdruck. Man tanzte im Sommer kranzgeschmückt im Freien. Hohe Sprünge und dergleichen gehörten dazu, und an Handgreiflichkeiten fehlte es nicht. Wie in der Vorzeit hörte man aber auch zur Unterhaltung gern alte Mären und alte Lieder. Ebenso hatte bei den Bauern anderes halb poetisches Gut, namentlich Spruchgut, eine dauernde Stätte, mit dem Menschenleben, der Wirtschaft und dem Wandel der Natur zusammenhängend, dazu aber jene vielfach schon entstellte alte Glaubenswelt, die in Sagen und Segen wie in einer Unzahl alter Bräuche, wieder mit Leben und Arbeit oft poetisch verbunden, zutage trat. Feinere Gefühle liegen dieser ganzen Art fern. Nüchterner, geschäftlicher Sinn und praktischer Erwerbsgeist, die auch die Schließung der Ehe bestimmen, treten scharf hervor; auch eine Neigung zu listigen Praktiken, vielleicht schon durch die Abgaben und Lieferungen hervorgerufen, zeigt sich später beim Verkauf der Erzeugnisse in der Stadt. Im übrigen beherrschte das Leben, wie es bei halbkultivierten Menschen der Zwang des Zusammenlebens schließlich von selbst ergibt, alte Sitte, also ein gewisses Maß streng gehüteter, selbst erworbener, aber auch durch die Kirche anerzogener, in der Hauptsache volkstümlicher Anschauungen und Regeln.
Der ländlichen Welt des Beharrens steht die städtische des Fortschritts und der Bewegung gegenüber; sie gerade zeigt am deutlichsten jene Hebung der niederen Schichten. Die planmäßigen Gründungen im Westen wie seit der einsetzenden Kolonisation im Osten vermehrten die Zahl der Städte stark. Sind um das Jahr 1000 etwa 80 nachweisbar, so hatten sie sich um 1100 etwa verdoppelt, um 1200 verdreifacht, um dann rasch zuzunehmen und um 1400 beinahe die Zahl zu erreichen, zu der es das Mittelalter überhaupt gebracht hat, d. h. etwa 1000. An Umfang und Volkszahl waren sie natürlich sehr verschieden: die Entwicklung richtete sich nach der wirtschaftlich günstigen Lage, nach den Schätzen und Erträgen des Bodens usw. Mit dem Aufkommen der Städte wurde auch das anfangs spärliche Straßennetz immer dichter, besonders in staufischer Zeit. Wieder brachten die Vorteile aus Zöllen, Geleit usw. die Herren zur Errichtung neuer Straßen – von einem wirklichen Straßenbau ist aber keine Rede –, bis dieselben Beweggründe zu einem Rückschlag, zu einer Art Straßenmonopol führten. Mit der Vermehrung der Straßen war natürlich auch die Errichtung zahlreicher Brücken verbunden. – Landwirtschaftlich gerichtet oder gefärbt wie alles übrige (s. S. [48]), werden die Städte doch immer mehr zu Sitzen von Gewerbe und Handel (s. S. [45] ff.). Die entsprechenden Bedürfnisse und Lebensbedingungen führen wieder zu größerer sozialer Freiheit. Die neben Freien zahlreich zuziehenden Unfreien bilden mit freien Grundbesitzern, Handwerkern und Kaufleuten bald eine in gewissem Sinne gleichartige Masse, mit großen Unterschieden freilich des Besitzes und Einflusses, aber mit immer stärkerem Schwinden der Unterschiede in Bezug auf die persönliche Freiheit. Die bald empfundene Gemeinsamkeit der Interessen treibt gleichzeitig zur Loslösung von den Stadtherren, denen doch die Städte zunächst alles verdankten (s. S. [48]). Ohne Rücksicht auf deren Organe hatten schon im 11. Jahrhundert die einerseits als feste Plätze bedeutenden, andererseits wirtschaftlich erstarkten Städte am Rhein im Bewußtsein ihrer Volkskraft eine selbständige kriegerisch-politische Rolle zugunsten der salischen Könige, wie auch später, gespielt. Das wachsende Selbstbewußtsein führte dann, zumal bei der Schwäche der Reichsgewalt, immer mehr dazu, größere Selbständigkeit zu erstreben; es kam besonders in den Bischofsstädten zu Kämpfen, die natürlich ungleich verliefen: das Ergebnis war für die Hauptmasse der Städte, in Anknüpfung an ältere Vertretungsformen unter den Stadtherren, eine eigene Verfassung, Verwaltung und Gerichtsbarkeit, die Ratsverfassung, deren Bedeutung sich äußerlich in dem Bau der Rathäuser widerspiegelt. Diese im 12. und 13. Jahrhundert durchgesetzte, häufig genug freilich durch Geld erworbene Selbstverwaltung (Finanzen, Steuern, Polizei usw.) wurde später technisch vorbildlich.
