Wenn ich dann noch darauf verweise, daß man bei Tisch vortreffliche Gelegenheit hat, seine schönen Zähne bewundern zu lassen, indem man mit dem Zahnstocher im Mund herumfährt und der Zunge dann die Arbeit läßt, die der Zahnstocher nicht ganz verrichten konnte, wenn ich die Aufmerksamkeit verehrter Tischgenossen noch auf das ungewöhnliche, aber stimmungsvolle Konzert lenke, das durch Schlürfen der Suppe, Klappern der Löffel am Teller und das weihevolle Schmatzen aufgeführt wird, so glaube ich mit den Tafelungezogenheiten fertig zu sein.

Ein Abend auf der Reise.

Verbringen wir nun noch einen Abend auf der Reise! Wer stets mit dem Schreiben recht vieler Kommissionen den Abend auszufüllen vermag, braucht diesen Abschnitt nicht zu lesen. Wer aber mit den Kommissionen fertig ist und noch ein Stündchen oder zwei angenehm verbringen möchte, der folge mir! Nicht in das Gastzimmer! Das ist leider vielfach nur ein Aufenthalt für Skat- und Billardspieler! Im Gastzimmer sitzen und lesen, heißt trinken müssen! Ein Schachspiel findet sich wohl vor, Schachspieler sind aber nicht so zahlreich anzufinden wie die Karten- und Billardkünstler. Aber dieses Trinkenmüssen! Gewiß, kein Wirt verlangt wohl, daß seine Reisenden trinken! Wenn man aber seinen Tee, sein Bier, seinen Wein eben ausgetrunken hat, und der diensteifrige Kellner erscheint, dann liegt darin ein Zwang. Dabei gibt es wenig wirklich anheimelnde Gastzimmer! Schlechte Bilder, unechte Kunstgegenstände, imitierte Wandbekleidung und staubig gewordene Portièren machen einen Raum nicht gemütlich.

Der Abend kann besser verbracht werden! Jede mittlere Stadt hat heute ein Theater! Gewiß sind infolge der mangelnden Bühnentechnik nicht alle Stücke gleich genießbar. Einen Schwank oder ein modernes Schauspiel kann aber auch eine kleine Bühne ausstatten. Wo es am Theater mangelt, findet man sicher Gelegenheit, ein gutes Konzert zu hören. Hat man Verbindung und muß man vielleicht ein Stück die Eisenbahn benutzen, um zu derartigen Genüssen zu kommen, dann wende man die paar Groschen an, sie bringen reichliche Zinsen. Sind keine Theatervorstellungen zu haben, wird kein Konzert gegeben, so kann man sicher irgend einem Vortrag beiwohnen. Besonders in Großstädten löst ein Vortrag den anderen ab; die verschiedensten Wünsche finden reichlich Berücksichtigung. Reißen aber alle Stricke, dann vertreibt, wie schon gesagt, ein gutes Buch die Langeweile, es pflegt auch ein guter Zimmergenosse zu sein.

Ein Wort noch über die Zweckmäßigkeit, im Hospiz, im sogenannten „Hotel garni“ oder privat zu wohnen. Fast alle Hospize sind mehr auf den Familienaufenthalt zugeschnitten, für den Geschäftsreisenden jedoch weniger eingerichtet. Nur wer keine Muster mit sich führt, darf im Hospiz wohnen; er wird dort manches finden, was ihm das Gasthaus nicht zu bieten vermag. Im Privatlogis zu wohnen, wird nur wenigen Reisenden bestimmter Branchen möglich sein. Es ist für sie Voraussetzung, daß sie ebenfalls keine oder nur wenig Muster mit sich führen, es ist weitere Voraussetzung, daß sie länger an einem Platz zu tun haben.

Bei der Kundschaft.

Wollen Sie mir glauben, daß es Reisende gibt, für die eine große Schwierigkeit darin besteht, daß sie nicht zur Kundschaft kommen können? Merkwürdig, meint der Leser, sei das denn doch in unserem Zeitalter, das im Zeichen des Verkehrs steht. Ich denke auch gar nicht an verschneite Wege oder unwirtliche Gegenden! Ich denke an die Mittelstadt, die Großstadt, wo es an Verkehrswegen doch nicht mangelt. Es geht manchem Reisenden wie dem Bühnenkünstler: er bekommt

Lampenfieber.

Ist das überwunden, hat er gesiegt, dann kann er seine Kräfte frei entfalten. Aber das Lampenfieber des Reisenden kehrt wieder, das ist das Schlimme.

Der Künstler scheut sich vor den vielen Menschen, die ihn anstarren, den Reisenden machen große Spiegelscheiben und luxuriös eingerichtete Geschäftsräume oft befangen. Ich will es gleich verraten, daß ich auch Lampenfieber hatte, damals, als ich detail reiste, und auch später noch. Später mußte ich mehrmals einen Anlauf nehmen, ehe ich mich in ein gut ausgestattetes Geschäft hineintraute; und früher waren hohe Beamte, Gutsbesitzer und Fabrikanten in ihrer Häuslichkeit vor mir so ziemlich sicher.