Vorhin trennte ich die Summe des Trinkgeldes für den Fall, daß die Restaurationsbedürfnisse gleich bezahlt werden! Man wird dann immer mehr Trinkgeld ausgeben, als wenn man einmal bezahlt! Trotzdem empfehle ich den Kollegen, immer die Restaurationsbedürfnisse gleich zu begleichen. Mehr Trinkgeld wird ausgegeben, das ist richtig! Dafür wird aber so manches Glas Bier, so manche Zigarre usw. gespart, die man sonst nur auf der Rechnung findet.
Gasthauspersonal.
Ueberhaupt die Rechnung! Es gibt Kellner, die bringen es vorzüglich fertig, sich den Anschein zu geben, als brauche die Rechnung nie bezahlt zu werden. Will man die Rechnung haben, lächelt der Ober generös, er will dann durchaus wissen, wann man fährt und hat dann immer „noch Zeit“. Diese Oberkellner und mehr noch die ausgeschriebene Rechnung betrachte ich mit Mißtrauen. Irrtümer, die man erst im abfahrenden Zuge entdeckt, bleiben fast immer unberichtigt. Deshalb fordere man die Rechnung rechtzeitig. Will man früh abreisen, begleiche man am Abend, will man spät reisen, in der Früh, immer aber so, daß die Gelegenheit der Nachprüfung da ist. Allzu freundliche „Ober“ weise man bestimmt an, dem Wunsch nachzukommen und halte sich nicht weiter damit auf, das „Warum“ auseinanderzusetzen. Das Verhalten zum Hotel-Personal sei überhaupt immer höflich, aber bestimmt. Vertraulichkeiten dulde man nicht und wende sie nicht an. Wer befehlen kann, fährt im Gasthaus besser, als der, der bitten muß und bei den dienstbaren Geistern die Ansicht weckte, alle ihre Pflichten seien Gefälligkeiten.
Diese höfliche Zurückgezogenheit ist besonders gegen das weibliche Personal angebracht. Im Reisenden steckt manchmal ein Stückchen Abenteuerlust. Vertraulichkeit befördert sie. Hübsche Zimmermädchen gibt es, die hübschen gefallen natürlich vielen, sie werden mehr umworben und sind schließlich keine Tugendengel. Das Haus — auch das Gasthaus — muß rein gehalten werden! Die Vertraulichkeit mit einem Zimmermädchen hat schon manchesmal den Keim zu Schlimmeren gelegt. Und das Renommee, ein „forscher Kerl“ zu sein, tut es wahrlich nicht! Der Reisende soll seine „Forsche“ in seiner Tätigkeit und nur da suchen!
Verhalten zu anderen Gästen.
Da wir einmal beim persönlichen Verhalten sind, wollen wir uns auch einmal mit dem Verhalten zu anderen Gästen beschäftigen. Der Reisende muß eins mit dem großen Moltke gemeinsam haben: im rechten Augenblicke schweigen zu können; besonders dann, wenn er den Frager nicht kennt. Aus rein persönlichem Anteil fragt kein Reisender den anderen: „Worin reisen Sie?“ Es ist des Reisenden gutes Recht, in seinen Kollegen Konkurrenten zu wittern. Freilich, im Laufe der Zeit schärft sich der Blick. Ich möchte fast sagen, daß man die einzelnen Branchen an der Kleidung des Reisenden unterscheiden kann, bestimmt geben die Koffer wichtige Anhaltspunkte. Warum nun dem anderen sagen, worin man reist? Trifft es sich, daß man einem Konkurrenten in die Hände läuft, dann weiß der zwar, daß er einen Konkurrenten vor sich hat, der freundliche Auskunftgeber kennt aber die Zunft des anderen nicht und — wird sie auch durch ihn nicht mehr kennen lernen. Wohin der Reisende dann fährt, ist schnell herauszubekommen! Man darf nur den „Friedrich“ fragen, wann der Reisende gefahren ist. Dann hat man die Richtung, überspringt einen oder zwei Plätze und hat einige Gewißheit, den Konkurrenten um einige Nasenlängen zu schlagen.