Wirtschaftlich und sozial überwiegen in den Städten zunächst noch durchaus die Handwerker, d. h. vor allem auch die verkaufenden Handwerker. Jene schon erwähnten mannigfaltigeren Ansprüche der wachsenden und verschieden gestellten Bevölkerung führten eine bedeutende Vermehrung der Gewerbetreibenden namentlich auf dem Gebiet der Nahrungsmittelgewerbe, der Weberei und der Bekleidungsgewerbe und ein Zurückdrängen der hauswirtschaftlichen Erzeugung herbei; die bauliche Ausdehnung der Stadt, besonders aber die größeren Bauten der Kirchen und Rathäuser förderten die Baugewerbe, der größere Reichtum der oberen Bürgerklasse rief auch allerlei Sondergewerbe hervor. Im ganzen ergab sich neben einem Zurücktreten der bäuerlichen Betätigung und einer Beschränkung der einzelnen auf ein bestimmtes Handwerk eine größere Spezialisierung innerhalb der Handwerke und, zum Teil unter fremden Einflüssen, eine immer bessere Technik und Kunstfertigkeit. Eine große Bedeutung für das innere Leben und die wirtschaftliche Betätigung der Handwerker wie für ihre Geltung nach außen hin hatte ihre hier nicht näher zu erörternde genossenschaftliche Organisation in Zünften, der der Zunftzwang von Anfang an die nötige Geschlossenheit verlieh. Die Obrigkeit der Stadt sah die Zünfte als die eigentlichen Organe der Bürgerschaft an, wie sie auch für deren militärische Gliederung und Verwendung wichtig waren. Der einzelne Bürger bedeutete eigentlich erst etwas als Glied einer Zunft.
So bildeten die Handwerker die eigentliche Masse der Bürgerschaft, nach deren Interessen sich die städtische Politik richtete; sie waren jedoch zum größten Teil auch Verkäufer und vertraten zugleich die Interessen des Handels. Aber neben ihnen und trotz der seit Ende des 12. Jahrhunderts eingeschlagenen, sich abschließenden Richtung auf ein rein örtliches, Stadt und Umgebung umfassendes Wirtschaftsgebiet hatten doch auch die eigentlichen Kaufleute (s. S. [46]) von Anfang an allergrößte Bedeutung; einmal wegen der Einführung der vom Gewerbe gebrauchten Rohstoffe aus der Ferne, weiter wegen des Vertriebes gewerblicher Sondererzeugnisse nach außen, vor allem aber auch als Vermittler der örtlich nicht zu gewinnenden oder herzustellenden, begehrten fremden Erzeugnisse und Stoffe, der Gewürze und Tuche vor allem wie der Luxuswaren. Die kleineren Kaufleute, die Krämer, standen den verkaufenden Handwerkern nahe und bildeten Zünfte wie sie, waren aber anfangs nicht besonders angesehen. Dagegen traten die eigentlichen Kaufleute, die sich namentlich in Norddeutschland zu Gilden zusammentaten, früh in einen gewissen Gegensatz zu den Handwerkern. Es waren vor allem die Tuchhändler, die Gewandschneider, die großes Ansehen genossen, infolge ihres häufig bedeutenden Wohlstandes auch mit den »Geschlechtern« zusammenwirkten und die Stadtpolitik bestimmend beeinflußten. Kleinhandel in Lauben, Gewölben usw. trieben in der Heimat auch diese größeren Kaufleute, aber einzelne von ihnen kamen doch auch zu einer bestimmenden Teilnahme am großen internationalen Verkehr, zu einem Großhandel, bei dem sie sich natürlich keineswegs auf den Tuchhandel beschränkten, sondern die Einfuhr der orientalischen Waren aus Italien und Flandern, ihren und der deutschen Waren Vertrieb nach Norden und Osten (von wo man wieder namentlich Rohstoffe hereinbrachte) eifrig pflegten und große Gewinne davon hatten. Der deutsche Kaufmann wetteiferte nun in internationalen Handelsfahrten mit dem Italiener, der den Levantehandel schon seit längerem von Byzanz weg an sich gerissen hatte, diese orientalischen Waren auch selbst in Westeuropa, auf den Messen der Champagne, in England und Flandern, vertrieb und dafür Tuche und Wolle eintauschte – von seiner Rolle im Geldverkehr, der zunächst vor allem an die Champagner Messen anknüpfte, ganz abgesehen. Mit Deutschland, das ja nicht allzuviel an den von ihnen begehrten Erzeugnissen bot, scheinen die Italiener doch weniger unmittelbar gehandelt und seltener sich dort niedergelassen haben, als man früher annahm. Der Deutsche seinerseits, der nun auch den Juden aus den Gilden und von den Messen, d. h. aus dem Warenhandel verdrängte, tauschte gegen seine Rohstoffe usw. die orientalisch-italienischen Waren vielmehr auf den Messen der Champagne von dem Italiener ein; bald aber sicherte sich wenigstens der süddeutsche Kaufmann die Teilnahme am italienischen Welthandel auch durch Fahrten nach Italien selbst, vor allem nach Venedig, vielleicht schon im 11. Jahrhundert. Völlig entwickelte sich dieser Verkehr erst später nach dem Rückgang jener Messen.