Dabei ist noch ein Umstand zu berücksichtigen, der auch den Konkurrenten auf die Spur bringen kann: viele Gasthausrechnungen tragen vorgedruckt die Frage „Briefe wohin?“ Die Wirte nehmen als selbstverständlich an, daß sie Gelegenheit haben werden, Briefe nachzusenden, und dann erweisen sie ja dem Reisenden eine Gefälligkeit. Muß man sich denn aber durchaus steckbrieflich verfolgen lassen? Muß Müller von Meyer & Co. wissen, daß Schulze von H. Schmidt Söhne auch da ist oder doch bestimmt bald kommt? Selbst wenn die Firmen keine Briefumschläge mit Aufdruck nehmen, so ist doch ein Reisender leicht bei seinen Kollegen von der Konkurrenz dem Namen nach bekannt. Deshalb keine Briefe in das Hotel. Auch im Interesse des Reisenden selbst nicht! Briefe werden im Reiseleben oft vom Empfänger nicht abgeholt und ihre Nachsendung macht sich notwendig. In einem gut organisierten Gasthaus wird zwar die Nachsendung auch pünktlich veranlaßt werden, wieviel der Gasthäuser sind aber gut organisiert? Sicher ist die Deutsche Reichspost zuverlässiger, als ein Oberkellner. Man lasse sich die Post „postlagernd“ senden und zwar immer „hauptpostlagernd“, um Verwechselungen vorzubeugen. Kurz vor Abgang des Zuges wird man dann Gelegenheit haben, die letzte Post in Empfang zu nehmen; gleichzeitig benutzt man ein ausliegendes Formular, um der Post aufzutragen, weiter eingehende Sendungen nachzusenden. Die Legitimationskarte reicht allgemein aus, Postsachen, auch Geldsendungen in Empfang zu nehmen, aus Bequemlichkeitsgründen empfiehlt es sich indessen, eine Postausweiskarte zu benutzen.
Tischungezogenheiten.
Der Reisende sollte auch einigen Wert darauf legen, keine Tafelungezogenheiten zu begehen. In der Tat soll man nicht sagen, was der Mensch ißt, das ist er, sondern man darf mit größerem Recht behaupten, wie der Mensch ißt, so ist er. So verrät sich der „bescheidene“ Mensch ganz bestimmt, wenn er auf der Platte herumstochert nach dem größten oder besten Stück! Ganz besonders gereicht das einem jungen Menschen zur Zierde! Wenn das Personen nach vorheriger Verständigung tun, die zusammen gehören und sich gut kennen, dann mag es — vielleicht — hingehen. An der Gasthaustafel kennt man sich nicht und muß sich befleißigen, Unarten abzutun, will man nicht als unerzogen gelten. Und für unerzogen hält man einen Tischgast, wenn er aus Brotteig Figuren und Kugeln knetet, auch wenn er in dieser Kunst ein Meister ist. Zweifellos ist es auch sehr appetitlich, wenn man an der Tafel den Taschenkamm herauszieht und sich Bart- und Haupthaar kämmt oder mit der Bürste striegelt! Man war ja struppig! Und so konnte man nicht am Tisch sitzen! Gewiß nicht, aber die Tafel ist keine Frisierstube. Auch kein Fechtsaal! Die schöne Pose des Fechters kommt auch gar nicht heraus, wenn man mit dem Messer ißt, wohl aber kann man damit unangenehmen Spott herausfordern! So ging es einmal einem Onkel! Der konnte es auch nicht lassen, die gefährliche Prozedur vorzunehmen, mit der scharfen Messerklinge zu essen. Das bemerkte Freund „Dampramang“. Er erbot sich urplötzlich, einen Witz zum besten zu geben: Kommerzienrat X, ein echter Emporkömmling, ist zu irgend einer großen Fête geladen! Der Diener kommt eben dazu, wie der Kommerzienrat, der sich unbeobachtet glaubt, prüfend über des Messers Schneide fährt! Er sieht den Diener und bemerkt: „Heute sind sie nicht scharf, erfreulicherweise, neulich hatte ich mir den ganzen Mund zerschnitten“. Selbstverständlich lachten wir alle und unser „Degenschlucker“ trug die Kosten.
Fisch ißt man nicht mit dem Messer, es sei denn, man bekommt ein Fischmesser zum Besteck. Das gewöhnliche Tischmesser beeinträchtigt den Geschmack des Fisches. Man säubert ihn nur mit der Gabel in der rechten und einem Brötchen in der linken Hand von den Gräten und ißt dann auch, die Gabel rechts, das Brötchen links. Wo man Knödel genießt, schneidet man sie ebensowenig, wie man die Kartoffeln schneidet. Die Knödel reißt man, die Kartoffeln zerdrückt man.