Die Anfänge einer dauernden Festsetzung im Ausland fallen in das 12., weitere Niederlassungen folgen im 13. Jahrhundert. Das Vorgehen der deutschen Kaufleute, die draußen ebenso wie daheim Genossenschaften, Gilden bildeten und eigene Höfe einrichteten, entspricht der Art der Niederlassung in Höfen, wie sie im Mittelmeergebiet seit Beginn des Mittelalters orientalische Kaufleute vielfach gegründet, wie sie dann vorgeschrittenere Abendländer, vor allem wieder die Italiener, ebenfalls eingerichtet hatten. In der Fremde konnte eben nur die genossenschaftliche Organisation dem Kaufmann ein durch Privilegien geschütztes Tätigkeitsfeld sichern. In Italien hatten die Deutschen bereits 1228 den Fondaco dei Tedeschi in Venedig erhalten. Freilich waren hier die Deutschen die Abhängigen und Beaufsichtigten und von den Italienern nur in deren eigenem Interesse geduldet. Der Handel mit Italien blieb vor allem das Feld der süddeutschen Kaufleute. Ein früher Anziehungspunkt für die west- und nordeuropäischen Kaufleute war wegen seiner Wolle und Tuche England. Hier und in Flandern und weiter in Wisby auf Gotland, von wo es wieder ins russische, eine Fülle von Rohstoffen bietende Handelsgebiet ging, bildeten deutsche Kaufleute Vereinigungen (in Westeuropa nannte man solche niederdeutsch Hanse), zuerst nach Heimatsorten und unter gegenseitigen Reibungen, dann im notwendigen Zusammenschluß als »deutsche Kaufleute«. Dieser Zusammenschluß der Kaufleute insbesondere in Flandern scheint dann einen solchen der Heimatsstädte selbst zunächst für das dortige und dann unter Führung Lübecks auch für das nichtflandrische Interessengebiet bewirkt zu haben. Die Hauptaufgabe dieses großen Bundes, dessen äußere Geschichte hier nicht erzählt werden soll, der bezeichnenderweise lange den Namen »der gemeine Kaufmann« führt und erst seit der Mitte des 14. Jahrhunderts als »deutsche Hanse« bezeichnet wird, »war immer die Förderung des Auslandhandels und die Sicherung der auswärtigen Handelsniederlassungen«. Natürlich spielten aber beim Hansabund, dessen Grundlage die Schiffahrt bildete, auch die Sicherung des Handelsverkehrs im Binnenlande, die Förderung der Verkehrsinteressen gegenüber den Zollplackereien, der rechtliche Schutz der einzelnen, die Durchsetzung des Landfriedens in jener raub- und kriegslustigen, unsicheren Zeit ihre Rolle.
Darin entspricht er den nicht minder von handelspolitischen Interessen hervorgerufenen, zugleich aber stark politisch gefärbten, großen binnenländischen Städtebünden, dem Mitte des 13. Jahrhunderts entstehenden rheinischen Städtebund und dem ein Jahrhundert später sich bildenden schwäbischen. Es bedeuteten diese Städtebünde einen neuen Abschnitt der aufsteigenden Entwicklung der Städte überhaupt, ihrer Selbständigkeitsbestrebungen und ihrer bereits früher beobachteten politischen Betätigung. Ein starker Gegensatz zum Adel, aber auch mehr und mehr zu den Landesherren, den Fürsten, tritt hervor. Das neue Wirtschaftsleben, dessen Sitze die Städte sind – von der neuen Geldwirtschaft werden wir noch (S. [117] f.) hören –, setzt sich auch äußerlich, politisch durch, wie auf seinem Boden auch neue soziale Verhältnisse sich bilden und eine eigenartige Kultur entsteht. Eine neue, demokratisch gefärbte Zeit ist im Anzuge, aber zunächst überwiegt auch in den Städten jene aristokratische Zeitfarbe. Ritterlich lebende Patrizier waren, wie wir (S. [92]) sahen, die maßgebende Schicht in ihnen. Sie sind trotz ihres Kastengeistes und ihrer Herrschsucht die eigentlichen Gründer der städtischen Macht und Kultur gewesen. Diese Männer haben die bedeutenden Befestigungen, die großen Kirchen und öffentlichen Bauten, denen ihre stolzen Steinhäuser entsprachen, in erster Linie angeregt und vollendet, sie haben den Grund gelegt zu der städtischen Selbstverwaltung wie zu der selbständigen städtischen Politik nach außen.
Das auf dem Gebiet höherer Kultur führende Element bleibt aber auch in den Städten die Geistlichkeit, die allerdings immer stärker von bürgerlich-demokratischem Geist erfüllt wird, bis ihr die Laienschicht die Kulturpflege nach und nach abnimmt. Zunächst triumphiert überhaupt in der Welt des 13. Jahrhunderts neben der ritterlichen führenden Schicht, neben dem bäuerlichen urtümlichen Element und dem bürgerlichen Träger der Zukunft die Kirche als alte Kulturmacht noch durchaus. Aus Frankreich war nicht nur die siegreiche weltlich-höfische Kultur gekommen, sondern vorher auch jener strengkirchliche Geist, der dann aber auch einen neuen Aufschwung kirchlich-kulturellen Lebens einleitete. Gotik (s. S. [88]) und Scholastik sind die großen aus Frankreich stammenden Erscheinungen, in denen man zunächst Kulturschöpfungen der Geistlichkeit sehen muß, in denen viel von dem Geist der neuen Zeit nach den Kreuzzügen verarbeitet ist. Wenn man in den hochragenden gotischen Kirchen der Städte später gewiß auch das mächtig aufstrebende Bürgertum sich widerspiegeln sehen darf, wenn sie sich zum Teil gerade aus den Ansprüchen der wachsenden städtischen Bevölkerung, denen die romanischen Bauten nicht mehr gerecht wurden, entwickelt haben, wenn an ihrer Errichtung und Gestaltung in immer größerem Maße Laien beteiligt waren, so sind jene Bauten doch in erster Linie die erhabensten Zeugen der Macht des priesterlichen Elements, des kirchlichen Geistes im Volke und des kulturellen Könnens der Geistlichen, nicht eines der Welt zugewandten Sinnes. Auf Gott und das Überirdische war ihrem ganzen Wesen nach auch die Scholastik gerichtet, die wie die Gotik die künstlerische, so die geistige Höhe der geistlichen Kultur darstellt (im übrigen aber eine noch nicht genug erforschte, lange Vorgeschichte hat). Auch in ihr steckt andererseits etwas vom laiischen, freier gerichteten Geist. Der Mittelpunkt des geistlich-geistigen Lebens blieb die Theologie, aber eine Theologie, deren Glaubenssätze philosophisch durchdacht und gerechtfertigt wurden, die zu einem philosophischen Gedankensysteme erblühte. Unzweifelhaft entspringt diese Strömung zu einem wesentlichen Teil den geistigen Einflüssen des Islam, denen sich seit den Kreuzzügen das Abendland geöffnet hatte und durch die diesem vor allem wieder die griechischen Philosophen und sonstigen Autoren unter spanisch-jüdischer Vermittlung bekannt wurden. Zurück traten, vor allem gegenüber den metaphysisch-logischen Zweigen, die schon durch jene asketische Bewegung bekämpften poetisch-grammatisch-literarischen Studien. Der große Meister der Wissenschaft wurde Aristoteles, die Quelle der Wahrheit, freilich durchaus theologisch zurechtgestutzt und namentlich formalistisch verwertet. Von Bedeutung wurde er insbesondere auch für die Dialektik, die nun meist der Hauptunterrichtsgegenstand und in dem nunmehr höchst wichtigen, wiederum formalistisch geführten Schul- und Meinungsstreit die eigentliche Methode der Scholastik wurde. Man darf über diesem, eben vor allem durch schulmäßige Übung entwickelten, zugespitzten, künstlichen, äußerlich-formalen, alles begriffsmäßig zustutzenden, auch wieder stark verfeinerten, dekorativen Treiben nicht das wesentliche Moment übersehen, daß damit doch eine sehr bedeutende Schulung des Verstandes einherging, daß überhaupt das Denken, die Vernunft eine entscheidende Rolle spielte. Man gelangte doch zu einem selbständigeren wissenschaftlichen Denken. Es handelt sich wirklich um Philosophie, freilich um mittelalterliche Philosophie. Ihr Hauptziel war die Vereinigung von Glauben und Denken, Theologie und Philosophie, wobei sie selbst aber die Dienerin war. Eben Frankreich, wo das »studium« überhaupt blühte, ist wieder die Hauptpflegestätte der Scholastik, und auch als solche äußert es seinen damals gewaltigen Einfluß auf Deutschland. In Paris lehrte auch lange der Doctor universalis, Thomas von Aquino, der in seinem System mit Hilfe des Aristoteles jene erstrebte Vereinigung erzielt zu haben glaubte. Wie ihm dann Gegner erstanden, wie überhaupt die Scholastik, die Universitätswissenschaft des späteren Mittelalters, sich weiter und freier entwickelte, wird uns noch (S. [145] f.) beschäftigen.